Janusz Reiter zum Stauffenberg-Attentat "Deutsche Widerstandskämpfer verachteten Polen"

In seiner Rede zum 68-jährigen Jubiläum des Stauffenberg-Attentats auf Hitler stellt Polens Ex-Botschafter Janusz Reiter eine provokante Frage: Warum tun sich viele Polen schwer mit dem Thema deutscher Widerstand? Seine Antwort: Weil sich viele Widerstandskämpfer mit Polen schwer getan haben.

Die Rede im Wortlaut

Es ist der schwierigste Redeauftrag, den ich je angenommen habe. Und doch bin ich dankbar für ihn. Ich betrachte ihn als ein Zeichen, dass das polnisch-deutsche Verhältnis reif dafür ist, auch über dieses schwierige, komplexe Thema miteinander zu sprechen. Es ist eins von den Themen, von denen Nationen oft glauben, dass sie sehr "intim" und Anderen, Fremden, unzugänglich seien. Es kommt möglicherweise noch die Sorge hinzu, dass sich Andere mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte schwer tun könnten.

Ja, ich will gar nicht leugnen, dass auch ich mich diesem Thema vorsichtig zögernd angenähert habe und meine Distanz unter anderem überwinden konnte, weil ich das Glück hatte, Menschen zu begegnen, für die der deutsche Widerstand ein Teil ihrer Familiengeschichte ist wie Jan von Haeften, den Sohn von Hans Bernd von Haeften. Und auch Fritz Stern, der hier vor zwei Jahren gesprochen hat, hat mir Mut gemacht, sich dieser Aufgabe zu stellen.

Sie mögen sich fragen, warum ich mich - wie viele in Polen - mit diesem Thema schwer getan habe. Die einfachste und ehrlichste Antwort lautet: Weil sich auch viele, vielleicht die meisten Angehörigen der deutschen Widerstandsgruppen mit Polen schwer getan haben. Die Frage, die ich mir stellen musste, war, ob ich dieses zum wichtigsten Maßstab meiner Einschätzung der Männer und Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus erklären kann?

Nein, das wäre verkürzt und ungerecht. Nicht nur, weil es doch rühmliche Ausnahmen gab. Wenn ich erkenne, dass die Menschen des deutschen Widerstands, ob Einzeltäter wie der Tischler Georg Elser oder die Gruppe Weiße Rose, der Kreisauer Kreis und die Rote Kapelle, die kirchliche Opposition und selbstverständlich die am Umsturzversuch des 20. Juli 1944 Beteiligten, Respekt verdienen, dann nicht etwa weil sie schon immer auf der richtigen Seite gestanden haben und makellos waren, sondern weil sie den Mut hatten, dem Unrechtsregime zu widerstehen. Und ich denke auch an Menschen wie Berthold Beitz, die nicht im organisierten Widerstand waren, aber hunderte von Juden und Christen in Polen gerettet haben.

Wir würdigen die Widerständler heute also nicht, weil sie immer recht hatten, sondern weil sie sich entschlossen, gegen den übermächtigen Strom ihrer Zeit zu gehen und ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Und auch wenn wir heute wissen, dass sie und nicht die Mehrheit in die richtige Richtung gingen, wie viele wussten das damals? Und wie viele zogen die Konsequenz, dass wissen nicht genug war, dass man etwas tun musste? Wer diese Konsequenz zog, war zur Einsamkeit im eigenen Volk verurteilt. Das ist der Preis, den die meisten Gegner von Diktaturen zahlen müssen. Und diese Gegner des "Dritten Reichs" hatten es mit einer besonders "erfolgreichen", erschreckend populären Diktatur zu tun, die auch ihre Niederlagen dafür zu nutzen wusste, die Bevölkerung auf ihrer Seite zu halten.

20. Juli 1944: Attentat auf Hitler

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