200 Jahre Wiener Kongress Friede, der nicht demütigt

Ganz Wien war ein riesiges Fest, eine gesellschaftliche Veranstaltung mit Tausenden von Teilnehmern.

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Der Wiener Kongress ordnete Europa nach den napoleonischen Kriegen neu - auf Kosten der Freiheit, im Zeichen der Stabilität. Das System hielt 100 Jahre. Der Historiker Andreas Rose erklärt, welcher Frieden von Dauer ist - und warum die Lehren von Wien in Versailles wieder vergessen waren.

Von Paul Munzinger

Der Historiker Andreas Rose erforscht internationale Beziehungen und die Geschichte des Staatensystems im 19. und 20. Jahrhundert, mit besonderem Augenmerk auf die Konflikte dieser Zeit. Er hat Standardwerke zur deutschen Außenpolitik im 19. und frühen 20 Jahrhundert verfasst. Zuletzt erschien in englischer Sprache The Wars before the Great War. Conflict and International Politics before the Outbreak of the Great War (Cambridge 2015). Andreas Rose lehrt an der Universität Bonn.

Der Wiener Kongress gilt heute vielen als monatelange Tanzveranstaltung, die nur vereinzelt für Verhandlungen unterbrochen wurde. Wird dieses Bild dem Friedenskongress gerecht?

Andreas Rose: Absolut. Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass eine reine Orgie war, wie manchmal zu lesen ist. Aber ganz Wien war ein riesiges Fest, eine gesellschaftliche Veranstaltung mit Tausenden von Teilnehmern. Die Menschen feierten, weil der Krieg nach fast drei Jahrzehnten endlich vorbei war. Und die beteiligten Staatsmänner trugen natürlich dazu bei: Metternich, Friedrich von Gentz, Castlereagh, Talleyrand - alles charismatische Weltbürger, die das Dolce Vita genossen haben.

Blieb da überhaupt Zeit für Verhandlungen?

Die Festkultur und die große Politik schlossen sich nicht aus, im Gegenteil. Man darf nicht vergessen, dass der Kongress fast neun Monate dauerte, viel länger als die Nachfolgekongresse in Paris 1856 oder Berlin 1878. Ablenkung tut da manchmal sehr gut, um nachzudenken und Emotionen abkühlen zu lassen, die bei einzelnen Fragen auftreten können. Wenn man zwei oder drei Tage mit Festivitäten verstreichen lässt, dann ist die nächste Sitzung schon entspannter. Und die gute Atmosphäre trug auch dazu bei, dass die Verhandlungen gelingen. Beim Berliner Kongress war das ganz anders: Bismarck hat das Treffen als reinen Arbeitskongress gesehen, er ist meistens mit Uniform und Helm aufgetreten. Für gesellschaftliche Aktivitäten in Berlin gab es keine Zeit. Das war alles andere als eine gemütliche Stimmung.

Europa erlebte von 1815 bis zum Ersten Weltkrieg ein Jahrhundert keinen großen Krieg mehr. Welchen Anteil hatten daran die Vereinbarungen des Wiener Kongresses?

Einen beachtlichen. Der Kongress hat ein System von Konferenzen begründet, auf dem die wesentlichen Prinzipien des Friedens festgelegt wurden. Dieses System wurde zwar formal schon in den 1820er Jahren wieder fallengelassen, doch der grundsätzliche Gedanke, sich bei Krisen international zu verständigen, hat sich darüber hinaus gehalten.

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Kriege gab es aber trotzdem.

Der Wiener Kongress hat den Krieg nicht geächtet, das ist ein kleiner Mythos. Das Recht der Kriegführung als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln war weiterhin Bestandteil der Ordnung. Man hat nur versucht, den großen Konflikt, in den alle Großmächte verwickelt sind, zu verhindern. Kleine regionale Konflikte waren durchaus zugelassen, sie dienten sogar als Ventil, um Spannungen zu lösen, ohne das Gesamtsystem in Frage zu stellen. Zum Beispiel die russisch-türkischen Kriege im Orient.

Was macht einen Friedensschluss zu einem stabilen Frieden, der lange hält und auch Krisen übersteht?

Der gute Friede ist der Friede, der den Besiegten nicht demütigt und bei dem am Ende alle Staaten glauben, dass eine legitime Ordnung herrscht. Kein Staat sollte einen Grund haben, diese Ordnung in Frage zu stellen, weil er sich übervorteilt fühlt. Das besiegte Frankreich ist nach Wien als gleichberechtigter Verhandlungspartner eingeladen worden. Das Land wurde nicht demilitarisiert und in den Grenzen von 1792 belassen. Frankreich wurde nicht gedemütigt - das war der Schlüssel dafür, dass diese Ordnung Bestand hatte.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde diese Regel nicht beherzigt. Das besiegte Deutsche Reich durfte nicht an den Verhandlungen in Versailles teilnehmen.

Dabei haben die einzelnen Außenministerien der Siegermächte sogar Experten beauftragt, die sich im Vorfeld der Verhandlungen dezidiert mit dem Wiener Kongress beschäftigen sollten. Man wollte tatsächlich etwas lernen - und hat dann genau das Gegenteil gemacht. Deutschland sollte bestraft und gedemütigt werden - schon allein dadurch, dass die Verhandlungen in Versailles stattfanden, wo das Deutsche Reich 1871 ausgerufen worden war. In Versailles wurde das gesamte deutsche Volk für den Krieg verantwortlich gemacht, nicht einzelne Personen.

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Und auf dem Wiener Kongress?

In Wien hat man konsequent getrennt zwischen der Person Napoleon und dem Staat Frankreich. Napoleon wurde verbannt, aber Frankreich sollte ein etabliertes Mitglied des Mächtekonzerts bleiben. Der Bourbonenmonarchie, die man wieder auf den Thron setzte, sollte die Hypothek eines harten Friedens erspart bleiben. Den Demokraten in Deutschland hat man 1919 diesen Gefallen nicht getan.

Warum knüpfte man nicht an die Erfahrungen von 1815 an?

Der Erste Weltkrieg sollte der "War to end all wars" sein, der Krieg, der alle Kriege beendete. Deutschland sollte ein für alle mal am weiteren Ausgreifen gehindert werden. Dazu war die Situation nach dem Ersten Weltkrieg emotional viel aufgeladener. In den napoleonischen Kriegen hatten Monarchien gegeneinander gekämpft, 1914 bis 1918 waren es Völker gewesen, die einen totalen Krieg geführt hatten, mit enormen zivilen Opfern. Besonders die öffentliche Meinung drängte darauf, eine Regelung zu treffen, die diese Opfer im Nachhinein rechtfertigte.

Erleichterte es die Verhandlungen auf dem Wiener Kongress, dass die Gesandten nicht unter dem Druck einer national aufgepeitschten Öffentlichkeit standen? Immerhin wirkt es aus heutiger Sicht schon arg zynisch, wie konsequent die versammelten Fürsten die nationale Frage in Deutschland, Italien oder Polen übergingen und wie leichthin sie Bevölkerungsteile wie auf einem Basar hin- und herschoben.

Die öffentliche Meinung hatte beim Wiener Kongress nur eine beobachtende Funktion, sie war kein eigenständiger Akteur. Das war wirklich ein Vorteil. Die geheimen Beratungen konnten sich in aller Ruhe vollziehen, man konnte ohne Emotionen thematische Fragen behandeln. Das hat sich im Laufe des 19. Jahrhunderts gravierend verändert. Nach dem Ersten Weltkrieg hieß es, ein Grund für den Ausbruch des Krieges sei die Geheimdiplomatie gewesen. Das sehe ich nicht so. Geheime Verhandlungen, das sieht man am Wiener Kongress, können sich friedensstiftend auswirken.

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