50 Jahre türkische Gastarbeiter in Deutschland Almanya, das neue Deutschland

Zwei Seiten Papier reichten aus, um das deutsch-türkische Anwerbeabkommen zu schließen, das Deutschland für immer verändert hat. Türkische Einwanderer und ihre Kinder haben seit jenem 30. Oktober 1961 die Bundesrepublik geprägt - und das Wirtschaftswunder mitgestaltet. Bis heute wird viel zu wenig über den Reichtum, die Schätze und die Erfahrung gesprochen, die Deutschland dabei gewinnt.

Von Heribert Prantl

Die neue deutsche Geschichte begann vor fünfzig Jahren; sie begann 1961 an einem Montag, nach einem viel zu warmen Monat Oktober; sie begann so, dass niemand es merkte - irgendwie mickrig, ohne Trara, ohne Staatsbesuch, ohne Nationalhymnen, ohne feierliche Reden, ohne Händedruck; es gab keine in Leder gebundenen Urkunden, und niemand setzte ein bedeutendes Gesicht auf.

Als staatsrechtlich bedeutsamen Akt verstand es niemand, dass da zwei Seiten Papier hin- und hergeschickt wurden. Im Text dieser zwei Seiten ging es ja nur um eine Art Liefervertrag: Das Auswärtige Amt in Bonn gab in einem kurzen Schreiben an die türkische Botschaft eine Bestellung auf - und die Botschaft beehrte sich mitzuteilen, dass sie gerne liefern werde. Es handelte sich nicht um die Lieferung von Haselnüssen für bundesdeutsche Kantinen, sondern um die Lieferung von billigen Arbeitern für die bundesdeutsche Wirtschaft, genannt "Vermittlung von türkischen Arbeitnehmern nach der Bundesrepublik Deutschland".

Dieser Tag hat Deutschland verändert; Es war ein historischer Tag ohne tagesaktuelle Bedeutung. Im Auswärtigen Amt hatte man andere Sorgen. Es war der letzte Tag des Außenministers Heinrich von Brentano, der zwei Tage vorher beim 85-jährigen Kanzler Konrad Adenauer seinen Rücktritt eingereicht hatte. Adenauer hatte soeben in der Bundestagswahl gegen Willy Brandt die absolute Mehrheit verloren und musste Koalitionsverhandlungen mit der FDP führen.

In Berlin wurde derweil die Mauer weiter hochgezogen. Damit war das Nadelöhr in den Westen zubetoniert, der Eiserne Vorhang dicht, der Zustrom von Menschen aus dem Osten gestoppt. Die Industrie war aber auf diesen Zustrom angewiesen. Die Wirtschaft boomte, Arbeitslose gab es nicht. Die Hochöfen mussten geschürt, die Autos zusammengebaut werden. Ford und Opel brauchten fleißige und billige Arbeiter, und die Türkei hatte welche. Die Bundesregierung ließ sie kommen.

Das war die Situation am türkeiwarmen Montag, 30. Oktober 1961. Das Anwerbeabkommen mit der Türkei war eine der Folgen des Mauerbaus. Walter Ulbricht wurde so zum Vater eines neuen Deutschland, indirekt, ungewollt und ohne dass es jemand hierzulande oder in der Türkei geahnt hätte. Und die türkischen Arbeiter gestalteten das Wirtschaftswunder mit. Heute gibt es deutsche Politiker, die Evrim Baba, Mustafa Kara, Eran Toprak oder Nesrin Yilmaz heißen, es gibt eine Sozialministerin Aygül Özkan in Niedersachsen, eine Integrationsministerin Bilkay Öney in Baden-Württemberg und einen Parteivorsitzenden namens Özdemir.

Die Kanzlerin hat vor einem Jahr, nach einem Fußballsieg über die Türkei, dem deutschen Nationalspieler Mesut Özil in der Umkleidekabine gratuliert. In Roisdorf zwischen Bonn und Köln gibt es eine Karnevalsprinzessin namens Füsun I. Es gibt Allianz-Manager, IT-Spezialisten, Feuerwehrkommandanten und Tennisvereinskassierer mit vielen Ö und Ü im Namen. Ein deutsch-türkischer Unternehmertypus ist gewachsen - ziemlich fleißig, ziemlich zuverlässig und sehr dienstleistungsstark.