100 Jahre Revolution Das deutsche Drama

Berlin im November 1918: Revolutionäre Soldaten am Brandenburger Tor, Reichskanzler wird der Sozialdemokrat Friedrich Ebert. Im ganzen Reich entstehen Arbeiter- und Soldatenräte, die die lokale Macht übernehmen.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Welche Kräfte wirkten im Winter 1918/1919? War Hitler ein Produkt des Umsturzes? Stieß gar der Vertrag von Versailles die Republik von Weimar ins Verderben? Diese Fragen wollen einige neue Bücher beantworten. Ein Überblick.

Rezension von Jürgen Zarusky

Jürgen Zarusky ist Historiker am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und Chefredakteur der "Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte".

"Wenn die DDR noch existieren würde, gäbe es in diesen Tagen zweifellos eine große Zahl festlicher Veranstaltungen, auch historischer Vorträge und Konferenzen, in denen des 75. Jahrestages der 'Novemberrevolution' gedacht würde." So leitete der jüngst verstorbene Historiker Reinhard Rürup 1993 einen Vortrag ein.

Auch in der alten Bundesrepublik, ergänzte er, wäre in diesem Falle wohl einiges geboten, denn das Interpretationsmonopol würde man der SED nicht überlassen. Schon drei Jahre nach dem Ende der DDR war von der geschichtspolitischen Dynamik des Kalten Kriegs, die die Auseinandersetzung mit 1918/19 befeuerte, nichts mehr zu spüren, und daran hat sich nichts Wesentliches geändert.

Nun aber steht der hundertste Jahrestag bevor. Wird das neue Aufmerksamkeit bringen für die "vergessene Revolution", wie der Historiker Alexander Gallus sie 2010 genannt hat?

"Der wahre Beginn unserer Demokratie"

Wolfgang Niess meint, dass es dafür höchste Zeit ist, denn, so die im Titel seines Buches vorgetragene These: Die Revolution von 1918/19 war "der wahre Beginn unserer Demokratie".

Niess, ein profunder Kenner der Geschichtsschreibung zur Revolution, über die er seine Dissertation verfasst hat, hat nun zum Revolutionsjubiläum eine populäre Darstellung des Geschehens vorgelegt. Der langjährige Rundfunkjournalist versteht es, spannend und pointiert zu erzählen, ohne sich in Human touch-Effekten zu verlieren. Er bietet dem Leser eine analytische Geschichtsdarstellung, die sich an der Chronologie orientiert und auf das politische Geschehen fokussiert ist.

Niess arbeitet klar heraus, dass es sich weder um eine "überflüssige" noch um eine "verratene" Revolution gehandelt hat. Vertreter der ersten Position argumentieren, mit den von der Obersten Heeresleitung (OHL) angestoßenen "Oktoberreformen" sei die Parlamentarisierung des Deutschen Reiches ja ohnehin schon eingeleitet worden. Die zweite wird vor allem von der radikalen Linken kritisch gegen die Sozialdemokratie gerichtet und wurde über die Zirkel der Linken hinaus Ende der 1960er-Jahre von dem Journalisten Sebastian Haffner popularisiert.

Die Oktoberreformen bezeichnet Niess schlankweg als Bluff. Der OHL sei es nur um eine Geste Richtung USA gegangen, um günstigere Friedensbedingungen zu erhalten, und darum, die Verantwortung für das von ihr herbeigeführte politisch-militärische Desaster auf die Demokraten abzuwälzen.

Als Präsident Wilsons Antworten nicht so milde ausfielen wie erhofft und er entschieden auf Demokratisierung drängte, forderte die OHL den Abbruch des Notenwechsels mit dem amerikanischen Präsidenten und begann über einen heroischen Endkampf zu delirieren. Mit der Entlassung Ludendorffs setzte sich die Vernunft vorerst durch, aber die Seekriegsleitung wollte dennoch die Hochseeflotte in ein letztes, völlig sinnloses Gefecht schicken und löste damit die Matrosenunruhen in Kiel und die Revolution aus.

Das im Hinblick auf die enorme Aufgabe der Demobilisierung der Armee geschlossene "Bündnis" zwischen Friedrich Ebert (SPD) und Ludendorffs ziviler gesonnenem Nachfolger Groener blieb ambivalent. Denn schon im Dezember schmiedete die OHL Pläne für eine politische Neugestaltung nach ihren Vorstellungen. Gestützt auf massiven Truppeneinsatz sollten die Räte liquidiert und Ebert zum Chef der Reichsleitung ernannt werden, der sofort eine Nationalversammlung einberufen sollte - ein gegenrevolutionärer Militärputsch mit demokratischer Kostümierung.

Wie Deutschland 1914 den Krieg plante

Kaiser Wilhelm II. und sein Umfeld ersehnten sich einen Krieg gegen Frankreich und Russland. Im Sommer 1914 taten diese Männer alles, um den Frieden zu sabotieren. Die These von der "Unschuld" Berlins kann nur vertreten werden, wenn man die Ergebnisse penibler Archivforschung ignoriert. Gastbeitrag von John C. G. Röhl mehr ...

Warum daraus nichts wurde, warum aber durchaus eine untergründige Verbindungslinie von hier bis hin zum antirepublikanischen Kapp-Putsch vom März 1920 führt, legt Niess sehr überzeugend dar. Hinter dem Aufbruch der demokratischen Revolution - der Reichsrätekongress im Dezember 1918 votierte klar für den Parlamentarismus - lauerte von Anfang an die militärische Gegenrevolution.

Daraus ergibt sich Niess' Kritik an der Abhängigkeit, in die sich die sozialdemokratische Führung bei der Bekämpfung linksradikaler Aufstände mit Militär und Freikorps begab. Den Topos der "verratenen Revolution" lehnt er aber eindeutig ab: Die Sozialdemokraten hätten nie ein Rätesystem oder eine Diktatur des Proletariats angestrebt. Man könne ihnen "nicht den Verrat an Zielen vorwerfen, die sie nicht geteilt haben".

Trotz einer immens schwierigen Ausgangslage hat die Novemberrevolution eine parlamentarische Demokratie samt Frauenwahlrecht und ersten Grundzügen des modernen Sozialstaats in Deutschland etabliert. Dass dabei Potenziale der Demokratisierung ungenutzt blieben, haben Forschungen seit den 1960er-Jahren gezeigt. Inwieweit solche Versäumnisse für die Zerstörung der Demokratie durch die extreme Rechte 1933 ausschlaggebend waren, wurde schon im politischen Exil diskutiert. Eine unmittelbare Kausalität gibt es sicher nicht.

Niess zeigt am Ende seiner ebenso fundierten wie gut lesbaren Darstellung eine andere Beziehung zwischen Revolution und Nationalsozialismus auf, nämlich den unendlichen Hass Hitlers auf den demokratischen Aufbruch vom 9. November. Schon das, meint er, sollte Anlass genug sein, sich näher mit der Revolution zu beschäftigen.

War Adolf Hitler auch ein Produkt der Revolution? Der Untertitel von Michael Appels Buch insinuiert das. Man beginnt zu lesen und gerät schon bei den ersten Sätzen ins Staunen: "Viele Deutsche haben eine Erfahrung gemacht, die Menschen aus anderen Ländern bisher verwehrt geblieben ist und die wahrscheinlich auch in den nächsten Jahrzehnten ziemlich exklusiv bleiben wird", heißt es da.

Gemeint ist der revolutionäre Umbruch von 1918. Und Russland? War da nicht auch irgendwas gewesen, so um 1917 herum? Oder Österreich, wo mit dem Kaiser auch das Habsburger Imperium verschwand? Doch warum den Blick auf ferne Länder richten, angesichts des Einladung, man könne "zum Passanten und Beobachter werden auf den Straßen einer Stadt, in der das Schicksal eines Jahrhunderts Gestalt annahm".