20 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica Ein Leben in Massengräbern

Eva Klonowski bei der Arbeit an einem Massengrab in der bosnisch-serbischen Teilrepublik Republika Srpska im Jahr 2000.

(Foto: REUTERS)

Die forensische Anthropologin Ewa Klonowski identifiziert seit 19 Jahren Opfer aus dem Bosnien-Krieg. Im Interview mit der SZ spricht sie darüber, was sie antreibt.

Von Christoph Meyer

Frau Klonowski, wie erinnern Sie sich an die Tage des Srebrenica-Massakers im Juli 1995?

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, selbst wenn ich damals nicht viel von dem wusste, was sich dort abspielte. Es ist wie in Syrien heute. Man kann in den Nachrichten sehen, dass dort furchtbare Dinge passieren, aber man bekommt nur ein bruchstückhaftes Bild davon. Im Juni 1995 hörte ich, dass die Verteidiger von Srebrenica versuchten, den Belagerungsring zu sprengen. Mir war nicht klar, dass die Lage bereits hoffnungslos war. Kurz darauf begannen die Massaker. Die westlichen Regierungen müssen es gewusst haben, man konnte damals auf Satellitenbildern sehen, wie die Menschen auf Lastwagen zu den Hinrichtungsorten gebracht wurden. Man konnte auch die bereits ausgehobenen Massengräber sehen.

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20 Jahre nach dem Völkermord gibt es immer noch unidentifizierte Opfer. Warum dauert das so lange?

Es gab ja noch viele andere Massaker außer dem Genozid in Srebrenica. Insgesamt wurden 70 Massengräber in Bosnien entdeckt. Darunter primäre, sekundäre und sogar tertiäre Gräber. Das bedeutet, die Serben haben viele Opfer nachträglich exhumiert und an anderer Stelle wieder begraben, um die Spuren zu verwischen. Das geschah mithilfe von Baggern und anderen Maschinen. Viele Körper wurden dabei in Stücke gerissen. Manchmal haben wir nur einen einzigen Knochen, der einer bestimmten Person zugewiesen werden kann. Die bosnische Regierung war anfangs noch nicht in der Lage, die Leichen zu identifizieren und DNS-Analyse gibt es erst seit 2002.

Sie haben diese Arbeit zu Ihrer Lebensaufgabe gemacht, wie kam es dazu?

Ich war damals am gerichtsmedizinischen Institut in Reykjakvik beschäftigt. Im Juli 1996 bekam ich einen Anruf der Organisation "Ärzte für Menschenrechte", die für das Internationale Tribunal Massengräber untersuchte. Im August begann ich mit meiner Arbeit in Bosnien. Es ging damals nur darum, Beweismittel für die Prozesse zu sichern. Aber ich beschloss, dass es mindestens genau so wichtig ist, den Opfern ihre Identität wiederzugeben, und wechselte zu einer bosnischen Organisation.

Warum ist das so wichtig?

Ein Massengrab in der Nähe von Zvornik bei der Exhumierung im Jahr 2003 - heute sieht die Stelle wie ein friedlicher Waldweg aus.

(Foto: REUTERS)

Die Antwort darauf ist sehr einfach. Wenn einer Ihrer Familienangehörigen stirbt, begraben Sie ihn. Sie haben einen Ort, zu dem Sie gehen können, um zu trauern und zu beten. Das ist sehr wichtig. Jemanden zu vermissen, ist ein Schreckensszenario. Sie fragen sich: Kann es sein, dass er noch lebt? Wie ist er gestorben? - Nichts zu wissen, ist das Schlimmste. Viele Angehörige sagten mir: "Ich wäre froh, einen einzigen Knochen zu haben." Wenn sie einen haben, wollen sie wissen, wo der Rest ist. Aber die Mehrheit der Familien hatte nur eine Handvoll Knochen zu bestatten.

Was ist mit dem Rest geschehen?

Es gibt immer noch Gräber, die nicht entdeckt wurden. Von den 30 000 bis 32 000 Menschen, die nach dem Krieg in ganz Bosnien vermisst wurden, konnten 23 000 identifiziert werden. Das bedeutet, von bis zu 9000 Vermissten gibt es bis heute keine Spur. Ihre Familien haben nicht die geringste Ahnung, was mit ihnen geschehen ist. Einige wurden vielleicht in Flüsse geworfen oder verbrannt. Die Einzigen, die wissen was geschehen ist, sind die Täter, und die werden es niemals preisgeben. Gut möglich, dass in der Zukunft bei Bauarbeiten weitere Gräber entdeckt werden.