25 Jahre Mauerfall Mauermärchen

Berlin feiert den Mauerfall vor 25 Jahren mit einer spektakulären Show am Brandenburger Tor

(Foto: Getty Images)

Ein wenig fassungslos stehen Berliner und Touristen vor den Gedenktafeln und den Ballons in der Stadt und wundern sich darüber, was damals möglich war. "Nichts muss so bleiben, wie es ist", sagt Kanzlerin Merkel - und macht damit auch den Krisenstaaten der Welt Hoffnung.

Von Jens Schneider, Berlin

Wo war sie eigentlich? Die Mauer, die unüberwindbare Trennlinie, die Berlin 28 Jahre lang teilte. Selbst viele alteingesessene Berliner könnten diese Linie heute kaum noch nachziehen auf dem Stadtplan. Sie ist verschwunden, fast spurlos. Und so ist die Kette aus Licht mehr als nur ein Symbol, das schön anzusehen ist. Sie ist eine Einladung, sich zu erinnern an das heute Unvorstellbare, und diese nehmen den ganzen Sonntag Tausende an.

Auch viele Touristen sind darunter und besonders Familien, in denen zuweilen schon Großeltern ihren Kindern und deren Kindern erzählen, wie das war, als hier kein Durchkommen sein sollte. Mit dem Fahrrad oder zu Fuß erkunden sie den einstigen Verlauf der Mauer, die seit Freitagabend von rund 7000 weißen Ballons nachgezeichnet wird. Vor den hundert Schaukästen mit Mauergeschichten, aufgestellt zum Jahrestag des Mauerfalls, bilden sich kleine Pulks, die Leute lesen aufmerksam.

So wie am Spree-Ufer gegenüber dem Reichstag, wo am Fluss gerade weitere moderne Bürohäuser entstehen. Hier erzählt die blaue Infobox von den ersten Schüssen an der Mauer. Ein Foto zeigt, wie der tote Günter Litfin von der Ostberliner Feuerwehr am 24. August 1961 abtransportiert wird. Hunderte Menschen konnten vom Westen her nur tatenlos zusehen, wie niemand dem jungen Mann half, der versucht hatte, schwimmend in den Westen zu kommen, und erschossen wurde. Er war der erste Tote, der an der neuen Grenze durch Schüsse ums Leben kam. Ein Vierteljahrhundert später stehen die Menschen schweigend davor, lesen und schauen dann über den Fluss.

Die Trostlosigkeit von Teilung und Todesstreifen

In der Bernauer Straße, an der Gedenkstätte für die Mauer, beginnt dieser Sonntag mit einem Moment des Innehaltens. Hier hatte die Mauer einst die Straße geteilt, da gehörten Häuser auf der einen Seite zum Osten, der Bürgersteig davor zum Westen. Es ist einer der wenigen Orte, an denen sich die Trostlosigkeit von Teilung und Todesstreifen noch nachvollziehen lässt. Zum Gedenken an die Opfer stecken Bundeskanzlerin Angela Merkel und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit Rosen in die Spalten der Mauerreste.

Botschaft für die Welt

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Bei der Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Dokumentationszentrum erinnert die Kanzlerin an die Opfer der Mauer und der Teilung, spricht aber zunächst die dunklen Ereignisse an, die auch dazu führten, dass der 9. November "wie kein zweites Datum deutsche Geschichte verdichtet". Sie ruft die Pogromnacht vom 9. November 1938 als einen Tag der Schande in Erinnerung: "Ich empfinde heute nicht nur Freude, sondern vor allem auch die Verantwortung, die uns die deutsche Geschichte aufgegeben hat", sagt Merkel.

Sie blickt zurück auf die Freiheitsbewegungen in den Ländern Ost- und Mitteleuropas, "die den Weg zum glücklichsten Moment der jüngeren deutschen Geschichte geebnet haben": die Charta 77, die polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarność und auch Glasnost und Perestroika in der damaligen Sowjetunion. Merkel erinnert daran, wie viel Mut jene unter den Ostdeutschen aufbrachten, die damals zu den Montagsdemonstrationen gingen, und nicht wissen konnten, wie die Machthaber der SED reagieren würden. Sie hatten keine Sicherheit gehabt, dass alles friedlich ausgehen würden, als sie ihren Kindern vorsorglich sagten, "wo sie hingehen sollten, wenn sie nicht zurückkämen".

Merkel betonte unmissverständlich, dass diese DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei: "Wenn ein Staat darauf gegründet ist, elementare Menschen- und Freiheitsrechte zu missachten, was sollte er anderes sein?", fragte sie. Heute solle der Fall der Mauer eine Botschaft der Zuversicht sein für Menschen in der Ukraine, in Syrien und dem Irak. "Der Mauerfall hat uns gezeigt: Träume können wahr werden", sagte sie. "Nichts muss so bleiben, wie es ist - mögen die Hürden auch noch so hoch sein. Diese Erfahrung wollen wir mit unseren Partnern in der Welt teilen."

Als die Mauer Löcher bekam

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Am Nachmittag begann am Brandenburger Tor, auch einst Teil der Trennlinie, das große Fest, als das die Feier zum Mauerjubiläum angelegt war. Rockstar Udo Lindenberg trat auf, der Sänger Peter Gabriel sang das in Berlin unter dem Eindruck der Mauer geschriebene Lied "Heroes" von David Bowie. Und die Staatskapelle Berlin spielte die "Ode an die Freude" zu jener Uhrzeit, als vor 25 Jahren das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Öffnung der Grenzen verkündet hatte.

Ein Vierteljahrhundert später war es eine helle Mauer aus Licht, die sich nun auflösen sollte. Besucher aus vielen Ländern, unter ihnen die Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa und Muhammad Yunus, waren gekommen, um als Paten die Ballons in den Himmel steigen zu lassen.

Der Besucherandrang war enorm: Die Straße des 17. Juni wurde am Abend wegen Überfüllung geschlossen.

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