20 Jahre Mauerfall Die entscheidende Frage

Der SED-Mann Schabowski sorgte mit seinem Gestammel dafür, dass die Mauer fiel. Der Journalist Riccardo Ehrman erinnert sich an die legendäre Pressekonferenz am 9. November 1989.

Interview: Jochen Arntz

Mit ein paar gestammelten Sätzen in einer Pressekonferenz sorgte der SED-Funktionär Günter Schabowski am 9. November 1989 dafür, dass die Mauer fiel. Das passende Stichwort hatte ihm der Journalist Riccardo Ehrman gegeben. Damals war Ehrman Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa in Ostberlin. Er stellte die Frage nach einem neuen Reisegesetz für die DDR, und Schabowski verhaspelte sich. Ehrman ist heute 80 Jahre alt, er lebt in Madrid. Lange hat auch er die Geschichte als einen großen Zufall dargestellt. Aber war sie das?

SZ: Als Sie am 9. November 1989 zur Pressekonferenz mit Günter Schabowski fuhren, ahnten Sie da, dass die Welt am Abend eine andere sein könnte?

Riccardo Ehrman: Nein, ganz und gar nicht. Ich kam ja sogar zu spät zu der Konferenz, weil ich vor dem Haus keinen Parkplatz mehr gefunden habe. Normalerweise war vor dem Pressezentrum in Ostberlin immer genug Platz. Aber nicht an diesem Tag. Selbst damit hatte ich nicht gerechnet. Sicher, alle Menschen in Berlin haben in diesen Novembertagen wohl erwartet, dass sich etwas ändert, aber dass nach dieser Pressekonferenz die Mauer fällt, wer hat daran schon gedacht?

SZ: Am Ende war es für die deutsche Geschichte nicht ganz unwichtig, dass Sie zu spät zur Pressekonferenz kamen.

Ehrman: Na ja, es war halt schon alles voll im Saal, und ich bin dann ganz nach vorne gegangen und habe mich auf den Rand der Bühne gesetzt . . .

SZ: . . . wo Günter Schabowski Sie nicht übersehen konnte.

Ehrman: Ich musste dennoch lange warten, bis ich die Frage stellen durfte.

SZ: Sie hatten an diesem Tag einen merkwürdigen Anruf bekommen, so ganz unvorbereitet, wie Sie immer gesagt haben, sind Sie nicht zu Schabowskis Pressekonferenz gefahren.

Ehrman: Ich war ja schon jahrelang Korrespondent in der DDR, und da hat man seine Quellen. Ich habe zum Beispiel viel erfahren von Klaus Gysi, dem ehemaligen Kulturminister und Botschafter der DDR in Rom. Durch ihn habe ich auch frühzeitig von Honeckers Sturz gehört. Am 9. November aber rief mich ein ostdeutscher Journalistenkollege an. Er sagte: Hier spricht der Mann aus dem U-Boot. Er nannte seinen Namen nicht, aber es war Günter Pötschke, Generaldirektor der ostdeutschen Nachrichtenagentur ADN. Und das mit dem U-Boot war weniger geheimnisvoll, als es klingt. Der fensterlose Konferenzraum des ADN-Chefs wurde damals das U-Boot genannt. Pötschke wollte wissen, ob ich zur Pressekonferenz fahre. Er sagte mir, ich solle nicht vergessen, Schabowski dort nach dem Reisegesetz zu fragen.

SZ: Warum haben Sie die Geschichte erst im Frühjahr 2009 erzählt? Beim zehnten Jubiläum des Mauerfalls haben Sie noch nichts davon gesagt.

Ehrman: Ich wusste damals nicht, was mit Pötschke passiert war, und ich wollte es nicht erzählen, solange er noch lebte. Jetzt ist er seit drei Jahren tot.

SZ: Also war es doch nicht ganz zufällig, dass Sie die Frage stellten?

Ehrman: Nein, ein Zufall war es nicht, es war vielmehr eine Folge der guten Kontakte, die ich mir in den Jahren in der DDR aufgebaut hatte.

SZ: Aber war es noch mehr? War das Ganze eine abgesprochene Sache zwischen Pötschke und Schabowski?

Ehrman: Nein, ich denke, dass Pötschke das Reisegesetz wichtig war, aber ich glaube nicht, dass er geahnt hat, was meine Frage an diesem Tag auslösen würde. Ich glaube auch nicht, dass er wusste, wie Schabowski sich verhalten würde.

SZ: Aber wieso hat er Sie angerufen, was war das Motiv?

Ehrman: Das würde ich ihn auch gerne fragen, aber es geht nicht mehr. Wahrscheinlich war es ein freundlicher Rat für einen Journalisten, dem er zu einer guten Nachricht verhelfen wollte . . .

SZ: . . . die dann ein wenig größer wurde. Als eine Art Auftrag haben Sie Pötschkes Anruf aber nicht verstanden?

Ehrman: Ganz sicher nicht. Wie sollte ich auch, ich bin doch kein Kommunist. Nachdem ich die ganze Geschichte erzählt habe, ist mir vorgeworfen worden, ich sei ein Instrument der SED-Führung gewesen. Aber das ist doch lächerlich, zu glauben, die DDR-Spitze hätte meine Frage gebraucht, um so eine wichtige Sache bekanntzumachen.

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