Am 9. November hält Politbüro-Sprecher Günter Schabowski eine seiner Pressekonferenzen. Wir haben uns aufgeteilt. Ein Kollege geht zu Schabowski in Ost-Berlin, die anderen verfolgen seine Worte vom West-Berliner Büro aus im DDR-Fernsehen. Da können wir schneller reagieren. Es ist 18.53 Uhr und Schabowski sagt den Satz. "Nach meiner Kenntnis, sofort, unverzüglich." Wir sind zu dritt und sehen uns an.
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Drei Journalisten, die entscheiden müssen, was das bedeutet. Neues Reisegesetz? Ja. Ansturm auf die Passbehörden der DDR? Ja, auch. Aber eigentlich? Eigentlich kann das nur heißen: Die DDR macht die Grenze auf. Und so schicken wir die Eilmeldung raus: "DDR öffnet Grenzen." Wir versuchen zu verstehen, was niemand versteht: "DDR öffnet Grenzen." Wir diskutieren noch, wie wir uns verhalten sollen. Der DDR-Bürger steht früh auf, die Ämter öffnen früher als im Westen. Sollen wir bald ins Bett gehen, um früh um sechs Uhr fit zu sein?
Da ruft ein Fotograf an: Die Ersten kommen über die Bornholmer Straße. Wir rasen raus. In der Sonnenallee tanzen die Menschen schon auf dem Zollhäuschen. Sie reißen dem Grenzer die Mütze vom Kopf. Eine Frau wankt über den Grenzübergang, sagt atemlos: "Guten Abend, ich werd' verrückt." Um drei Uhr morgens ist der Kurfürstendamm voller Trabis. Um vier Uhr stehen wir auf der Mauer am Brandenburger Tor. Die Menschen schlendern durchs Tor, die Grenztruppen schauen zu.
Es ist keine fünf Monate her, dass chinesische Panzer den Aufstand für mehr Demokratie niederrollten. Keine sechs Monate, dass die Stasi die Demonstranten vor der Sophienkirche wegfing. Daran denke ich, als ich hier auf der Mauer stehe. Nun kurvt ein Radfahrer durchs Brandenburger Tor und ruft: "Ist ja geil hier."
In dieser Nacht ist alles nur Freude. Keiner redet von Solidarbeitrag, keiner von Abwicklung, keiner von Treuhand, keiner von den Milliarden, die in die marode DDR gesteckt werden. Nie wieder gab es eine solche Nacht der Euphorie. Die, die sie wie ich miterlebt haben, zehren auch 20 Jahre danach noch davon. Wenn ich Schabowski reden höre, bekomme ich immer wieder Gänsehaut. Diese Nacht ist so viel mehr als alles, was danach kam.
Mehr als der ungläubige Blick Honeckers, als ich in seinem Vorgarten in Wandlitz stehe und er durch die Gardine späht. Mehr als der Sturm auf die Stasi, als das Volk wutentbrannt die Kassen plündert und sogar Zimmerpalmen wegschleppt. Mehr als die Öffnung des Brandenburger Tors, die Einführung der D-Mark, mehr als die 2-plus-4-Verhandlungen, bei denen die Einheit Deutschlands beschlossen wurde, mit den vier alliierten Siegermächten des Zweiten Weltkriegs. Und viel mehr als der Tag, als die deutsche Einheit unterzeichnet wurde.
Wenn sich die alten Korrespondenten treffen, die damals aus der DDR berichteten, ist auch heute noch die erste Frage: Wo warst du am 9. November? An jenem 9. November, als der Abschiebeposten in Ostberlin plötzlich zum Nabel der Welt wurde. Und für eine Reporterin der beste Platz, den sie sich vorstellen konnte.
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(SZ vom 7./8.11.2009/mati)
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