20 Jahre Mauerfall Aus der neuen Welt

Bei den Jubelfeiern zum Mauerfall dürfen die Deutschen nicht vergessen, dass 1989 kein ausschließlich nationales Ereignis war. Der 9. November ist der Symboltag für einen geopolitschen Bruch - und den Beginn einer neuen Weltordnung.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

In ihren Jubelfeiern zum Mauerfall vergessen die Deutschen allzu gern, dass 1989 kein ausschließlich nationales Ereignis war. Das Jahr 1989 war größer: Das Epochenjahr hat die ganze Welt erschüttert, stärker möglicherweise, als es die beiden Weltkriege mit ihrer zerstörerischen Wucht am Beginn des unseligen 20. Jahrhunderts vermochten.

Mauerfall 20 Jahre Mauerfall

Passanten betrachten den symbolischen Nachbau der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Die Styropor-Dominsteine zwischen Potsdamer Platz und Reichstag sollen bei den Feierlichkeiten am Montag gestürzt werden.

(Foto: Foto: dpa)

Der 9. November 1989 ist der Symboltag für einen geopolitischen Bruch, für den Beginn einer neuen Weltordnung.

Eingefroren, nicht gebannt

Mit dem Fall der Mauer begann das eurozentrische Weltbild zu verblassen, politische und ökonomische Kräfte wurden freigesetzt, die zum rasanten Aufstieg ganzer Weltregionen beitrugen, die kulturelle Zerstörung und gesellschaftlichen Wandel beschleunigten. Europa verlor seine Bedeutung als Achse der Politik, als Schlachtfeld für Ideologien und Machtansprüche.

1989 steht deshalb für das Ende einer Ordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde und die alle zerstörerische Kraft einfror, die der europäische Kontinent und das haltlose Deutschland in seiner Mitte in den Jahrhunderten zuvor entfaltet hatten: Sie war eingefroren, aber nicht gebannt.

In der Geschichtsschreibung wird man den Kalten Krieg als Ausklingphase der kriegerischen ersten Jahrhunderthälfte betrachten.

Und als Beleg werden die 900.000 Soldaten im Westen und die 600.000 Rotarmisten im Osten des Landes herhalten müssen, die 1989 noch mit Hilfe Tausender nuklearer Sprengköpfe die skurrile Idee einer wechselseitigen Vernichtungsoption aufrechterhielten.

Ein Ende von Symmetrie und Stabilität

Der 9. November beendete diese Vorstellung von Symmetrie und Stabilität. Er sollte auch die Überzeugung beenden, dass die Geschicke der Welt von der Stabilität und dem Wohlstand des europäischen Kontinents abhingen.

An ihre Stelle traten Kräfte, die mit Globalisierung, Multipolarität, Fanatismus und Nationalismus viel zu abstrakt beschrieben werden.

Ganz konkret zu beobachten sind sie heute in den Tälern Tadschikistans oder Usbekistans, wo frustrierte Wanderarbeiter aus Moskau kommend erfolglos nach Beschäftigung suchen und sich den radikalen Predigern zuwenden.

Konkret zu beobachten sind diese neuen Kräfte auch in der chinesischen Grenzstadt Mandschuria, die förmlich vibriert und glitzert in ihrem Wohlstand, während auf der anderen Seite des Flusses, in Russland, die Armut haust.

Beobachten lässt sich das bei den Pipeline-Verlegetrupps im Kaukasus, bei den amerikanischen Triumphalisten, bei den Marinesoldaten aus ach so vielen Nationen auf Seepatrouillen an der Straße von Hormus, in den Terminkalendern der Strategen aus den Planungsabteilungen südostasiatischer Sicherheitsministerien, an der GM/Opel-Saga und dem amerikanischen Präsidenten, der all den europäischen Kalamitäten keine Beachtung schenkt.