Bei den Jubelfeiern zum Mauerfall dürfen die Deutschen nicht vergessen, dass 1989 kein ausschließlich nationales Ereignis war. Der 9. November ist der Symboltag für einen geopolitschen Bruch - und den Beginn einer neuen Weltordnung.
In ihren Jubelfeiern zum Mauerfall vergessen die Deutschen allzu gern, dass 1989 kein ausschließlich nationales Ereignis war. Das Jahr 1989 war größer: Das Epochenjahr hat die ganze Welt erschüttert, stärker möglicherweise, als es die beiden Weltkriege mit ihrer zerstörerischen Wucht am Beginn des unseligen 20. Jahrhunderts vermochten.
Passanten betrachten den symbolischen Nachbau der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Die Styropor-Dominsteine zwischen Potsdamer Platz und Reichstag sollen bei den Feierlichkeiten am Montag gestürzt werden. (© Foto: dpa)
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Der 9. November 1989 ist der Symboltag für einen geopolitischen Bruch, für den Beginn einer neuen Weltordnung.
Eingefroren, nicht gebannt
Mit dem Fall der Mauer begann das eurozentrische Weltbild zu verblassen, politische und ökonomische Kräfte wurden freigesetzt, die zum rasanten Aufstieg ganzer Weltregionen beitrugen, die kulturelle Zerstörung und gesellschaftlichen Wandel beschleunigten. Europa verlor seine Bedeutung als Achse der Politik, als Schlachtfeld für Ideologien und Machtansprüche.
1989 steht deshalb für das Ende einer Ordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde und die alle zerstörerische Kraft einfror, die der europäische Kontinent und das haltlose Deutschland in seiner Mitte in den Jahrhunderten zuvor entfaltet hatten: Sie war eingefroren, aber nicht gebannt.
In der Geschichtsschreibung wird man den Kalten Krieg als Ausklingphase der kriegerischen ersten Jahrhunderthälfte betrachten.
Und als Beleg werden die 900.000 Soldaten im Westen und die 600.000 Rotarmisten im Osten des Landes herhalten müssen, die 1989 noch mit Hilfe Tausender nuklearer Sprengköpfe die skurrile Idee einer wechselseitigen Vernichtungsoption aufrechterhielten.
Ein Ende von Symmetrie und Stabilität
Der 9. November beendete diese Vorstellung von Symmetrie und Stabilität. Er sollte auch die Überzeugung beenden, dass die Geschicke der Welt von der Stabilität und dem Wohlstand des europäischen Kontinents abhingen.
An ihre Stelle traten Kräfte, die mit Globalisierung, Multipolarität, Fanatismus und Nationalismus viel zu abstrakt beschrieben werden.
Ganz konkret zu beobachten sind sie heute in den Tälern Tadschikistans oder Usbekistans, wo frustrierte Wanderarbeiter aus Moskau kommend erfolglos nach Beschäftigung suchen und sich den radikalen Predigern zuwenden.
Konkret zu beobachten sind diese neuen Kräfte auch in der chinesischen Grenzstadt Mandschuria, die förmlich vibriert und glitzert in ihrem Wohlstand, während auf der anderen Seite des Flusses, in Russland, die Armut haust.
Beobachten lässt sich das bei den Pipeline-Verlegetrupps im Kaukasus, bei den amerikanischen Triumphalisten, bei den Marinesoldaten aus ach so vielen Nationen auf Seepatrouillen an der Straße von Hormus, in den Terminkalendern der Strategen aus den Planungsabteilungen südostasiatischer Sicherheitsministerien, an der GM/Opel-Saga und dem amerikanischen Präsidenten, der all den europäischen Kalamitäten keine Beachtung schenkt.
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Studie von UN-Kinderhilfswerk
@grosskotz: Der 9.November ist ein sehr wertvoller Tag der Erinnerung. Viel positiver erinnern könnte man sich auch öfters 1918. Und auch die schrecklichen Erfahrungen 1923 und v.a. 1938 sind wichtige Orientierungspunkte (was nie wieder sein darf).
Aber es bleibt im Hinterkopf das Gefühl, dass eben doch zwischen Jubelfeiern mit Deutschlandfahnen manch Gedenken an 1938 missverstanden werden könnte.
@fmies: Stimme Ihnen in allem, gerade in Ihrem positiven Tenor zu. Außer: So 100%ig möchte ich die Reagan-H.Schmidt-Lesart nicht akzeptieren, dass das Hochrüsten des Westens einen entscheidenden Beitrag leistete. Die Sowjets hatten sich schon zuvor verausgabt. Afghanistan war schon ihr Vietnam, Polen war schon oppositionell, etc. pp. Aber na ja, retrospektiv ist das schwer zu entscheiden.
@amadeus: Man kann natürlich alles derart verzerren, dass - wie es Ihnen anderswo ein Poster schon sagte - Deutschland virtuell schon fast ein zweiter Sudan ist.
@S.Kornelius: Mal abgesehen von den - beiderseitigen - diplomatischen Tiefflügen im Verhältnis mit Russland, sehe ich das Ganze nicht so kritisch. Ich frage mich auch immer, was man genau von Europa erwartet. Wunder? Perfekte Vertiefung bei dauernder gleichzeitiger, harmonischer Erweiterung?
Eile mit Weile und intelligente Diplomatie mit unseren Nachbarn...
Die Gleichschaltung aller Kanäle ist natürlich nicht notwendig, unterstreicht aber die Bedeutung, die Frankreich dem Ereignis Mauerfall beimisst.
Ich sage auch nicht, dass in der Show außer den Mauersteinen nichts zu sehen sei, sondern dass für die Menschen vor Ort (außer den wenigen Auserwählten, die an der Show teilnehmen dürfen) nichts geboten wird. Es wurde bezeichnenderweise mehr Aufwand getrieben, den 60. Geburtstag der Bundesrepublik in der Öffentlichkeit zu feiern, als diesen historischen Tag.
Völlig richtig im Ansatz. Aber: Spätestens im Hauptstudium sollte ein Geschichtsstudent begriffen haben, dass es bei dem was er tut nicht darum geht herauszufinden "wie es wirklich war" und dass die Historiografie nichts statisches ist, sondern selbst einem historischem Wandel unterliegt. Vereinfacht gesagt: mit 18 können wir sagen wie wir uns mit 18 fühlen, was für uns wichtig war und ist. Mit 30 können wir uns an 18 erinnern, Dinge die uns damals wichtig erschienen sind es mit 30 vielleicht nicht mehr, aber wir wissen, dass sie damals relevant waren und uns geprägt haben. Und mit 40 finden wir vielleicht heraus dass es eigentlich ganz andere Faktoren waren die uns mit 18 prägten.
Ergo: für uns im hier und jetzt ist 1989 ein entscheidender Wendepunkt. Ober er das in 30 Jahren nicht mehr und in 100 Jahren vielleicht wieder ist kann keiner sagen. Die Geschichte wird dies zeigen.
Warum kritisieren Sie, dass in Deutschland "nur das ZDF und ein Privater" von den Feierlichkeiten berichten, wenn Sie gleichzeitig behaupten "außer den Domino-Mauersteinen" sei "nichts zu sehen"?
Ist es nicht merkwürdig...
...dass es vor 20 Jahren einfacher war, durch das Brandenburger Tor zu gehen als heute abend, in der das ZDF das Nationalsymbol zum Studio einer Art Samstagabend-Unterhaltungsshow mit Thomas Gottschalk umfunktioniert und das BKA das Areal zum Schutz der Staatsgäste hermetisch abgeriegelt haben wird.
...dass die Stadt Berlin voll von ausländischen Touristen ist, die alle etwas Besonderes erwarten, aber tatsächlich außer den Domino-Mauersteinen nichts zu sehen ist.
...dass in Paris am heutigen Tag mehr Veranstaltungen zum Mauerfall stattfinden als in Berlin.
...dass alle Kanäle des französichen Staatsfernsehens heute abend live aus Berlin berichten, in Deutschland aber nur das ZDF und ein Privatsender.
Paging