50 Jahre Élysée-Vertrag Gegensätze ziehen sich an

Phil Collins gegen Richard Wagner, patriotisch gegen ideologiefrei: Präsident Hollande und Kanzlerin Merkel verstehen sich nicht besonders. Genauso unterschiedlich wie ihre Repräsentanten sind Frankreich und Deutschland. Trotzdem könnte das Verhältnis heute kaum besser sein.

Ein Kommentar von Kurt Kister

Gewiss, es gäbe genug Anlass, skeptisch zu sein. Angela Merkel und François Hollande verstehen sich nicht besonders. Persönlich nicht, und auch nicht politisch. Merkel ist zwar irgendwie konservativ, in Wirklichkeit aber eine weitgehend ideologiefreie Ostdeutsche. Sie hat in der DDR selbst erlebt, wie grässlich ein überbordender, sozialistischer Staat sein kann. Sie findet Europa gut, weil es nützlich ist; Frankreich ist für sie der wichtigste Verbündete in Europa, aber viel mehr nicht; nationaler Pomp ist ihr fremd. Aber sie mag Richard Wagner.

Hollande ist ein Enarch, ein Absolvent der elitebildenden Verwaltungshochschule Ena. Als Sozialist französischer Spielart glaubt er heftig an den Staat und möglicherweise sogar an den Sozialismus als gesellschaftliches Organisationsmodell. Patriot im französischen Sinne ist er auch, Frankreich bedeutet ihm mehr als Europa. Bei der Parade am 14. Juli gab er sich alle Mühe, die Würde seines Amtes so auszustrahlen, als sei er nicht mehr Präsident des Generalrates des Bezirks Corrèze, was er früher mal war und was zu ihm passt. Hollande hört gern Phil Collins. Kanzlerin Merkel und Präsident Hollande sind sehr unterschiedlich.

Auch Frankreich und Deutschland sind sehr unterschiedlich. Vor Urzeiten einem gemeinsamen Stamm entsprossen, war ihre Konkurrenz und bisweilen ihre Feindschaft so scharf, wie dies nur zwischen zerstrittenen Geschwistern sein kann. Man kannte sich zu gut, man war sich zu nahe, und man schlug sich auch deswegen die Köpfe ein.

Zwischen Verdun 843 und Verdun 1916 lag die oft traurige Geschichte der fränkischen Geschwister; ihre hoffentlich letzten Tiefstpunkte waren zwischen 1940 und 1945 zu verzeichnen. Es war nicht das Verhältnis von Kain und Abel; zu denken ist vielmehr an zwei Brüder Kain links und rechts des Rheins, leidenschaftliche Zwillinge, auf Gedeih und Verderb aufeinander fixiert.

Aus Feinden werden Freunde

Als Franzosen und Deutsche vor 50 Jahren den Élysée-Vertrag unterzeichneten, war dies mehr als nur die Absichtsbekundung, dass alles anders werden sollte. Frankreich wollte sichergehen, dass nach 1870, 1914 und 1940 nicht noch einmal deutsche Soldaten einmarschieren würden. Und Deutschland, schuldig und geschlagen, wollte den Weg zurückfinden in die Gemeinschaft der Europäer, die noch weit davon entfernt war, eine Europäische Gemeinschaft zu sein. Dieser Weg konnte nur an der Seite Frankreichs beschritten werden, denn ohne die deutsch-französische Aussöhnung wäre Europa nur ein geografischer Begriff geblieben.

Zwei Generationen nach de Gaulle und Adenauer hat sich der Élysée-Vertrag in einer Weise erfüllt, an die damals niemand geglaubt hätte. Zwar sind jene Unterschiede, die auch die jeweilige nationale Identität bestimmen, nicht verwischt worden. Die Franzosen zum Beispiel haben eine andere Haltung zu Nation und Verantwortung als die Deutschen, was mit der Geschichte zu tun hat, aber die Gegenwart stark beeinflusst - man sieht das an der Politik beider Länder gegenüber Libyen oder Mali. Paris schickt ein großes Truppenkontingent nach Mali, weil es Werte verteidigen und Françafrique retten will. In Deutschland, das den Schlieffen-Plan und den Blitzkrieg hervorbrachte, wird heute jeder Einsatz von Militär als verdächtig wahrgenommen. Berlin schickt zwei alte Transall-Flugzeuge nach Afrika.

Solche Unterschiede machen Tagespolitik manchmal schwierig. Aber sie ändern nichts daran, dass der Gleichklang zwischen Paris und Berlin noch nie so groß war wie heute. Glücklicherweise geht diese Entwicklung über die Politik hinaus. Franzosen und Deutsche sind Nachbarn und Freunde geworden, die nicht nur nebeneinander wohnen, sondern miteinander leben.

Mehr als ein politisches Bündnis

In den Jahren nach 1963 geboten Vorsicht und Vernunft die Annäherung, sie war auch wichtig für Nato, EWG und den Ost-West-Konflikt. Die Bundesrepublik band sich an die USA und an Frankreich, sie tat dies auch gegen die Sowjetunion und die DDR. Über das politische Kalkül hinaus aber wuchs bald das menschliche Miteinander: Schulpartnerschaften, Reisen, Ehen, Arbeitsverhältnisse. Das Grenzgebiet gibt es noch, aber es ist heute eine Mischzone der Kulturen. Längst ist zwischen Lörrach und Nancy, zwischen Strasbourg und Saarbrücken jenes Europa der Regionen im Kleinen entstanden, über das im Großen noch debattiert wird.

Die zwei Kains links und rechts des Rheins sind begraben, sie sind Vergangenheit. Deutsche und Franzosen, die sich über Jahrhunderte in fast jeder Generation bekriegt haben, halten im besten Sinne des Wortes Frieden miteinander. Ja, man streitet sich über Kernkraft, Staatsverschuldung, Rentenalter und Euro-Politik. Angela Merkel und François Hollande können sich nicht so gut leiden. Aber was gibt es Besseres im Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland als sagen zu können: Ein bisschen Streit? Na und!

50 Jahre Élysée: Le Monde und Süddeutsche Zeitung kooperieren

Am 22. Januar 1963 unterzeichneten Frankreichs Präsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer im Élysée-Palast einen Vertrag, der die deutsch-französische Freundschaft besiegelte. Zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung  veröffentlichen die Süddeutsche Zeitung und das französische Blatt Le Monde eine binationale Kooperationsausgabe, in der Autoren beider Medien Meinungsstücke, Analysen und Reportagen austauschen. Einen Überblick über alle Texte finden Sie auf unserer Themenseite.