35 Jahre Haft für Wikileaks-Informant Mannings Vermächtnis

Der Whistleblower Bradley Manning muss für Jahre ins Gefängnis, doch sein Fall hinterlässt der westlichen Demokratie zwei Aufgaben: Sie muss sich der Diskussion um die Grenze zwischen Geheimnisschutz und öffentlichem Interesse stellen - und sie muss aufpassen, eine wichtige Koordinate im freiheitlichen System nicht zu verschieben.

Von Johannes Kuhn

Es mag für ihn angesichts des harten Urteils ein schwacher Trost sein, aber wenn er gesund bleibt, wird Bradley Manning seine Geschichte erzählen können. Als freier Mann. Vielleicht erst in ein, zwei, drei Jahrzehnten. Womöglich aber schon in acht Jahren, wenn er das erste Mal für eine Bewährung in Frage kommt. Noch früher, falls ein Armeegremium sein Gnadengesuch annimmt oder ein Präsident ihm die Freiheit schenkt, so unwahrscheinlich dies derzeit erscheinen mag.

Bis es soweit ist, kann sich die Demokratie an der Aufgabe abarbeiten, die ihr Mannings Fall gestellt hat: Herauszufinden, wo sie die Grenze zwischen dem zieht, was ein Staat geheimhalten darf und dem, was seine mündigen Bürger erfahren müssen. Denn genau diese zeitlose Frage ist es, die Manning und andere Whistleblower im staatlichen Bereich - zuletzt Edward Snowden - umtreibt. Angesichts der Enthüllungen über die Überwachungsmöglichkeiten der NSA hat sie höchste Bedeutung gewonnen.

Die neuen digitalen Möglichkeiten zum Geheimnisverrat überfordern den Staat, auch deshalb betonte die Staatsanwaltschaft im Manning-Prozess, das Urteil solle "eine Botschaft an jeden Soldaten senden, der sich überlegt, die nationale Sicherheit zu gefährden." Der Begriff der nationalen Sicherheit ist dabei entscheidend, denn in ihm liegt der ganze Konflikt: Hinter ihm kann sich ein notwendiges Interesse am Schutz der Bürger verbergen, aber auch die Begründung für Exzesse.

Pflicht oder Gewissen?

Das Gegenteil der nationalen Sicherheit ist hier der öffentliche Diskurs: Er hinterfragt die Zielsetzung von Regierungen oder Demokratien. Mannings Weitergabe des Videos, das US-Soldaten bei der Hubschrauber-Jagd auf Zivilisten im Irak zeigt, diente dem öffentlichen Diskurs. Die Tragik seines Falles ist, dass andere Dokumente wie die Botschaftsdepeschen dies womöglich nicht im gleichen Maße taten.

Viele werden dem freien Bradley Manning einmal zuhören, so wie viele gebannt verfolgten, wie seine Enthüllungen die US-Regierung zwischenzeitlich an den Rand der Ohnmacht brachten. Nicht dem Symbol für Verrat, zu dem ihn seine Gegner machten. Nicht dem Helden des digitalen Widerstands, den seine Unterstützer sehen. Nicht dem Angeklagten, den die Welt aus Chat- und Gerichtsprotokollen kennt und über den genügend psychologische Scherenschnitte vorhanden sind. Sie werden dem Menschen Manning zuhören. Und er wird erzählen, warum er tat, was er tat.

Auf einige Fragen wird er keine Antworten geben können, weil sie jeder einzig für sich selbst beantworten kann: Entscheiden wir uns für Pflicht oder Gewissen? Wann ist Handeln gegen die Prinzipien eines Systems gerechtfertigt, in dessen Koordinaten wir uns bewegen? Was ist die Konsequenz, wenn es nicht mehr möglich ist, ruhig zu sein, wegzusehen oder gar mitzumachen? Was ist mit den Konsequenzen für sich selbst und für andere? Und, immer wieder: Wann sollte Geheimes öffentlich gemacht werden, weil die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, dies zu erfahren?

Das ist die zweite große Aufgabe für die Demokratie, die sich aus dem Fall Bradley Manning ergibt: die Koordinaten nicht zu verschieben, nach denen sich ihre Teilhaber bei dieser Entscheidung richten.