Preußen verschwindet im 21. Jahrhundert dahin, wo Byzanz, Burgund oder die Donaumonarchie schon früher verschwunden sind. Das Ende Preußens begann damit, dass sein König Wilhelm 1871 deutscher Kaiser wurde. Der Nachfolger Friedrich, der Hundert-Tage-Kaiser, war eine nie erfüllte Hoffnung. Sein Sohn Wilhelm, der mit dem Schnurrbart, rammte wegen seiner deutschen Großmachtträume auch Preußen in den Erdboden.
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Unter dem SPD-Ministerpräsidenten Otto Braun erlebte Preußen in den zwanziger Jahren eine Auferstehung in einer Gestalt, die den Nazis so verhasst war, dass sie, die sich illegitimerweise auf den Alten Fritz beriefen, Preußen alsbald endgültig den Garaus machten.
Preußen ist heute fast nur noch ein folkloristischer Begriff, dem auch eine gewisse geographische Bedeutung zu eigen ist. (Übrigens, als Berlin und Brandenburg, zwei föderale Einheiten mit dezidiert unpreußischen Tugenden, pro forma über eine Vereinigung nachdachten, lehnte man Preußen als Namensbestandteil rigoros ab.)
Für manche, darunter überproportional viele ältere Herren, symbolisiert Preußen zwar noch einen Wertekatalog jener Bürger- und Pflichttugenden, die allerdings im einst real existierenden Preußen stark von Autoritarismus und Intoleranz kujoniert wurden.
Um einen modischen Begriff aus dem Arsenal des Geschichtstourismus zu verwenden: Preußen ist ein Sehnsuchtsort geworden, den man sich bauen kann aus etwas Friedrich, etwas Kleist, ein wenig Schinkel und Menzel, kaum Wilhelm, höchstens drei Gramm Bismarck, dafür aber mehr Zille und Fontane. Das ist Preußen à la carte, so wie es niemals war, sich aber gerade heute gut verkauft.
Ein Aperçu: Was an manifestiertem Preußentum in Potsdam, dem vermeintlichen Zentrum des borussischen Militarismus, nicht die Bomber zerschlugen, wurde vom SED-Staat zerstört, oder man ließ es verrotten. Friedrichs Wiederbegräbnis war dann, zumindest zeitlich, der Beginn einer neuen Besiedlung durch die Leistungsboheme einer sehr postpreußischen Gesellschaft. Was einst in Potsdam die Prinzen und die Gardeoffiziere waren, sind heute die Jauchs und Joops. Ja, Preußen ist untergegangen.
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(SZ vom 23.01.2012/gal)
Russland unter Putin
Fehler im Artikel:
-"pro forma über eine Vereinigung nachdachten" es gab 1996 eine Volksabstimmung in Berlin und Brandenburg!
-"dezidiert unpreußischen Tugenden" welche Tugenden sollen das denn genau sein, bitteschön?
@Geophysik Zwecklos, Argumente und Fakten = rot oder entfernter Kommentar (ist mir gestern 2x passiert, kommentarlos entfernt!)
Vor etwa zehn Jahren, wahrscheinlich zum 300. Jahrestag der Königskrönung König Friedrich I., habe ich folgende Zahlen gelesen.
Frankreich nahm von 1701 bis 1918 an 21% aller Kriege in Europa teil - der höchste Wert unter den fünf Großmächten. Preußen nahm im selben Zeitraum an 8% aller Kriege in Europa teil - der niedrigste Wert. Leider kann ich mich an die Quelle nicht erinnern.
Die Zahlen scheinen allerdings plausibel, wenn man allein die Napoleonischen Kriege (von beiden) denkt.
Insofern sollte die allgemeine Verdammung Preußens als Kriegstreiber eher mindestens in Frage gestellt werden, zumal vor dem Briand-Kellog-Pakt den Staaten ein jus ad bellum zugestanden wurde. Man kann vergangene Epochen nicht allein nach heutigen Werten beurteilen, weil diese sich ebenfalls ständig ändern.
Es wurde lediglich umbenannt. Heute nennt man es Deutschland.
… doch birgt gerade dies die Gefahr, dass der „Geist“ Preußens immer wieder seinen Spuk treibt in manch wirren Köpfen – nicht nur „älterer Herren“. Wenn dann zu solchen Jubiläumsanlässen in verklärenden und unausgegorenen Beiträgen dieser „Geist“ aus der Flasche darf, erkennt der distanzierte Beobachter: unter preußischen Aspekten ist folgerichtig eher eine „kleindeutsche“ (oder gar kleingeistige) Lösung möglich.
Sao-Preissen, dammische!
Paging