60 Jahre Es war einmal ein Spiegel

Der Spiegel wurde nach seiner Gründung vor 60 Jahren zum Leitorgan einer ganzen Generation von Journalisten und Politikern. Doch spätestens mit dem Wechsel des Kanzleramts nach Berlin waren an der Spitze des politischen Journalismus Veränderungen zu spüren - Veränderungen, die auf Dauer der Auflage nicht gut tun werden.

Von Hans-Jürgen Jakobs

Also sprach Rudolf Augstein, der Mythos gewordene Zeitschriftengründer: ,,Mit der ausübenden Gewalt zusammenzustoßen, war immer das Berufsrisiko - beinah' das Privileg - des Spiegel.''

Als Störinstrument des politischen Lebens hat der im Jahr 2002 verstorbene Verleger sein Montags-Nachrichtenmagazin gerne begriffen, einst sogar als ,,Sturmgeschütz der Demokratie'' - solange es noch etwas zu stürmen gab, wie er in späteren Jahren nachschob.

Augstein begriff sich als Gegenspieler der Macht, dessen Unabhängigkeit ihm im roten Spiegelrahmen maximale Wirkung garantierte. Das schloss kurzzeitige Irrtümer mit ein, zum Beispiel als der Spiegel-Chef 1972 für die FDP einige Wochen als Abgeordneter im Bundestag saß.

Da war seine Haftstrafe im Zuge der Spiegel-Affäre 1962 schon besser ,,angelegt'', wie er das selbst einmal genannt hat.

Die Erinnerung an Augstein drängt sich in diesen Tagen auf, in denen der Spiegel (die ihm von britischen Besatzungsoffizieren in die Hand gegebene publizistische Rassel) seinen 60. Geburtstag feiert, natürlich mit vielen schönen, alten Augstein-Bildern und Memorabilien an jene Tage, an denen Politiker wie Konrad Adenauer oder Franz Josef Strauß montags bangen Blickes in das Magazin schauten, das einer wie Willy Brandt schon mal rüde ein ,,Scheiß-Blatt'' nannte.

"Schmiergeld namens Nähe"

Helmut Kohl las es irgendwann nicht mehr, sondern ließ lesen und ordnete dem Presseorgan die Funktion einer ,,Kläranlage'' zu. Damit konnten Augsteins Adjutanten gut leben.

Dieser klärende, aufklärende Spiegel wurde zum Leitorgan einer ganzen Generation von Journalisten und Politikern. Die Skandale (Flick, Neue Heimat, Coop, Barschel), die das Blatt enthüllte, sind Legende. In seinem Gefolge zählten Stern und Zeit zur ,,Hamburger Kampfpresse''.

Aber da war auch noch Bonn der Regierungssitz der Republik. Spätestens mit dem Wechsel des Kanzleramts nach Berlin aber waren an der Spitze des politischen Journalismus Klimaveränderungen spürbar, ja, es kam zu Erwärmungen, die schadvoll sind.

Lebten Augstein und seine Mannen noch von der Kaltschnäuzigkeit, je nach Fakten- und Aktenlage einen Politiker oder Gewerkschafter oder Manager fallen zu lassen, hielten und halten es manche Nachfolger tendenziell mit friedlicher Koexistenz, mit dem Teilen von Machtsphären. Das neue Berufsrisiko ist nicht mehr der Zusammenstoß mit der Exekutive, sondern ein ,,Schmiergeld namens Nähe''.

Ganz sicher hat es mit dem Privileg zu tun, in alle Chefetagen vorgelassen zu werden. Wozu aber soll es gut sein, in einem Kanzleramt Rotwein zu trinken, wenn dies die Möglichkeit einer kritischen Geschichte arg reduziert? Manches Bett wärmt gut, doch kampfeslustiger entsteigt man ihm nicht.