20 Jahre deutsche Einheit Es blüht etwas im Osten

2000 Kilometer auf der Straße, mehr als 40 Interviews und 19 Stunden Filmmaterial: sueddeutsche.de ist sieben Tage durch Ostdeutschland gefahren. Eine Suche nach blühenden Landschaften. Start einer Serie über den Erfolg der Einheit.

Von Wolfgang Jaschensky

Wir haben in der Redaktion lange darüber diskutiert, wie unser Spezial zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit heißen soll. "Unser Osten" war der erste Einfall und der Arbeitstitel. Aber geht das als offizieller Titel? "Unser Osten"? Das könnte etwas mitleidig, fast abfällig klingen, war der erste Einwand. Oder zu stolz? Unser Haus, unsere Yacht, "unser Osten"? Müssen wir 20 Jahre nach der deutschen Einheit nicht endlich soweit sein, Mecklenburg-Vorpommern zu Norddeutschland zu zählen? Und liegt Thüringen nicht im Herzen dieser Republik? Vor allem aber: Die eingebaute Wessi-Perspektive! Sagt da nicht jeder Cottbusser, Rostocker und Magdeburger: "Geht gar nicht!"?

Am Ende sind wir trotz dieser Einwände bei diesem Titel geblieben. Wessi-Perspektive? Ja klar, aber die Redaktion von sueddeutsche.de sitzt nun mal in München und weder der Autor dieser Zeilen noch sein Begleiter hinter der Kamera kommen aus Ostdeutschland. Außerdem ist der Vorwurf noch mehr im Ost-West-Schema verankert, als der Titel es ist. Vor allem aber: Sollten wir 20 Jahre nach der deutschen Einheit nicht entspannt genug sein, "unser Osten" zu sagen, ohne eine ideologische Diskussion fürchten zu müssen?

Mitleid erregen soll der Titel jedenfalls nicht, eher schon darf ein kleines bisschen Stolz mitschwingen. Denn schon während der Recherche für die Reise, die uns quer durch alle "neuen Bundesländer" in vier ostdeutsche Städte geführt hat, wurde eines schnell klar: Egal wie groß die Probleme sein mögen, die eine Gemeinde, eine Stadt oder eine Region hat, egal wie schwierig die wirtschaftliche Situation sich für manche Bürger darstellen mag: Mühelos lassen sich überall Menschen finden, die voller Tatendrang und Ideen sind, die Hoffnung verbreiten und Perspektiven aufzeigen.

Da ist die junge Architektin in Hoyerswerda, die eine Vision für eine Stadt entwickelt und transportiert, die noch vor zehn Jahren drohte, zugrunde zu gehen. Da sind die Theatermacher in Leipzig, die wider jeder wirtschaftlichen Vernunft aus dem Nichts eine Bühne aufbauen, um ambitioniertes Regietheater für ein anspruchsvolles Publikum zu bieten - und das ganz ohne staatliche Unterstützung. Da ist der Gastronom in der schrumpfenden Kleinstadt Wittenberge, der in einem der strukturschwächsten Gebiete der Republik mit einer anspruchsvollen Küche auf einen wachsenden Strom von Touristen am Elberadweg setzt. Und da ist der einst arbeitslose Werftarbeiter in Stralsund, der mit einer guten Idee und betriebswirtschaftlichem Geschick ein prosperierendes Familienunternehmen gegründet hat.

"Blühende Landschaften" hat Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, den Deutschen im Überschwang der friedlichen Revolution versprochen. Die Erwartungen vieler Menschen in Ost und West waren groß, aber das Versprechen so unrealistisch, dass es schnell zum abgedroschenen Witz wurde. Statt "blühender Landschaften" machte sich Enttäuschung breit.

Im Ostbild vieler Westdeutscher blieb zwischen Rechts- und Linksextremismus, Ausländerfeindlichkeit und Stasi-Erbe wenig Platz für Positives. Im Osten verdrängten wirtschaftliche Probleme die Euphorie der Revolution. Belächelt vom Besser-Wessi, abgehängt von der real existierenden Marktwirtschaft, empfanden viele Ostdeutsche Kohls Versprechen als Zynismus.

20 Jahre nach der Einheit hat sich das vereinigte Deutschland entspannt. Die erste Generation von jungen Erwachsenen, die die DDR nur aus Geschichtsbüchern kennt, drängt an die Universitäten und auf den Arbeitsmarkt. Von blühenden Landschaften ist kaum mehr die Rede. Dabei finden sich heute mehr Anzeichen für eine Blüte im Osten als je zuvor.