Von Heribert Prantl

Damals hieß es, es würde wohl eine Generation dauern bis zur inneren Einheit. Nun ist Halbzeit - und die deutsche Einheit ist schon weit gediehen: Vor zehn Jahren noch wurde vor allem im Osten geklagt und gejammert. Jetzt jammert das ganze Land.

Das Prinzip der Steigerung, das der Dichter Friedrich Klopstock bei der Veranschaulichung von Gefühlen zur hohen Kunst erhoben hat, beherrscht nun die ganze Gesellschaft in Ost und West - vor allem das Prinzip der Steigerung von Negativismen.

Frauenkirche, dpa

Deutsches Wunder aus den Ruinen entstanden: Die Dresdner Frauenkirche. (© Foto: dpa)

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Es gibt eine große gemeinsame Unzufriedenheit. Die Politik ist unzufrieden mit den Wählern, die Wähler sind unzufrieden mit der Politik, und es sind alle unzufrieden darüber, dass alle so unzufrieden sind. Es gibt einen gesamtdeutschen Hang zum radikalen Defätismus, der selbst in Nachrichtensendungen gepflegt wird.

Also gilt auch ein überraschendes Ergebnis bei der Bundestagswahl nicht als Chance, sondern als Heimsuchung, das prompt törichte Rufe nach einer grundlegenden Änderung des Wahlrechts laut werden lässt; und die Tatsache, dass sich Parteien nach dreimonatigem heftigem Wahlkampf nicht binnen zwei Wochen auf eine neue Regierung einigen können, gilt nicht als normal, sondern als Desaster.

Katastrophen statt Krisen

Es gibt in Deutschland kaum noch Krisen, stattdessen aber immer mehr Katastrophen. Als etwa das Maut-System nicht sogleich funktionierte, wurde allenthalben verzweifelt darüber sinniert, ob Deutschland überhaupt noch ein Technologiestandort sei; und im Bundestag wurde überlegt, schnell einen Untersuchungsausschuss zu installieren, um dort die Schuld dem politischen Gegner in die Schuhe zu schieben.

Mittlerweile funktioniert das Maut-System prächtig und zukunftsweisend, aber das mag kaum mehr einer zur Kenntnis nehmen. Der deutsche Pessimismus ist wie eine neue Pest - und er grassiert auf allen Kanälen. Er gilt dem Wahlsystem, er gilt dem Sozialsystem, er gilt also selbst dem, was wirklich eine Errungenschaft ist.

Der Sozialstaat ist ja nicht Traumtänzerei, sondern Ergebnis eines langen Lernprozesses im Umgang mit Ungleichheit. Statt diesen Prozess fortzusetzen, wird sein bisheriges Ergebnis verdammt. Deutschland leidet an überschießender Innentendenz.

Enthysterisierungs-Behandlung

Weil das so ist, werden wir zum 15. Jahrestag der deutschen Einheit - soweit die fiebrigen Diskussionen über das Verhalten des Kanzlers bei der Elefantenrunde und die Spekulationen über die Regierungsbildung dafür noch Raum lassen - vor allem hören, wie viele Fehler bei und nach der Einheit gemacht worden sind und wie viele Milliarden angeblich immer noch in den Sand gesetzt werden.

Den düsteren Synonymen für den deutschen Osten ("Mezzogiorno ohne Mafia") werden noch ein paar neue hinzugefügt werden. Wenn dann Fachleute, sagen wir aus Korea, anreisen, um für die Vereinigung ihres Heimatlandes aus dem deutschen Desaster zu lernen, dann stehen sie aber nicht vor einem Abgrund, sondern in Jena - und hören von Fachleuten aus Mailand, die das dortige optische Weltunternehmen besichtigen, dass die deutsche Einheit schon nach fünfzehn Jahren weiter fortgeschritten sei als die italienische nach fast hundertfünfzig Jahren.

Vielleicht wäre es daher das richtige Präsent zum 15. Jahrestag der deutschen Einheit, dem Land eine Ent-Hysterisierungs-Behandlung zu schenken - sagen wir, zum Ausprobieren, erst einmal für zehn Wochen: In dieser Zeit müsste dann in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen auf alles Aufgeblasene, auf Wichtigtuereien und Hypertrophien verzichtet werden, gleichfalls auf die Wiederholung des immer Gleichen und auch auf die Produktion von Nachrichten, wenn es keine Neuigkeiten gibt.

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