Ein Kommentar von Thorsten Denkler, Berlin

Am Tag vor der Wahl des Bundespräsidenten hält Horst Köhler noch eine große Rede. Wer argwöhnte, der Kandidat halte wohl nur eine Bewerbungsrede, sollte Recht behalten.

Die Präsidentschaftskandidatin der SPD, Gesine Schwan, weiß, dass sie keine Pluspunkte sammelt, wenn sie Amtsinhaber Horst Köhler kritisiert. Als aber klar wurde, dass der Staatsakt zur Gründung der Bundesrepublik nicht wie sonst am Tag nach, sondern diesmal am Tag vor der Wahl zum Bundespräsidenten stattfinden sollte und Köhler selbstredend die Festrede halten würde, da konnte sie nicht an sich halten. "Verwunderlich", nannte sie den Umstand, gar eine "Form alimentierter Wahlhilfe".

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Bundespräsident Horst Köhler nutzt ausgerechnet den Staatsakt zu 60 Jahre Bundesrepublik für Wahlkampf in eigener Sache. (© Foto: Reuters)

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Nicht wenige hatten den Eindruck, Schwan sei etwas beleidigt, weil Köhler so kurz vor der Wahl noch ein großer Auftritt vergönnt war. Köhler war schließlich stets bemüht, eben nicht den Eindruck zu erwecken, als gäbe es so etwas wie einen Wettlauf um das Amt, das er so gerne behalten möchte. Schwan dagegen hat in vergangenen Wochen, einer Kampagne gleich, ihre Kandidatur vorangetrieben.

Spätestens mit seiner heutigen Rede zum 60. Gründungstag der Bundesrepublik im Konzerthaus am Gendarmenmarkt aber hat er diesen Eindruck zunichte gemacht. Seine Rede, angelegt zunächst als Rückschau auf 60 deutsche Jahre, entpuppte sich im Verlauf als Bewerbungsrede für die morgige Wahl des Bundespräsidenten.

Köhler hatte vor allem etwas für die Parteien links der Mitte im Gepäck. Ganz im Sinne der SPD lobte er etwa die Bildungsrevolution der 60er Jahre: dass es nichts Außergewöhnliches mehr sei, wenn Arbeiterkinder studierten. Auch in der Krise heute habe der Sozialstaat Bestand. Es ist noch gar nicht so lange her, da wollte er noch den Kündigungsschutz lockern. Davon spricht er heute nicht.

Vor allem aber umgarnte er die Grünen. Erneut forderte er eine ökologische industrielle Revolution, ein Ende des Raubbaus an Rohstoffen. Er stellte fest, dass ein rein materielles "immer mehr" nicht mehr reiche in dieser "einen Welt". Und er meinte wohl auch die Grünen, als sagte: Wo die Gründer-Parteien wichtige Themen wie die Rechte der Frauen und den Umweltschutz übersehen hätten, da hätten sich "neue Kräfte" gebildet, die den "alten auf die Sprünge halfen". Wer als Grüner da noch Zweifel hatte, ob er für Schwan oder für Köhler stimmen sollte, der hat hier aus erster Hand Hilfestellung bekommen.

Wahltaktisch ist es durchaus sinnvoll, diesen Tag noch in eigener Sache zu nutzen. Mit einigen wenigen Stimmen von Grünen und von Sozialdemokraten könnte Köhler seine Wiederwahl schon im ersten Wahlgang perfekt machen. Was wäre das für ein schönes Zeichen - Köhler, der unumstrittene Präsident.

Er hätte es sich sparen sollen. Diese Rede hat mehr als alle seine anderen Reden zuvor gezeigt: Köhler weiß zwar selbst nicht so genau, warum er Bundespräsident bleiben will, zumindest hat er sich dazu öffentlich nie deutlich geäußert. Sicher dagegen ist: Er will die Wahl gewinnen, er will die wenige Macht, die er hat, nicht aus den Händen geben und nutzt jetzt sogar die einzige Gelegenheit, die er dazu nicht hätte nutzen dürfen, um ein bestmögliches Ergebnis zu bekommen.

Das Seltsame ist: Er hätte das nicht nötig gehabt. In jeder geheimen Wahl steckt ein Fünkchen Unsicherheit. Von einem Sieg Schwans geht derzeit jedoch niemand aus. Köhler würde wohl auch ohne diese Form der Anbiederung wiedergewählt werden. Dass er darauf nicht verzichtet hat, wirft schon jetzt einen Schatten auf seine zweite Amtszeit. Das Attribut der Bescheidenheit jedenfalls, mit dem er sich bei den Bürgern so beliebt gemacht hat, hat er mit dieser kleinen Demonstration seines machttaktischen Kalküls von sich geworfen.

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(sueddeutsche.de/bgr)