Der Glaube an Größe ist ein bestimmendes Moment der deutschen Wirtschaft in den neunziger Jahren: Doch weder die deutsche Einheit noch große Unternehmensfusionen werden gut gehandhabt.
Die neunziger Jahre beginnen mit einem Paukenschlag: Deutschland - seit einem knappen halben Jahrhundert geteilt - wird wiedervereinigt.
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Streik der Kali-Kumpel im nordthüringischen Bischofferode: Die Abwicklung der DDR-Industrie durch die Treuhandanstalt führt zu einer Deindustrialisierung Ostdeutschlands. (© Foto: dpa)
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Dem politisch begehrenswerten Wunsch der Einheit stehen von Anfang an aber die wirtschaftlichen Schwierigkeiten entgegen, die beim Zusammenführen zweier völlig unterschiedlicher Wirtschaftsssysteme naturgemäß entstehen.
Die Regierung unter CDU-Kanzler Helmut Kohl setzt sich dabei über den Rat vieler Experten hinweg und vollzieht am 1. Juli 1990 gemeinsam mit der neu gewählten DDR-Regierung unter CDU-Ministerpräsident Lothar de Maizière die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion.
Dabei überträgt die DDR die Hoheit über die Finanz- und Geldpolitik an die Bundesrepublik und übernimmt große Teile ihrer Wirtschafts- und Rechtsordnung. Die Renten-, Kranken-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung Westdeutschlands werden auf die DDR übertragen.
"Blühende Landschaften"
Kohl setzt dabei allein auf das Prinzip Hoffnung: In einer Fernsehansprache aus Anlass der Wirtschafts- und Sozialunion gibt er sich optimistisch, dass bereits in drei bis vier Jahren "blühende Landschaften" auf dem Gebiet Ostdeutschlands entstanden sein würden.
Große Diskussionen löst der Austausch der DDR-Mark gegen die D-Mark aus. Die Ost-Devise, deren inoffizieller Wechselkurs zur D-Mark zum Zeitpunkt der Wirtschaftsunion stark schwankt und zwischen 5:1 und 10:1 liegt, wird für Löhne, Gehälter, Renten und Mieten im Verhältnis 1:1, für Schulden im Verhältnis 2:1 und für Guthaben je nach Höhe im Verhältnis 1:1 oder 2:1 umgetauscht.
Die faktische Aufwertung der DDR-Mark wirkt sich zwar werterhaltend für das Vermögen der Ostdeutschen aus, doch sie setzt die DDR-Unternehmen auf einen Schlag dem Wettbewerb auf den Weltmärkten aus. Das Resultat ist absehbar: Die DDR wird innerhalb kurzer Zeit in weiten Teilen deindustrialisiert.
VW Golf statt Trabant
Zur Abwicklung der DDR-Unternehmen wird die sogenannte Treuhandanstalt gegründet. Zum Zeitpunkt der Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990 unterstehen ihr etwa 8500 Betriebe, in denen mehr als 4 Millionen Menschen arbeiten.
Zwar gibt es einige Leuchtturmprojekte, die Anlass zur Hoffnung geben: Anstelle des Trabants produziert Volkswagen in Mosel bei Zwickau schon seit Mai 1990 zunächst den Polo, dann auch den Golf. Opel baut in Eisenach eine Produktion auf und rettet so einige Arbeitsplätze des zuvor bestehenden Wartburg-Werkes. Doch als die Treuhand Ende 1994 ihre Arbeit offiziell beendet, hat sie 3.600 Betriebe geschlossen - darunter die größten Arbeitgeber der früheren DDR.
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