200 Jahre Bismarck Was bleibt von Bismarck jenseits von Straßen, Türmen und Heringen?

Bleibt von Bismarck etwas jenseits dieses steinernen und geographischen Erbes, jenseits von Straßennamen, Türmen und Heringen? Hat uns der Eiserne Kanzler noch etwas zu sagen?

Innenpolitisch ist Bismarck aus heutiger Sicht ein "Ja, aber"-Politiker. Ja, Bismarck hat der Moderne in Deutschland zum Durchbruch verholfen. Aber das war nicht seine Absicht. Ja, Bismarck gab dem Deutschen Reich ein modernes Wahlrecht. Aber damit wollte er nicht die Bürgerbeteiligung stärken, sondern die Landbevölkerung an die Urne bringen - in dem festen Glauben, dass sie eine konservative, also seine Politik unterstützen würden. Ja, Bismarck verabschiedete die erste gesetzliche Kranken-, Unfall- und Altersversicherung. Aber damit wollte er in erster Linie der Sozialdemokratie das Wasser abgraben. Ja, Bismarck vereinte das Reich, aber er spaltete es auch, indem er erst die Katholiken, dann die Sozialdemokraten zu Reichsfeinden erklärte, indem er Gegner demütigte, indem er keine Kompromisse einging.

"Bismarcks System hatte keine Zukunft"

"Bismarck hat niemanden neben sich geduldet, niemanden eingeweiht, jeden Rivalen kaputtgemacht", sagt der britisch-deutsche Historiker John Röhl, der die maßgebliche Biographie über Wilhelm II verfasst hat. Jenen Kaiser, der Bismarck 1890 entließ und das Deutsche Reich 1914 in den Ersten Weltkrieg führte. "Bismarck hat keine lebensfähigen Institutionen hinterlassen außer der Bismarckschen Kanzlerdiktatur. Sein System hatte keine Zukunft."

"Deutschland und Österreich sind hauptverantwortlich"

Der Kriegsausbruch 1914 wurde in Berlin und Wien geplant, sagt die deutsch-britische Historikerin Annika Mombauer - und kritisiert Schwächen in Christopher Clarks Bestseller "Die Schlafwandler". Von Oliver Das Gupta mehr ...

Bismarcks Innenpolitik, sagt gar Christoph Nonn, "wurde von antiparlamentarischen und antidemokratischen Affekten mitgeprägt, die nach heutigen Maßstäben rechtsradikalen Positionen entsprechen würden". Es ist nicht die Wirkung seiner Innenpolitik, sondern deren Ziele und Methoden, die Bismarck heute als demokratische Lichtgestalt unmöglich machen. Wenn man also etwas von ihm lernen könne, sagt Christoph Nonn mit Blick auf das Sozialistengesetz, dann höchstens, "dass Parteienverbote in der Regel das Gegenteil dessen erreichen, was sie eigentlich erreichen sollen."

Bleibt die Außenpolitik, und hier ist die Sache schon komplizierter. Der amtierende Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat Ende März eine Rede über Geschichte und Gegenwart der Sozialdemokratischen Außenpolitik gehalten. Seine Ausführungen begann er, nicht ohne das Publikum, "ganz besonders die Parteigenossinnen und -genossen im Raum" vorzuwarnen, mit Otto von Bismarck.

Steinmeier würdigt Bismarck als "Meister der Analyse"

"Bismarcks Erbe prägt deutsche Außenpolitik bis heute", sagte Steinmeier. "Bei aller berechtigten Kritik an seinen Haltungen und seinen Methoden" sei er nun einmal "ein Meister der Analyse, ein scharfer Beobachter der Wirklichkeit, mit einem feinen Gespür für die Interessen und Befindlichkeiten seiner politischen Mit- und Gegenspieler". Das wäre selbst für einen Konservativen eine freundliche Beschreibung. Für einen Sozialdemokraten ist das fast eine Huldigung.

Als Außenpolitiker ist Bismarck salonfähig. Zumal Politiker wie Historiker (bei allen Unterschieden) viele Parallelen sehen zwischen dem neugegründeten Deutschen Reich nach 1871 und der wiedervereinigten Bundesrepublik: Ein großes, saturiertes Land in der Mitte Europas, das mit einer Führungsrolle klarkommen muss, die es nicht unbedingt will - und mit Nachbarn, die misstrauisch darüber wachen, ob die halbhegemoniale Stellung nicht in eine hegemoniale umschlägt.

Gegen Russland setzte Bismarck auf Sanktionen - eine frappierende Parallele

Bismarck hat auf diese Herausforderung mit einem Netz aus kurzfristigen, bilateralen Verträgen reagiert - und ist gescheitert. Die Bundesrepublik hat sich so tief in Europa eingeflochten, dass der "cauchemar des coalitions", der Albtraum gegen Deutschland gerichteter Koalitionen, ihr nicht den Schlaf zu rauben braucht.

Auch im Detail, glaubt Christoph Nonn, kann die Bundesrepublik aus Bismarcks Außenpolitik lernen - wie man es richtig und wie man es falsch machen kann. Zum Beispiel, wenn innenpolitische Ziele sich auf die Außenpolitik niederschlagen. Bismarck habe die Landwirtschaft durch Importzölle schützen wollen - und damit das Verhältnis zu Russland "massiv zerrüttet". Die Bundesrepublik fördere heute massiv die Exportindustrie und bereite durch ihren riesigen Außenhandelsüberschuss den Nachbarn Probleme.

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Als positives Beispiel könne Bismarck dagegen dienen, wenn es um die Einhegung von Konflikten gehe. Die Österreicher forderten 1879, russische Aggressionen mit Waffengewalt zu beantworten. Bismarck war dagegen. "Er ging davon aus", sagt Nonn, "dass Russland stärker auf Deutschland angewiesen sei als umgekehrt und hat deshalb auf Sanktionen gesetzt. Russland durfte keine Kredite mehr bei deutschen Banken aufnehmen, auch die Zollpolitik wurde genutzt, um Druck zu machen. Und das hat in der Tat funktioniert. Diese Parallele ist ziemlich frappierend."

Die Bundesrepublik braucht Bismarck nicht mehr: Ein gutes Zeichen

Heute, da das Bismarck-Reich der Bundesrepublik viel näher zu sein scheint als nach dem Zweiten Weltkrieg, ist der Kanzler selbst weit weg. "Es ist erstaunlich, wie das Interesse an Bismarck geschwunden ist", sagt John Röhl. In der frühen Bundesrepublik dagegen wurde er noch gebraucht. "Man suchte irgendwo in der Geschichte einen Halt", sagt Röhl. "Es gab den Zweiten Weltkrieg, es gab den Holocaust, das Chaos der Weimarer Republik und Wilhelm II, auf den man nicht zurückkehren konnte. Und es gab eben Bismarck."

Historisch ist es sicher ein gutes Zeichen, dass die Bundesrepublik sich aus Bismarcks Schatten gelöst hat. Deutschland braucht den einstigen Übervater nicht mehr - weder um sich anzulehnen noch um sich an ihm abzuarbeiten. Vielleicht können wir ja gerade jetzt etwas von ihm lernen.

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