DDR-Führung Bonzen auf der Pirsch

Der Nimrod von der Schorfheide: Erich Honecker (rechts) auf einem Foto aus dem Jahr 1975 oder 1976.

(Foto: dpa)

Sie kurvten in Westautos über gepflegte Forststraßen und ballerten in abgezäunten Jagdgebieten herum: Helmut Suter führt vor, wie Honecker und andere DDR-Obere einem privilegierten Hobby frönten.

Rezension von Ralf Husemann

Ausgerechnet Horst Sindermann. Es war der "Chefagitator" der SED, der einst die deutsche Sprache mit dem peinlichen Propagandabegriff "Antifaschistischer Schutzwall" bereichert hat, dem schönfärberischen Versuch, die Berliner Mauer zu rechtfertigen. Doch siehe da: Kurz vor dem Ende der DDR, das er nicht mehr erleben sollte, urteilte er über seinen langjährigen Weggefährten Erich Honecker plötzlich überraschend klarsichtig: "Langsam muss ich zu der Überzeugung kommen, er hat wirklich, wie viele sagen, wie ein Kaiser, wie ein König von oben regiert (...) Es hatte sich bei uns (...) eine Art feudalistisches System herausgebildet."

Das Zitat ist einem Buch entnommen, das diese Bewertung sehr anschaulich bestätigt. Es geht dabei um einen Bereich, der einem beim Stichwort "Unrechtsstaat DDR" sicherlich nicht als Erstes einfällt: Helmut Suters mühsame Fleißarbeit (denn viele Dokumente sind vernichtet) "Honeckers letzter Hirsch. Jagd und Macht in der DDR" beschreibt aber besonders frappierend einen Staat, der exakt das Gegenteil von dem praktizierte, was er predigte.

Vom Schreckensbild zum Zukunftsmodell

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Die Jagd war schon seit Jahrhunderten viel mehr als bloße Nahrungs- oder Materialbeschaffung, sondern nicht zuletzt eine elitäre und Macht demonstrierende Freizeitbeschäftigung des Adels und des hohen Klerus mit einer sich vom "Volk" bewusst absetzenden Fachsprache. Auch im vermeintlichen Arbeiter- und Bauernstand war sie zumindest teilweise ein Hobby der Mächtigen.

Das war ursprünglich anders geplant. Anstelle der kapitalistischen "Bonzenjagd" wurde in der DDR das "Volksjagdrecht" ausgerufen. "Alle jagdbaren Tiere sind Eigentum des Volkes", so stand es stolz im Jagdgesetz von 1953. Das "Volk" war allerdings nichts anderes als der Staat, denn dem oblag allein die "Bewirtschaftung" der Jagdgebiete. Und da waren eben sehr schnell manche gleicher als die anderen.

Nach Lust und Laune ballerten die Parteioberen herum

Es gab auf der einen Seite die (knapp 1000) Jagdgesellschaften der normalen Jäger (etwa 40 000 Personen), die ständig genug Probleme hatten, ausreichend Waffen und Munition zu beschaffen, und die auch nur im "Kollektiv" auf die Jagd gehen durften. Und auf der anderen Seite waren die Oberen von Partei und Staat, die in meist abgezäunten "Staatsjagdbetrieben" und sogenannten Wildforschungsgebieten nach Lust und Laune herumballern und sich in gemütlichen, fein ausgestatteten Jagdhäusern ihrer Privilegien erfreuen konnten.

War dies eigentlich schon peinlich genug, hatten die Politbürokraten und Staatsminister auch keine Hemmungen, just in denselben Forsten und ähnlich abgeschirmt und sorgsam bewacht wie schon Kaiser Wilhelm II. oder der "Reichsjägermeister" Hermann Göring ihrem Jagdfieber freie Bahn zu lassen.