Italiens neuer Präsident Mattarella Maximal gemeinsamer Nenner

Mitglieder der Wahlversammlung, in der Mitte der frühere Präsident Giorgio Napoletano, applaudieren Sergio Mattarellas Sieg - und sich selbst.

(Foto: AP)
  • Italien hat einen neuen Präsidenten: Es ist der 73-jährige Christdemokrat Sergio Mattarella.
  • Als Verfassungsrichter kennt sich Mattarella blendend mit den Mechanismen der Republik aus. Allerdings fehlt ihm die Strahlkraft.
  • Mit dem Sizilianer Mattarella ist Premier Renzi ein politischer Coup gelungen. Der neue Präsident wird dem erst 40-jährigen Renzi nicht die Show stehlen.
Von Oliver Meiler, Rom

Urteilt man nach den vier Minuten langen Ovationen, die auf die Wahl von Sergio Mattarella zum Präsidenten folgten, dann könnte man leicht meinen, der sizilianische Politiker sei der Mann, auf den Italien schon lange gewartet hatte. Doch der Eindruck, der 73-Jährige sei eine Art Heilsbringer in spe, wäre natürlich übertrieben.

Vielmehr applaudierten die Herrschaften, diese 1009 Parlamentarier und Vertreter aus den Regionen, in erster Linie sich selbst. Immerhin war es ihnen gelungen, das neue Staatsoberhaupt im vierten Wahlgang mit stattlicher Mehrheit zu wählen: 665 stimmten für den Verfassungsrichter, deutlich mehr als die nötigen 505. Der von den Linken lancierte Kandidat erhielt auch viele Stimmen der Rechten, mehr als man im Vorfeld erwartet hatte. Am Ende fehlte nur wenig zur Zweidrittelmehrheit, die es in den ersten drei Wahlgängen gebraucht hätte.

Sergio Mattarella, den sie daheim in Palermo noch immer vertraut "Sergiuzzo" rufen, ist eine solide, vernünftige, gänzlich unspektakuläre Wahl und der maximal mögliche gemeinsame Nenner in einem heterogenen Wahlgremium. Manche würden anfügen, Mattarella sei eine graue, langweilige Wahl - jedenfalls auf den ersten Blick. Aber das muss nicht unbedingt schlecht sein.

Vom Tangentopoli-Skandal bis hin zum neuen Wahlrecht

An Erfahrung mangelt es ihm nicht. Der Christdemokrat sozialer Prägung war in seiner langen Karriere vier Mal Minister, unter anderem für Verteidigung und Bildung, und einmal Vizepremier eines Mitte-Links-Kabinetts. Er erlebte die Niederungen der Ersten Republik, überlebte die Korruptionsskandale von Tangentopoli unbeschädigt, half bei der Überwindung des politischen Vakuums und gab dem Land 1993 ein Wahlrecht, das die zerfahrene Politlandschaft etwas ordnen konnte.

Ruhiger Garant der Unparteilichkeit: Sergio Mattarella, neuer Präsident Italiens.

(Foto: AFP)

Als Verfassungsrechtler und Verfassungsrichter kennt er sich blendend aus mit den Mechanismen der Republik. Und da er schon seit längerer Zeit keine Parteipolitik mehr betreibt, gilt er als geeigneter Schiedsrichter, als ruhiger Garant der Unparteilichkeit - oder wie die Italiener in solchen Fällen mit Sinn fürs Lateinische sagen: super partes.

Italien braucht alle diese Qualitäten oben auf dem "Colle", dem Quirinalshügel, nun, da in Matteo Renzi ein Regierungschef am Werk ist, der die Verfassung reformieren möchte und dabei zuweilen ungestüm agiert. Mattarella könnte ihn bremsen, ginge er ihm zu weit. Das sagen die, die ihn kennen. Er hat in der Vergangenheit oft bewiesen, dass ihm Prinzipien wichtiger sind als Posten. Sein Charakter wuchs an der Tragödie, die ihn 1980 ereilte, als die Mafia seinen Bruder Piersanti Mattarella, damals Präsident der Region Sizilien, umbrachte. Die Tragödie drängte ihn erst in die Politik.

Ein markantes Manko hat der neue Präsident jedoch: Es fehlt ihm an Strahlkraft. Im Ausland ist er gänzlich unbekannt, was in diesen Krisenzeiten eine zusätzliche Hypothek sein könnte. In Giorgio Napolitano, seinem Vorgänger, hatte die Welt eine sichere, renommierte Größe. Und selbst in Italien war "Mattarellum", der Übername seines nunmehr revidierten Wahlrechts, bekannter als der Erfinder dahinter. Mattarella tritt reserviert und scheu auf. Er war immer schon ein Mann weniger, bedachter Worte.

Dem Premier Matteo Renzi unten im Palazzo Chigi, der Mattarella als seinen Wunschkandidaten bezeichnet hatte, kommt das wunderbar zupass: Der gerade mal 40-Jährige hat die Bühne gerne für sich allein. Und mit Mattarella dürfte vom Quirinalspalast kein allzu großer Schatten auf ihn selbst fallen; die Show stiehlt ihm der neue Präsident nicht.

Manche bedachten mit ihrem Applaus nach der Wahl Mattarellas wohl insgeheim auch die Leistung Renzis, dem hier ein politischer Coup gelungen ist. Wenigstens auf den ersten Blick.