Italiens Torschütze Mario Balotelli Gedemütigt, geschmäht und plötzlich Held aller Italiener

Seine Berufung in die Nationalelf war für Neofaschisten und die rechte Lega Nord eine Provokation. Mario Balotelli wuchs bei italienischen Pflegeeltern auf und zog aus, als Fußballer die Welt zu erobern. Sein ganzes Leben lang wurde er immer wieder rassistisch angegriffen - auch während der EM. Jetzt hat er sich mit zwei Toren zum Stolz Italiens gemacht.

Aus Rom von Birgit Schönau

Zwei Tore können ein Fußballerleben verändern. Tatsächlich beteuerte Mario Balotelli nach seinen Halbfinal-Treffern gegen Deutschland, der Abend in Warschau sei der schönste seines Lebens gewesen. Auf jeden Fall hat sich Balotelli in diesen Stunden vom bösen Buben der Squadra Azzurra zum Helden der Italiener verwandelt.

Auch wenn er für die Deutschen ein Sommermärchen jäh beendete - was Balotelli bei dieser EM erlebt und erreicht hat, ist selbst märchenhaft. Er schrieb die letzten Zeilen einer echten Fabel, der Geschichte eines Kindes afrikanischer Eltern, das von einer italienischen Familie erzogen wurde und auszog, als Fußballer die Welt zu erobern. Und jetzt, da ihn ein ganzer Kontinent als Ausnahmesportler bestaunt, erhebt er sich über alle Vorurteile und Schmähungen.

Balotelli, 21, steht erst am Anfang seiner Karriere. In Italien spielte er für Inter Mailand, in England derzeit bei Manchester City. Mit beiden Klubs hat er Landesmeistertitel gewonnen, mit Inter wurde er 2010 gar Champions-League-Sieger. Aber seinen größten persönlichen Triumph feierte er jetzt: Den Sieg über den Rassismus der eigenen Landsleute.

Balotelli wurde in Palermo als Kind ghanaischer Eltern geboren, die mit ihrem Sohn kurz nach dessen Geburt nach Norditalien zogen. Sie überließen den kleinen Mario einem Krankenhaus: Balotellis Eltern konnten sich keine Wohnung leisten, in der sie ihren Sohn angemessen hätten versorgen können. Als er zwei Jahre alt war, wurde er von einer italienischen Pflegefamilie angenommen, die bereits drei Kinder hatte. Adoptiert wurde Balotelli nicht, seine leiblichen Eltern hatten ihn nicht zur Adoption freigegeben. Deshalb konnte er erst mit Erreichen der Volljährigkeit Italiener werden und den Namen seiner Pflegeeltern annehmen.

Der erste Mensch, mit dem ich unseren Sieg feiern wollte, war meine Pflegemutter", sagte Balotelli. Tatsächlich konnte man sehen, wie der 1,90-Meter-Mann nach dem Abpfiff zur Tribüne lief und dort eine kleine, ältere Frau umarmte, die ihm zärtlich über den blondierten Hahnenkamm strich. Der Exzentriker wurde in diesem Moment noch mehr zum Italiener, "unser erster wirklich populärer Schwarzer", schrieb der Corriere della Sera. Jetzt feiern ihn die Medien als Symbol des multikulturellen Italien - der Sohn armer Einwanderer, denen der Erfolg am Zielort ihrer Träume verwehrt blieb, ist nun der Stolz des Landes.

Affengeheul und Bananen

Seine Pflegeeltern hatten immer wieder berichtet, dass Mario schon als Kind rassistische Angriffe ertragen musste. Mit jedem Karriereschritt wurden die Schmähungen schlimmer. Balotelli schlug in italienischen Stadien Affengeheul entgegen, er wurde, auch jetzt bei der EM, mit Bananen beworfen. Seine Berufung in die Nationalelf war für Italiens Neofaschisten wie für die rechte Lega Nord eine Provokation. Als Balotelli anlässlich des Auschwitz-Besuches der Mannschaft erzählte, dass auch jüdische Verwandte seiner Pflegemutter in einem deutschen Vernichtungslager ermordet worden waren, überzog ihn eine rechtsextreme italienische Gruppe mit Beleidigungen. Jetzt hat er die Rassisten zum Schweigen gebracht.

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