Italiens Premierminister Berlusconi will die Runde der G-8-Staaten für Länder wie Brasilien, Indien und Ägypten öffnen - und der heimischen Krise entfliehen.
"Es ist ein schreckliches Jahr, das ich vor mir habe", stöhnt Silvio Berlusconi. Tatsächlich muss er als Premier sein kriselndes, reformfaules Land durch schwierigste Zeiten führen und die in Italien besonders gravierenden Wirtschaftsprobleme meistern.
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Italiens Premierminister Silvio Berlusconi möchte "Bande wahrer Freundschaft" zwischen den wichtigsten Staats- und Regierungschefs knüpfen. (© Foto: AFP)
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Außerdem soll er 2009 die Welt retten. Italien wird am 1. Januar den Vorsitz der "Gruppe der Acht" (G8) übernehmen, der mächtigsten Industriestaaten, die sich als informelle Erd-Regierung sehen. "Man denke an all die Reisen, die ich machen muss", seufzt Berlusconi, nach "China, Indien, Japan, Südafrika, Ägypten, Mexiko, Brasilien, Kanada, in die USA und europäische Länder". Il poverino - der Ärmste.
Doch vielleicht sollte man Berlusconi nicht zu sehr bemitleiden. Der G-8-Vorsitz gibt ihm die Möglichkeit, der heimischen Misere zu entfliehen und auf großer Bühne zu brillieren. Der 72 Jahre alte Milliardär fühlt sich ohnehin als Seniorchef unter den Staatsmännern. Immerhin übernimmt er nach 1994 und 2001 zum dritten Mal die Präsidentschaft der G 8. "Das ist absoluter Rekord, weil Kohl und Mitterrand nur zwei Mal Präsident waren", sagt er.
Seit 1994 habe sich die Szenerie gewandelt. Er habe als Einziger standgehalten. Nun will er "direkte Bande wahrer Freundschaft" zwischen den Weltpolitikern knüpfen und den künftigen US-Präsidenten Barack Obama mit dem russischen Premier Wladimir Putin zusammenführen. Immerhin sei es ihm ja schon in der Georgien-Krise gelungen, einen neuen Kalten Krieg zu verhindern.
G20 für einen Tag
Man ahnt es: Berlusconi wird mit seinem überbordenden Selbstbewusstsein wieder die Welt amüsieren und enervieren. Nicht nur der britische Guardian zweifelt, ob dieser "Playboy des Westens" der richtige Mann sei, der Staatenwelt Führung zu geben. Andererseits können es sich die Großen Acht nicht leisten, 2009 zu vergeuden.
Alle müssen Berlusconi Erfolg wünschen. Immerhin verfügt Italien über einen der größten diplomatischen Dienste der Erde. Und die Fähigkeit Berlusconis, Freundschaften zu ausländischen Spitzenpolitikern wie Putin oder George W. Bush aufzubauen, ist in Zeiten personalisierter Politik von Vorteil. Zudem verströmt Berlusconi Tatkraft und gute Laune. Das löst allein keine Probleme, wie sich in Italien zeigt. Aber es verbessert die Stimmung.
Inhaltlich bereitet sich Italien vor, den Zuschnitt der G8 - sie umfassen die USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Kanada und Russland - zu reformieren und einen neuen Multilateralismus einzuleiten. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass sich globale Probleme wie Finanzkrise, Klimawandel und Ernährung nur lösen lassen, wenn Nationen wie China oder Brasilien mitwirken.
Die G 8 müssen sich wandeln, öffnen - wie, ist umstritten. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) regt an, die G 8 zu einer Gruppe der 16 zu verdoppeln, der neben China, Indien und Brasilien auch islamische Staaten wie die Türkei angehören könnten. Andere G-8-Politiker, darunter Kanzlerin Angela Merkel, wollen die Exklusivität des Clubs nicht einfach aufgeben. Sie mahnen, wenn die Gruppe zu groß werde, werde sie zu schwerfällig.
Die Regierung Berlusconi möchte einen mittleren Weg gehen. Sie spricht von "variablen Geometrien". Je nach dem Problem, das gerade behandelt wird, soll sich die Führungsgruppe der Staatenwelt anders zusammensetzen. Was darunter zu verstehen ist, wird das kommende G-8-Gipfeltreffen zeigen.
Italien hat für Anfang Juli auf die kleine Insel Maddalena im Norden Sardiniens eingeladen. Am ersten Tag sollen die herkömmlichen G-8-Staaten unter sich bleiben, um über die Finanzkrise zu beraten und darüber, wie Iran von Atomwaffen abgehalten werden kann. Berlusconi betont, dieses G-8-Format habe sich bewährt und werde noch lange beibehalten werden.
Am zweiten Tag auf Maddalena werden aus den G 8 allerdings G 14, da Brasilien, Indien, China, Südafrika und Mexiko sowie Ägypten dazustoßen. Die Neuen sollen, anders als früher, nicht mehr mit Arbeitsessen abgespeist, sondern voll beteiligt werden, etwa bei der Umwelt- und Klimapolitik.
Müllsäcke, Krone und Besen
Am dritten Tag wächst die Maddalena-Runde auf 20 Staaten an. So werden auch Australien, Indonesien und afrikanische Staaten dabei sein, wenn etwa das Problem des Welthungers erörtert wird. Dieser Ansatz soll die G 8 weiterentwickeln.
Auf der Maddalena-Insel wird derzeit rund um die Uhr gebaut, um Hafen und Hotels für das Treffen herzurichten - strikt umweltfreundlich, wie die Organisatoren betonen. So sollen die Gäste auf Booten mit Hybrid-Motoren durch das Insel-Archipel geschippert und in Elektroautos über die Hauptinsel gefahren werden.
Nach den Erfahrungen vom G-8-Gipfel 2001 in Genua, als sich Globalisierungsgegner und Polizei tagelange Kämpfe mit Gewaltexzessen beider Seiten lieferten, hofft Berlusconi, auf Maddalena mehr Ruhe und Frieden garantieren zu können.
Neben dem Treffen auf Sardinien will Rom, aufs Jahr verteilt, internationale Konferenzen zu speziellen Themen in verschiedenen Städten Italiens einberufen. Herausragen dürfte eine Regionalkonferenz im Juni in Triest, die sich mit der Konfliktregion Afghanistan-Pakistan-Indien befassen wird.
Die Umweltminister der G 8 sollen dagegen im - inzwischen besenreinen - Neapel zusammenkommen. Berlusconi will der Welt demonstrieren, dass er die lange vermüllte Stadt gesäubert hat. Die neapolitanischen Krippenmacher haben darauf mit einer neuen Figur reagiert. Sie zeigt Berlusconi zwischen schwarzen Müllsäcken, eine Krone auf dem Kopf und einen Besen in der Hand.
(SZ vom 31.12.2008/cag)
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