Italien Über die Seitentür in den Sturm

Carlo Calenda übernimmt Italiens ständige Vertretung in Brüssel. Der Jurist ist Gefolgsmann von Premier Renzi und soll dessen Ansicht ohne diplomatische Abfederung übermitteln.

(Foto: Emmanuel Dunand/AFP)

Ein Quereinsteiger und Nicht-Diplomat wird Italiens neuer Botschafter bei der EU in Brüssel.

Von Oliver Meiler, Rom

Karrierediplomaten mögen die Gesellschaft anderer Karrierediplomaten. Was sie nicht so mögen, sind Quereinsteiger. Leute wie den Römer Carlo Calenda, 42, früher Manager bei Ferrari. Italiens Regierung entsendet Calenda nun direkt nach Brüssel, wo er die ständige Mission bei der Europäischen Union leiten soll. Von allen Posten, die Italiens Außenministerium zu vergeben hat, ist das einer der relevantesten, wenn nicht der zentralste - politisch wie wirtschaftlich. Und ihn umspülen Wellen heftiger Polemik, seit Premier Matteo Renzi beschlossen hat, ständig über die EU-Kommission zu wettern, ihr bürokratische Reflexe und kleinmütigen Rigorismus vorzuwerfen. Fast täglich tut er das seit einer Weile. Calenda erbt einen Job im Schaufenster: maximal exponiert.

Fremd ist ihm das Scheinwerferlicht nicht: Er stammt aus einer Familie von Filmemachern. Seine Mutter, Cristina Comencini, ist erfolgreiche Regisseurin, Produzentin und Autorin. Als Calenda zehn war, spielte er schon in einem Film. Später studierte er Jura, spezialisierte sich auf internationales Recht. Und begegnete Luca Cordero di Montezemolo, damals Konzernchef von Ferrari, stolze Ikone italienischer Eleganz und Ingenieurkunst. Calenda kümmerte sich um Marketing und Finanzen. Als sein Mentor den Vorsitz des Arbeitgeberverbandes Confindustria übernahm, wurde Calenda sein Assistent. Und als Montezemolo der Sinn nach Politik stand, wechselte auch Calenda in die Politik.

Erfolg hatte keiner der beiden. Montezemolo zog sich schnell wieder zurück in die Wirtschaft, beschäftigt sich heute mit dem Schicksal der Fluglinie Alitalia und Roms Bewerbung für die Olympischen Spiele 2024. Calenda verpasste die Wahl ins Parlament, hatte jedoch ein Netz mit prominenten Kontakten in der politischen Elite aufgebaut und wurde schon vor Renzis Zeit Vizeminister im Ministerium für Wirtschaftsentwicklung, zuständig für Außenhandel.

Indien, China, Brasilien, Russland, USA, Ägypten - er reiste unentwegt, dynamisch, frisch. So erspielte er sich Renzis Gunst. Er gilt nun als "Renzianer", beide treibt ähnliche Geschäftigkeit. Deutet man die Beförderung recht, soll Calenda dafür sorgen, dass Italien in Brüssel bei heiklen Themen im energischen Ton des Chefs in Rom wahrgenommen wird. Ohne diplomatische Filter, ohne Dämpfer.

Erstmals seit Jahrzehnten macht Italien einen Nichtdiplomaten zum Botschafter. Calendas Vorgänger Stefano Sannino, der nun vorzeitig nach Madrid versetzt wird, war nicht nur klassischer Vertreter seiner Zunft: Er hatte vor der Berufung an die Spitze der Brüsseler Mission zehn Jahre für die EU-Kommission gearbeitet, Renzis liebsten Dreschsack. Diese Zeit prägte Sannino. Der Premier glaubt, so sehr, dass der Botschafter am Ende der Kommission näher stand als den Interessen seiner Heimat. Der Quereinsteiger ist da unbelastet. Und wohl besser steuerbar, auf einem Posten im Sturm.