Von Carsten Matthäus

Zwei Begegnungen mit Italiens Premier Berlusconi machten sie berühmt. Nun hat Patrizia D'Addario ein Enthüllungsbuch geschrieben und dabei alle Register gezogen.

"Meine Mutter hatte recht. Ich bin eine Jeanne d'Arc. Ich habe keine Angst, auf den Scheiterhaufen zu gehen."

Berlusconi, Patrizia D'Addario, dpa

Mit sich im Reinen: Buchautorin D'Addario (© Foto: dpa)

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Das ist einer der Kernsätze des Buches "Gradisca, Presidente" (Genießen Sie es, Herr Präsident!), das Patrizia D'Addario geschrieben hat. Sie ist dank einiger Begegnungen mit Italiens Premierminster Silvio Belusconi und nachfolgendem Polit-Skandal nach eigener Wahrnehmung bereits zur "bekanntesten Eskort-Dame der Welt" aufgestiegen und verspricht auf dem Titel - natürlich - "die ganze Wahrheit".

Was sie erzählt, hat allerdings herzlich wenig mit der Jungfrau von Orleans zu tun, der französischen Nationalheldin und Heiligen der katholischen Kirche. Patrizia hat keine göttlichen Visionen, bevor sie mit Italiens Premier intim wurde. Sie schreibt in ihrem Buch von einem elenden Leben, mit Vergewaltigungen, Prostitution und finanziellen Krisen. Ihr größtes Problem: Ein Landhaus, das ihr der früh verstorbene Vater hinterlassen hat, und das sie zum Hotel umbauen will. Die Behörden verfügen den Abriss. Patrizia, die all ihr Geld in das Anwesen gesteckt hat, steht am Abgrund. Da kommt der Anruf von Gianpaolo Tarantini, und ihr Leben ändert sich. Tarantini, ein Vertrauter Berluscionis, bucht sie für ein Treffen mit dem liebesfreudigen und schwerreichen Regierungschef.

"Er mag das Vorspiel"

Weil sie schon so viele Schläge einstecken musste, nimmt D'Addario ein Tonbandgerät mit zu den beiden Treffen mit Berlusconi. Bei einem davon soll es zu Geschlechtsverkehr gekommen sein. Hier nimmt es die Eskort-Dame mit der "ganzen Wahrheit" ziemlich genau. Sie beschreibt, wie sie von Tarantini in die Vorlieben Berlusconis eingeführt wurde ("Er mag das Vorspiel"), wie der alte Mann beim zweiten Treffen zum Beischlaf erschien ("Ein Gespenst, in weiße Seide gehüllt") und was sonst noch zwischen den Schenkeln passierte. Auch über die Frage des weiblichen Orgasmus soll man sich unterhalten haben ("Ich habe ihm ehrlich gesagt, dass ich keinen hatte.")

Zur ganzen Wahrheit über diese Treffen und die Gespräche fehlt allerdings noch die Version des angeblichen Bettpartners. Berlusconi, 73, streitet jede sexuelle Beziehung zu D'Addario ab, hält das alles für üble Nachrede. Für Sex, so seine feste Überzeugung, müsse einer wie er nicht zahlen.

Die Mädchen vom Palazzo Grazzoli

Hier sind sich die Frau und ihr angeblicher Freier ausnahmsweise einig. Berlusconi habe ihr keine Bezahlung für ihre Dienste verspochen, schreibt sie. Allerdings will sie ihm das Versprechen abgenommen haben, sich um die Sache mit dem maroden Landhaus zu kümmern. Weil er dies nicht getan hat, zog Patrizia D'Addario in den Kampf. Sie kramte ihre Tonbänder hervor und übergab sie einem Richter. Sie schrieb mit der Journalistin Maddalena Tulanti das oben erwähnte Enthüllungsbuch. Und sie wird aller Voraussicht nach mit anderen "Freundinnen" Berlusconis einen Film drehen: "Die Mädchen vom Palazzo Grazzoli".

In der italienischen Presse wird die Selbst-Inszenierung des Callgirls vorsichtig aufgenommen. Von der "Version der Eskort-Dame" ist die Rede, einige Kommentatoren sprechen von öffentlich ausgetragener Erpressung. Mitautorin Tulanti wehrt sich gegen diese Einschätzung: Das Buch sei eine "symbolische Geschichte zur Rolle der Frauen, ihres Körpers und ihrer Würde im heutigen Italien", sagte sie in einem Interview.

Laut D'Addario hat die Gegenseite längst das Feuer auf sie eröffnet und will sie mundtot machen. Ihre Mutter sei auf offener Straße angegriffen worden, sie selbst sei mehrfach bedroht und beraubt worden. Sie aber werde deshalb nicht nachgeben, sie sei "mit sich im Reinen".

Auch wenn dies wieder etwas nach Jeanne d'Arc klingt, Patrizia D'Addario lässt in dem Buch keinen Zweifel daran, worum es ihr geht: Um finanzielle Sicherheit und um persönliche Würde. Heilig gesprochen wird sie dafür voraussichtlich nicht.

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(sueddeutsche.de/jja/liv)