Italien "Schwarze Welle" beunruhigt Italien

"Das eigene Volk liebt man, man zerstört es nicht." Mitglieder der Veneto Fronte Skinheads verschafften sich Zutritt zum Raum eines Flüchtligsnetzwerks in Como.

(Foto: CSF)
  • Während des Wahlkampfs in Italien wächst die Zahl rechtsextremer und neofaschistischer Vorfälle.
  • Die Veröffentlichung eines Videos in einer großen italienischen Tageszeitung hat eine Debatte über das Phänomen angestoßen. Die Aufnahme zeigt eine Skinhead-Aktion in Como.
  • Linke Parteien distanzieren sich klar von den Rechtsextremisten, das rechte Lager tut sich schwer.
Von Oliver Meiler, Rom

Eine "schwarze Welle" bewegt Italien. Sie erfasst gerade mit beträchtlicher Wucht den Wahlkampf, obschon niemand genau weiß, wie groß und mächtig sie tatsächlich ist. Mit "Onda nera" ist das offenbar rapide wachsende Phänomen rechtsextremistischer, neofaschistischer oder neonazistischer Vorfälle im Land gemeint. Der jüngste Fall trug sich vor einigen Tagen im norditalienischen Como zu. Und da die Szene von einer Handykamera festgehalten wurde, verbreitete sich das Video schnell über alle Kanäle.

Man sieht darin dreizehn Mitglieder der Veneto Fronte Skinheads in schwarzen Bomberjacken, die sich Zutritt verschafft haben zu einem Versammlungsraum des Netzwerkes für Flüchtlinge Como senza frontiere (Como ohne Grenzen). Breitbeinig stehen sie um einen Tisch herum, an dem ältere und jüngere Frauen sitzen, alles Freiwillige. Die Regale sind voll mit gespendeten Kleidern und Spielsachen.

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Der Anführer der Skinheads liest mit mechanischer Stimme aus einem Traktat vor. "Das eigene Volk", sagt er zum Schluss, "liebt man, man zerstört es nicht: Stoppen wir die Invasion." Dann faltet er das Blatt. "So, jetzt könnt ihr wieder darüber diskutieren, wie ihr unser Vaterland ruinieren wollt." Die Damen am Tisch bleiben während des ganzen Auftritts ruhig, einige lächeln. Eine Helferin ruft den Männern nach: "Macht keinen Lärm beim Rausgehen."

Die Zeitung La Repubblica stellte das Video auf ihre Webseite. So nahm eine Debatte ihren Lauf, die wohl ohne die Aufnahme nicht stattgefunden hätte. Von "schwarzer Welle" sprach als Erster Walter Veltroni, der frühere Kulturminister und ehemalige Bürgermeister Roms. Der linke Intellektuelle ist so besorgt über den Vormarsch neonazistischer und neofaschistischer Gruppen, in Italien und in Europa, dass er sagt, er fürchte um die Zukunft der Demokratie. Veltroni rief zu einer Demonstration gegen Intoleranz und Rechtsextremismus auf - für den kommenden Samstag, in Como.

Distanzierung von den Skinheads? Das rechte Lager tut sich schwer damit

Alle linken Parteien und die Gewerkschaften sagten sofort zu. Interessant aber war, wie die restlichen Parteien auf den Appell reagierten. Die Protestpartei Cinque Stelle, die bei der Flüchtlingsfrage immer ambivalent ist, stahl sich aus der Verantwortung: Man sei einverstanden mit dem Sinn der Aktion, hieß es, die politische Instrumentalisierung des Vorfalls missfalle den Fünf Sternen aber.

Im rechten Lager tat man sich schwer, sich überhaupt zu distanzieren von den Skinheads. Die bürgerliche Forza Italia ließ sich gar nicht vernehmen. Die postfaschistische Partei Fratelli d' Italia missbilligte zwar die Einschüchterung, schickte aber gleich nach, dass die Männer keine Gewalt angewandt hätten, wie das linke Extremisten jeweils täten.