Sterbehilfe in Italien "Erleichterung nach der Hölle aus Schmerzen"

Wer sich in der Schweiz für einen begleiteten Suizid entscheidet, wie jüngst der italienische Musiker Fabiano Antoniani, bekommt eine tödliche Dosis Betäubungsmittel.

(Foto: dpa)

Ganz Italien streitet derzeit über die Sterbehilfe, viele im Land fordern eine Änderung der Gesetze. Zum Symbol der Debatte ist der Musiker Fabiano Antoniani geworden, der in der Schweiz Suizid beging.

Von Oliver Meiler, Rom

Auch sein letzter Appell verhallte. Fabiano Antoniani, 40 Jahre, aus Mailand, hat sich in einer Klinik für Sterbehilfe in der Schweiz das Leben genommen. Er nannte die Reise ins Nachbarland eine "Erleichterung nach der Hölle aus Schmerzen". Die Nachricht seines Todes dünkte die italienischen Zeitungen dermaßen relevant, dass sie ihre Leser mit Eilmeldungen aufs Handy unterrichteten. Tatsächlich hat der Fall politische Relevanz. Antoniani, der nach einem Autounfall gelähmt war und blind, hatte die italienische Politik bis zuletzt gedrängt, Menschen wie ihm das Recht einzugestehen, selber zu entscheiden, wann es genug ist.

Italien debattiert gerade wieder mal über Formen der Sterbehilfe. Ein Gesetz dazu liegt vor, es ist breit getragen. Doch die Verabschiedung zieht sich hin. Viel zu lange schon, fand Antoniani, der zur Symbolfigur des Kampfes geworden war. Er wäre lieber in seiner Heimat gestorben statt im "Exil", wie er es nannte. Er hätte sich vielleicht überzeugen lassen, noch etwas zu warten, wenn nur sein Appell erhört worden wäre und sich die Politik etwas bewegt hätte.

Antoniani hatte sich im Lauf seines Lebens immer wieder neu erfunden. Er war Versicherungsagent gewesen, Landschaftsvermesser, Broker. So richtig glücklich wurde er aber erst mit der Musik, hinter einem Plattenteller. Er nannte sich DJ Fabo. Und wie das Leben manchmal spielt: Groß wurde er damit in Indien, wo er mit seiner langjährigen Verlobten, einer Psychologin und seiner ständigen Reisebegleiterin, eine Weile lang lebte. In allen Städten buchten sie den fröhlichen Italiener, der so lustig tanzte hinter seiner Konsole. DJ Fabo trug den Dank auf seinem Rücken in Form eines flächendeckenden Tattoos. Es zeigte einen Elefanten - den Glück bringenden, hinduistischen Gott Ganesha.

In einer Sommernacht 2014, weit weg von Indien, zerbrach sein Glück. Antoniani hatte in einem Club in Mailand aufgelegt, wo man ihn mittlerweile auch entdeckt hatte, und war auf dem Heimweg, alleine in seinem Wagen. Da rutschte das Handy zu Boden, auf den Teppich vor den Pedalen. Er verrenkte sich bei voller Fahrt, um es aufzuheben, verlor dabei die Kontrolle und prallte auf einen geparkten Wagen. Danach war er an Armen und Beinen gelähmt, das Augenlicht hatte er verloren. Er versuchte Kuren und Therapien, doch nichts half. Er sei nicht von Beginn an verzweifelt gewesen, sagte er einmal. Doch das Leben wurde ihm zur Folter. Sprechen konnte er fast nicht mehr, seine Lebensgefährtin übersetzte seine Laute.

Vor einigen Wochen wandte er sich an den italienischen Staatspräsidenten, Sergio Mattarella, und bat ihn, er möge sich dafür einsetzen, dass sich das Parlament doch endlich beeile mit der Gesetzgebung. "Ich bin nicht deprimiert", schrieb er in dem offenen Brief, "doch ich sehe nichts mehr und kann mich nicht bewegen. Seit mehr als zwei Jahren bin ich an ein Bett gebunden, versunken in einer Nacht ohne Ende. Ich möchte sterben dürfen, ohne zu leiden." So wurde der Fall landesweit bekannt.

80 Prozent der Italiener fordern eine Gesetzesänderung

In den sozialen Medien und in den Zeitungen gab es nun Bilder aus Antonianis Leben vor dem Unfall, sie zeigten ihn auf Reisen, beim Sport, im smarten Anzug. Und solche vom Leben danach in einem Krankenzimmer, mit kurz geschnittenem Haar und offenem Mund. Mattarella hat den Brief nie beantwortet. Vielleicht wollte er verhindern, dass es so aussieht, als mische er sich in die Arbeit des Parlaments ein, was sich für einen Präsidenten nicht gehört. Vielleicht schwieg er aber auch, weil ihn die Geschichte als gläubigen und praktizierenden Katholiken in einen Gewissenskonflikt stürzte. Über ihre Tageszeitung L' Avvenire erinnert die italienische Bischofskonferenz immer wieder daran, dass das Leben heilig sei, dass es nicht dem Menschen gehöre. Bis vor einigen Jahren hatte die Stimme der Kirche auf diesem Gebiet viel Gewicht.

Nun aber findet eine deutliche Mehrheit der italienischen Bevölkerung, nämlich knapp 80 Prozent, dass ihr Land endlich europäische Standards übernehmen sollte. Die Politik schiebt die Angelegenheit vor sich hin, seit mehr als acht Jahren. Im Parlament liegt jetzt eine Gesetzesvorlage zur Patientenverfügung, wie es sie in anderen Ländern schon seit vielen Jahren gibt: Volljährige Italiener im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten sollen in einem "biologischen Testament" bestimmen können, ob sie im Falle irreversibler Krankheiten die lebenserhaltenden Therapien stoppen oder beibehalten möchten. Der Text ist ein überparteilicher Kompromiss aus mehreren Vorschlägen. Würde morgen darüber abgestimmt, käme er mit einer großen Mehrheit durch: Linke, Liberale und Cinque Stelle - alle sind sich einig.

Noch aber hängt das Gesetz in der zuständigen Kommission. Und die Opposition aus konservativen Christdemokraten, fremdenfeindlicher Lega Nord und postfaschistischer Fratelli d'Italia kündigte an, sie werde zur Schlacht blasen, sobald die Debatte in die Aula wechsle. Von ihren mehreren Tausend Änderungsanträgen sind 220 übrig geblieben. Das Ziel der Gegner ist es, die Verabschiedung des Gesetzes so lange hinauszuzögern, bis die Legislaturperiode zu Ende ist.

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