Italien Die Tragödie im Fußball spiegelt Italiens politische Tristezza

Es ist nur Fußball, und doch so viel mehr: Italiens Scheitern in der WM-Qualifikation weist über den Sport hinaus.

(Foto: imago/Ulmer)

Italien strebt auseinander, aber es zerfällt nicht. Wer kann das mutlose Land nach der Parlamentswahl aus seiner Sinnkrise führen?

Kommentar von Oliver Meiler

Wenn die Italiener eine Niederlage besonders arg schmerzt, erinnert sie das an Caporetto. So heißt ein kleiner Ort, der heute in Slowenien liegt. Vor genau hundert Jahren, Ende 1917, erlebte Italiens Armee dort ihre schwerste Niederlage. Eine Demütigung war das, eine Schmach.

Natürlich ziemt es sich nicht, wahre Schlachten mit fußballerischen zu vergleichen. Doch "Caporetto" hat als Synonym überlebt, es steht für Debakel. Nun liest man vom Caporetto der italienischen Nationalmannschaft. Zum ersten Mal seit sechzig Jahren verpassen die Azzurri die Endrunde einer Fußball-Weltmeisterschaft. Ein bisschen epochal ist die Niederlage also schon.

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So wird jetzt wieder alles verhandelt, die Lage der Nation an und für sich, gespiegelt am Fußball. Der Calcio, das fand schließlich auch Pier Paolo Pasolini, der große Intellektuelle und begabte Flügelstürmer, bietet immer die besten Metaphern. Für die italienische Gesellschaft, die Politik, die Wirtschaft.

Eine Qualifikation hätte vielleicht die Gemüter etwas erfreuen können. Die Ernüchterung über das Aus aber passt zur Tristezza, die auf dem Land liegt, zu dieser desillusionierten und selbstkritischen Sicht der Italiener auf sich selbst. Nicht überall spürt man sie gleich gut, im Norden weniger als im Süden. Die italienische Wirtschaft wächst zwar endlich wieder, vor allem im Norden, doch sie wächst insgesamt weniger stark und schnell als in allen anderen Ländern Europas. Die Arbeitslosigkeit nimmt zwar ab, aber nur langsam. Und unter jungen Italienern bleibt die Quote derer, die weder studieren noch arbeiten, dramatisch hoch. Gerade im Süden.

Man ist kein Team mehr, vielleicht war man es noch nie

Das drückt auf die Stimmung, zehrt an der Hoffnung, zerrt am Gefüge des Landes. Im Veneto und in der Lombardei, den beiden produktivsten Regionen Italiens, wollen sie mehr Autonomie, um die Früchte ihres Erfolgs auch genießen zu können. Kürzlich gab es Referenden dazu. Umgekehrt heißt das, dass die Venetier und die Lombarden es zusehends leid sind, den weniger produktiven Teil des Landes mitzuziehen wie eine Lokomotive, seit Jahrzehnten schon.

Im Mezzogiorno hat unterdessen eine Bewegung Zulauf bekommen, die sich nach jenen Zeiten zurücksehnt, als die Bourbonen regierten und der Süden da und dort Avantgarde war. Seit der Einigung, finden sie, wurden sie mutwillig zurückgestutzt. Zu Gunsten des Nordens. Man ist kein Team mehr, vielleicht war man es noch nie.

Die Fliehkräfte sind keine Bedrohung für den Zusammenhalt Italiens, noch jedenfalls nicht. Doch die Politik, so hat es den Anschein, schaut weg. Niemand moderiert, niemand motiviert. Die Politiker beschäftigen sich vor allem mit sich selbst. Es läuft das Ende der Legislaturperiode. Im kommenden Frühjahr wählt das Land ein neues Parlament. Und wenn nicht alles täuscht, wird dabei herauskommen, dass die Italiener nicht mehr wissen, wem sie die Macht anvertrauen möchten, welchen Coach sie sich wünschen. Es herrscht große Ratlosigkeit, gespickt von bizarren Blüten.

Berlusconi ist ein serieller Wiedergänger der italienischen Politik

Regiert hat in den vergangenen fünf Jahren der sozialdemokratische Partito Democratico. Vielen Linken kam es aber so vor, als äffe diese Linke mit ihrer liberalen Arbeitsmarktreform und zuletzt auch mit ihrer Flüchtlingspolitik nur die Rechte nach. Matteo Renzi, der noch vor Kurzem als großes Polittalent gefeiert wurde, wenigstens in Italien, hat in seinen drei Jahren als Premier so viel Gunst verspielt, dass sich selbst in seiner eigenen Partei nicht mehr alle sicher sind, ob sie von ihm in die Wahlen geführt werden möchten.

Die linke Linke wiederum ist derart aufgebracht über den halbrechten Renzi, dass sie eine Wahlniederlage in Kauf nehmen würde, ein Caporetto, wenn dafür nur der forsche Florentiner endgültig stürzte. Es spielt Rot gegen Rosa.

Am meisten profitiert davon unmittelbar jener Mann, von dem man dachte, er sei weg, diesmal für immer, verpufft wie eine schlechte Erinnerung. Silvio Berlusconi, mittlerweile 81 Jahre alt, ist ein serieller Wiedergänger der italienischen Politik, ein Altstar, der noch immer seine Tricks von früher anwendet und damit auch noch durchkommt. Wählbar ist er zwar nicht, weil er einem Ämterbann untersteht. Doch was wirbelt er die Szene wieder auf.

Ohne die Stimmen von Berlusconis bürgerlicher Forza Italia, so viel scheint festzustehen, wird es nach den nächsten Wahlen keine regierungsfähige Mehrheit geben. Er gebärdet sich jetzt als Damm gegen die Cinque Stelle, die große und ungebrochen populäre Protestpartei. Als Torwart gewissermaßen, als Gigi Buffon vor dem Palazzo. Es ist eine kuriose Vorstellung, aber ganz passend.

Er ist wieder auf Wahlkampfgewicht

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