Von Gökalp Babayigit

Israel will aus den Fehlern des Libanon-Kriegs gelernt haben und schlägt im Gaza-Streifen mit aller Härte zu. Das Ziel: die Wiedererlangung der Abschreckungskraft - auch auf Kosten von Kinderleben.

Mehr als 750 Tote, ein Drittel davon Kinder, Angriffe auf Schulen, Moscheen und Wohnhäuser: Die Rücksichtslosigkeit, mit der Israel seine Angriffe gegen die radikalislamische Hamas ausführt, hat der Gaza-Streifen noch nicht erlebt. Er würde sie auch nicht lange überleben.

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"Massive Vergeltung" als Kriegsstrategie? Ein israelischer Panzer beschießt Ziele im Gaza-Streifen. (© Foto: AFP)

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Täglich überfliegen Kampfjets den schmalen Küstenabschnitt und feuern Raketen auf echte und vermeintliche Hamas-Stellungen. Die internationale Gemeinschaft ist schockiert über die Kompromisslosigkeit, mit der selbst UN-geführte Schulgebäude und Hilfskonvois in Schutt und Asche gelegt werden. Der Weltsicherheitsrat hat Israel und die Hamas mit einer Resolution zur sofortigen, dauerhaften und voll zu respektierenden Waffenruhe verpflichtet. Während die Diplomaten im fernen New York mit vierzehn zu eins für die Resolution stimmten - die Amerikaner enthielten sich als Einzige - gingen die Kampfhandlungen im Gaza-Streifen weiter. Allein in der vergangenen Nacht starben bei Luftangriffen der israelischen Streitkräfte sechs Palästinenser.

Wir erinnern uns: Bereits vor Ablauf des Ultimatums an die Hamas schlugen die Israelis los. Die Europäer hatten noch gar nicht richtig reagiert, ehe die ersten hundert toten Palästinenser zu beklagen waren. "Unverhältnismäßig", dieses Wort gebrauchten viele, um den Gaza-Krieg zu beschreiben - ohne zu wissen, damit exakt das Wort zu benutzen, das auch der israelische General Gadi Eizenkot im Mund führte.

In einem Interview mit der Tel Aviver Zeitung Yedioth Ahronoth sagte der Chef des Nordkommandos der israelischen Armee vor ein paar Monaten, sein Land werde von nun an mit "unverhältnismäßiger Gewalt" vorgehen gegen alle Dörfer, aus denen Israel mit Raketen angegriffen werde. In dem Interview richtete Eizenkot seine Drohungen zwar an die libanesische Hisbollah. Dennoch scheint die Offensive im Gaza-Streifen der erste Lackmus-Test für diese neue Doktrin zu sein, die nach jener südlichen Vorstadt Beiruts benannt ist, die israelische Kampfjets 2006 mit einem regelrechten Bombenteppich überzogen hatten: die Dahiye.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch protestierte damals gegen die "rücksichtslose und unverhältnismäßige massive Zerstörung" der Dahiye, die neben Hisbollah-Stellungen vor allem nichtmilitärische Einrichtungen und libanesische Zivilisten traf.

Israels Armee will nach den Worten Eizenkots gelernt haben aus den Fehlern von 2006. Israel habe den Libanon-Krieg trotz überwältigender militärischer Überlegenheit nicht zu verkürzen gewusst. Der nächste Krieg solle daher schnell und mit Nachdruck angegangen werden - unabhängig von der internationalen öffentlichen Meinung. "Wir werden unverhältnismäßige Gewalt einsetzen und schwere Schäden und Zerstörungen verursachen. Von unserem Standpunkt aus sind das keine zivilen Dörfer, sondern Militärbasen", so Eizenkot.

Der General betonte dabei, dass diese neue Strategie keine Empfehlung sei, sondern ein bereits abgesegneter Plan, der beim nächsten Konflikt angewendet werden solle. Zur letzten Konsequenz gebracht, macht die Dahiye-Doktrin keinen Unterschied mehr zwischen Zivilisten und Kombattanten - auf einer kleinen Fläche wie dem Gaza-Streifen ohnehin nicht mehr. Wird ein Raketenbeschuss registriert, soll die Gegend, aus der er kommt, dem Erdboden gleichgemacht werden.

Eine Strategie nach Art der "massiven Vergeltung"? Nach Ansicht von Margret Johannsen, Nahost-Expertin am Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH), ist einer der Gründe für den eruptiven Militärschlag gegen die Hamas auch das aus israelischer Sicht klägliche Versagen im vorhergehenden Krieg. "Die Militärdoktrin der Israelis proklamiert seit jeher eine offensive Verteidigung, bei der es vor allem um die Abschreckung potentieller Gegner geht", sagt Johannsen. "Im Libanon-Krieg war es Israel nicht gelungen, die Hisbollah entscheidend zu schwächen. Die Abschreckungskraft war nicht mehr verlässlich. Diese wiederherzustellen, darum geht es auch im aktuellen Krieg im Gaza-Streifen."

Dass diesem Konflikt militärisch nicht beizukommen sei, müsse auch Israel wissen, so Johannsen. "Der Unterschied zwischen den Konfliktparteien ist eine unterschiedliche Definition von Erfolg. Eine konventionelle Armee, die israelische, muss den Gegner besiegen, um den Krieg als gewonnen einstufen zu können. Einer Guerilla-Organisation wie der Hamas genügt es, kampffähig zu bleiben. Sie muss nicht siegen, sie muss lediglich ihre Existenz wahren."

Auch für den Politologen und Militärexperten Otfried Nassauer vom "Berliner Information Center for Transatlantic Security" (Bits) ist der Konflikt gegen Terroristen mit massiven militärischen Mitteln nicht zu lösen - im Gegenteil: "Jeder Versuch, die Lage massiv militärisch zu verändern, führt zu einer Verlängerung des Konflikts. Immer neue Generationen werden dadurch verhärtet."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche drei Gründe für den massiven Militärschlag der Israelis in Betracht gezogen werden müssen.

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