Israels Ex-Ministerpräsident im Wachkoma Ariel Scharon zeigt "signifikante Hirnaktivität"

Seit sieben Jahren liegt Israels Ex-Ministerpräsident Ariel Scharon im Wachkoma. Nun zeigen Hirnscans, dass sein Gehirn Außenreize verarbeitet. Doch es bleibt unklar, ob Scharon noch über ein Bewusstsein verfügt - und ob er jemals aus dem Koma erwachen wird.

Von Markus C. Schulte von Drach

Zum ersten Mal seit Ariel Scharon im Wachkoma liegt, gibt es eindeutige Belege dafür, dass sein Gehirn Außenreize verarbeitet. Ob er jedoch über ein Bewusstsein verfügt, das von Bildern, Tönen und Berührungen erreicht wird, ist weiterhin offen.

Der Ex-General und konservativ-liberale Politiker war 2006 nach einem Schlaganfall - seinem zweiten - operiert worden. Aus dem künstlichen Koma, in das die Ärzte ihn versetzt hatten, war er auch nach dem Absetzen der Medikamente nicht mehr erwacht. Seitdem liegt er in einer Art Wachkoma.

Medizinische Experten gingen bislang davon aus, dass die kognitiven Fähigkeiten des 84-Jährigen infolge von Hirnblutungen und Zerstörungen in der Großhirnrinde verloren sein dürften. Sein Stammhirn dagegen regelt weiterhin Funktionen wie Atmung, Blutdruck, Herzschlag und Reflexe, wozu kein Bewusstsein notwendig ist.

So liegt der Ex-Politiker zwar mit offenen Augen in seinem Bett, und Besucher berichten von dem Gefühl, er würde seine Umgebung wahrnehmen. Scharons Sohn Omri berichtete schon 2007, sein Vater würde mit den Augen Dingen folgen und fernsehen. 2011 erklärte Scharons Sohn Gilad, Scharon würde ihn anschauen und die Finger bewegen, wenn man ihn dazu aufforderte.

Wissenschaftler haben nun am Soroka Medical Center in Beerscheba vor einigen Tagen die Hirnaktivität des Politikers mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) gemessen. Dabei wird die Durchblutung bestimmter Hirnregionen abgebildet. Der US-Neurochirurg Martin Monti von der University of California in Los Angeles scannte gemeinsam mit israelischen Kollegen etwa zwei Stunden Scharon Gehirn, teilte die Ben-Gurion-Universität des Negev in Beerscheba mit, die mit dem Zentrum zusammenarbeitet.

Überraschende Reaktionen auf die Reize

Die Mediziner zeigten Scharon Bilder seiner Familie, spielten ihm die Stimme von einem seiner Söhne vor und berührten ihn. In den fMRI-Aufnahmen war zu sehen, dass jene Hirnteile, die für die Verarbeitung der visuellen, akustischen und taktilen Reize zuständig sind, "signifikante Hirnaktivität" zeigten. Das bedeutet, dass Scharon Gehirns tatsächlich Informationen aufnimmt. Jedoch bleibt weiter offen, ob sie auch auf einer tieferen Ebene verarbeitet werden. Wie die Ben-Gurion-Universität meldete, habe es dazu "ermutigende Anzeichen" gegeben, jedoch waren sie "nicht so stark".

"Die Ergebnisse belegen nicht eindeutig, dass Scharon diese Informationen bewusst wahrnimmt", erklärte Neurochirurg Monti.

Die Reaktion auf die Reize aber war für die Mediziner bereits eine Überraschung, wie Alon Friedman von der Ben-Gurion-Universität der New York Times erklärte. "Damit wächst die Chance, dass er hört und etwas versteht", sagte Friedman, der an der Untersuchung beteiligt war. "Aber wir können nicht sicher sein. Der Test belegt dies nicht."

Zusätzliche Versuche, die herausfinden sollten, ob und inwieweit Scharon über ein Bewusstsein verfügt - was bei manchen Wachkoma-Patienten tatsächlich der Fall ist - blieben ohne klares Ergebnis.

Die Chance, dass Scharon irgendwann wieder aus dem Koma erwacht, scheint demnach etwas größer als Mediziner bislang angenommen hatten. Ob er jedoch tatsächlich aufwachen wird, ist weiterhin offen. Und es bleibt unklar, welche Folgen die Hirnschäden für den früheren Ministerpräsidenten auch im wachen Zustand hätten.