Israels Armee im Gaza-Krieg Zivilisten als menschliche Schutzschilde

Haarsträubende Berichte aus dem Gaza-Krieg: Eine Menschenrechtsgruppe veröffentlicht anonyme Schilderungen israelischer Soldaten.

Von Thorsten Schmitz, Tel Aviv

Ein schockierender Bericht der israelischen Menschenrechtsgruppe "Das Schweigen brechen" über den Gaza-Krieg im Januar hat internationales Aufsehen erregt.

In dem Bericht, der an diesem Mittwoch der Öffentlichkeit präsentiert wurde, kommen 30 Soldaten in 54 Zeugenprotokollen zu Wort. Sie waren alle in dem 22 Tage dauernden Krieg im Gaza-Streifen gegen die radikal-islamische Hamas-Organsiation im Einsatz. Die Gruppe "Das Schweigen brechen" besteht aus ehemaligen israelischen Soldaten und macht regelmäßig Verfehlungen der israelischen Armee publik.

Die haarsträubenden Aussagen der Soldaten stehen im Widerspruch zu den offiziellen Angaben der israelischen Armee, wonach bei der Operation "Gegossenes Blei" versucht worden sei, die palästinensische Zivilbevölkerung zu schonen. Im Gaza-Krieg wurden rund 1400 Palästinenser getötet. Zehn israelische Soldaten kamen ums Leben, davon vier durch versehentlichen Beschuss von Kameraden.

Ein Wehrpflichtiger schildert in dem Bericht etwa, wie eines Nachts ein älterer Palästinenser im Schlafanzug auf das Haus zugelaufen sei, in dem sich seine Armee-Einheit verschanzt hatte. Der Vorgesetzte habe darauf verzichtet, Warnschüsse in Richtung des Palästinensers abzufeuern und seinen Soldaten befohlen, sie sollten ihn bis auf zwanzig Meter herankommen lassen.

"Der Eröffnungstreffer für heute Abend"

Mehrere Soldaten erinnern sich, dass der Palästinenser den Eindruck gemacht habe, als suche er etwas oder als stünde er unter Medikamenteneinfluss. Als er bis auf zwanzig Meter herangekommen sei, habe der Kommandeur der Einheit den Schießbefehl erteilt. Daraufhin sei der Mann getötet worden.

Der Soldat, der in dem Bericht von dem Zwischenfall erzählt, sagt, er werde den Schrei des Mannes, als er tödlich getroffen wurde, sein Leben lang nicht vergessen. Der Kommandeur habe auf Nachfrage, weshalb er keine Warnschüsse erlaubt habe, erklärt: "Es ist Nacht. Das ist ein Terrorist." Der Schuss sei "der Eröffnungstreffer für heute Abend" gewesen. Als die Leiche des Palästinensers untersucht wurde, habe man weder Waffen noch Sprengstoff an dessen Körper gefunden.

Die Berichte der Soldaten sind allesamt anonymisiert, um sie vor rechtlichen Schritten der Armee zu schützen. Israelischen Soldaten ist es verboten, Interna aus Einsätzen publik zu machen. Jehuda Schaul, ein ehemaliger Soldat und Mitbegründer von "Das Schweigen brechen", sagt, man habe sich entschieden, die Berichte zu veröffentlichen, auch "um der israelischen Öffentlichkeit die Augen zu öffnen". Viele Israelis wüssten bis heute nicht, was genau sich im Gaza-Krieg zugetragen habe.

Ein Krieg zur Stärkung des Selbstvertrauens

Das Ethos der israelischen Armee, bei Militäreinsätzen den Gegner human zu behandeln, sei inzwischen der Doktrin gewichen, "dass es oberstes Ziel ist, das Leben der israelischen Soldaten zu schützen". Das Leben der Soldaten sei wichtiger als das der feindlichen Zivilbevölkerung, sagt Schaul. Hinter dem Gaza-Krieg stehe auch der Versuch, "das Selbstvertrauen der Soldaten nach dem erfolglosen Libanon-Krieg" wiederherzustellen. Der Gaza-Krieg sollte "um jeden Preis" gewonnen werden.

Der Einsatz im Gaza-Streifen stellte die israelische Armee vor die schwierige Aufgabe, in dichtbesiedeltem Gebiet bewaffnete Mitglieder der Hamas ausfindig zu machen, die sich meist in Privatwohnungen und -häusern versteckt hielten. Um das Leben der eigenen Soldaten zu schützen, berichten mehrere Soldaten übereinstimmend, seien palästinensische Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbraucht worden.

Die Armee habe Palästinenser im Gaza-Streifen gezwungen, in Häuser zu gehen, in denen Hamas-Mitglieder vermutet wurden. Mitunter seien israelische Soldaten direkt hinter Palästinensern gelaufen und hätten ihre Gewehrläufe auf deren Schultern gelegt. In früheren Einsätzen der Armee im Gaza-Streifen und im Westjordanland wurde diese Methode als "Nachbar-Methode" bezeichnet, im Gaza-Krieg hätten die Soldaten die menschlichen Schutzschilde als "Johnnies" bezeichnet.

Die Palästinenser hätten auch mit Vorschlaghämmern Löcher in Hauswände schlagen müssen, um zu prüfen, ob sich in den Nebenräumen andere Palästinenser befänden. Die Gefahr dabei sei gewesen, dass manche Wände vermint gewesen seien. Der Oberste Gerichtshof in Jerusalem hat den Einsatz menschlicher Schutzschilde, der vor allem während der Zweiten Intifada praktiziert worden war, im Jahr 2005 für illegal erklärt.

Untersuchung nach wenigen Tagen abgeschlossen

Bereits im März hatten Aussagen israelischer Soldaten auf einem Seminar über den Gaza-Krieg weltweites Entsetzen ausgelöst. Die Soldaten hatten berichtet, wie Palästinenser willkürlich erschossen und verwundeten Palästinensern ambulante Hilfen vorenthalten worden seien. Die Armee-Führung ordnete daraufhin eine Untersuchung an, die nach nur wenigen Tagen zu dem Schluss kam, dass die Berichte nicht zuträfen und die Soldaten sich nichts vorzuwerfen hätten. Auch in diesem Fall sieht die Armee offenbar keinen Grund, den Zeugenaussagen der Soldaten nachzugehen.

Eine Sprecherin der Armee erklärte am Mittwoch, es sei "zu bedauern, das eine Menschenrechtsgruppe der Welt erneut anonyme und allgemeine Vorwürfe" aus dem Gaza-Krieg präsentiere, ohne deren Glaubwürdigkeit überprüft zu haben. Auch sei es "unfair", dass die Gruppe vor der Veröffentlichung des Berichts der Armee nicht die Chance zu einer Stellungnahme gegeben habe.

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