Israelische Siedlung im Westjordanland Im Kampf um Amona zeigt sich der Nahostkonflikt

Am Montag droht der illegalen jüdischen Siedlung Amona im Westjordanland die Räumung. Doch die Bewohner bleiben gelassen. Noch nie war eine israelische Regierung ihnen so gewogen wie diese. Der Konflikt zeigt, warum eine Einigung zwischen Israelis und Palästinensern weiter entfernt ist denn je.

Von Peter Münch, Amona

Am höchsten Punkt der Hügelkuppe steht Eli Grünberg auf einem hölzernen Plateau und blickt zufrieden auf die ganze biblische Pracht. Im Süden leuchtet Jerusalem, im Dunst des Ostens liegt das Jordantal, "und wenn ich morgens aus meinem Container komme", so schwärmt er, "dann sehe ich den Berg Nebo, wo schon Moses gebetet hat". Der stürmische Sommerwind fährt ihm durch den blonden Bart, er zeigt hierhin und dorthin, auf die roten Dächer der jüdischen Siedlung Ofra, auf die Minarette der umliegenden palästinensischen Dörfer, auf die Felder voller Felsen.

Doch dass die Aussicht womöglich weit besser ist als die Aussichten, zeigt der Blick auf ein paar betonierte Quadrate gleich unterhalb seines Standorts, auf denen einst die einzigen Steingebäude von Amona standen. "Hier sieht man, wie das sogenannte Rechtssystem in Israel funktioniert", sagt Grünberg verächtlich und stapft davon.

Um eine Handvoll Häuser geht es, um eine Ansammlung schäbiger Wohncontainer im hügeligen Nirgendwo des Westjordanlands. Amona ist ein jüdischer Siedlungsaußenposten nördlich von Ramallah, ein Fliegenschiss auf der Landkarte und höchstens eine Fußnote in den Geschichtsbüchern über den Nahostkonflikt.

Doch im Kampf um Amona zeigt sich wie unter einem Brennglas ganz deutlich allzu vieles von dem, was eine Lösung im Streit zwischen Israelis und Palästinensern so unglaublich schwer macht - all die Ansprüche beider Seiten, all die Tricks und die Drohungen, die Arroganz und die Aggression, der ganze zähe Stellungskrieg samt Wut und Zermürbung. Amona ist ein Symbol. Angefangen hat alles 1995, als die Stimmung noch geprägt war von den Osloer Verträgen, die zwei Völkern in zwei Staaten den Frieden bringen sollten.

Doch für manche war diese Vision schlicht ein Schreckensbild, und so zogen ein paar Söhne der Siedler von Ofra hoch auf den Hügel und nahmen ihn in Besitz. Anders als die nach dem Völkerrecht illegalen, aber vom Staat Israel geförderten Siedlungen, in denen mittlerweile mehr als 300.000 Juden leben, sind solche Außenposten nach israelischem Recht illegal. Dennoch gibt es mehr als hundert davon verteilt über das Westjordanland. Der Grund und Boden von Amona ist obendrein im Privatbesitz palästinensischer Bauern, die vehement ihr Land zurückfordern. Jahrelang tobt schon der Rechtsstreit darüber vor israelischen Gerichten. Im April schließlich setzte der Oberste Gerichtshof der Regierung in Jerusalem eine letzte viermonatige Frist zur Räumung des illegalen Außenpostens. Am 15. Juli, am Montag also, läuft die Frist ab.

Die Siedler drohen mit einem "Amona II"

"Wir wissen nicht, was dann passiert", sagt Eli Grünberg. Sonderlich beunruhigt wirkt er nicht. Der 40-Jährige kennt das Prozedere mit Ultimaten und immer wieder letzten Fristen, er hat sich daran gewöhnt, seit er vor fast zehn Jahren von Haifa hierher zog. Gehet hin und mehret euch, heißt es schließlich schon in der Bibel, das hält die Sorgen klein. "Fast acht Kinder" nennt er mit Stolz sein eigen, "also siebeneinhalb, eins ist noch im Ofen". Fruchtbar ist das Land nicht unbedingt, doch zu den 40 Familien von Amona gehört eine Schar von 170 Kindern. Wer so für die Zukunft vorbaut, der geht nicht einfach, nur weil es einen Räumungsbefehl gibt oder weil zwei Völker vom Frieden träumen.

Der Frist zum Trotz haben die Siedler nämlich immer noch ein paar Trümpfe in der Hand. Zum einen hoffen sie, dass es Armee und Polizei nicht wagen werden, sie mit Gewalt zu vertreiben. Schließlich weiß jeder, was dann passieren könnte: Im Februar 2006 war die Staatsmacht schon einmal angerückt in Amona und hatte die neun Häuser eingerissen, deren Fundamente heute wie ein Mahnmal wirken. Die Siedler hatten damals die Sicherheitskräfte mit Steinen und Stöcken, mit Eiern und mit Farbbeuteln erwartet. Es gab eine Schlacht, an deren Ende mehr als 300 Verletzte gezählt wurden. Juden gegen Juden - für Israel war das ein Schock, und von Siedlerseite wird seither bei jeder Unbill mit einem "Amona II" gedroht.