Israelische Offensive im Gazastreifen Mindestens 25 Palästinenser bei Luftangriffen getötet

Eine israelische Rakete schlägt in Beit Lahia im nördlichen Gazastreifen ein

(Foto: AP)

Weitere Eskalation im Nahostkonflikt: Bei der israelischen Offensive werden nach palästinensischen Angaben mindestens 25 Menschen getötet, zahlreiche weitere verletzt. Nach Tel Aviv beschießen militante Palästinenser nun auch Jerusalem.

  • In der Nacht setzt Israel die Luftangriffe auf den Gazastreifen fort
  • Nach palästinensischen Angaben sterben bei Angriffen im Gazastreifen zahlreiche Menschen
  • Militante Palästinenser beschießen Israel, nach Tel Aviv ist auch Jerusalem betroffen
  • Die israelische Armee bereitet sich auf einen möglichen Einsatz von Bodentruppen vor, 1500 Reservisten wurden bereits mobilisiert

Viele Palästinenser sterben bei Luftangriffen

Die israelische Luftwaffe ist innerhalb von 24 Stunden mehr als 90 Angriffe auf Ziele der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen geflogen. Dabei starben nach palästinensischer Darstellung mindestens 25 Menschen, etwa 130 sollen verletzt worden sein.

Sechs der Toten sind Berichten zufolge militante Kämpfer. Angaben der israelischen Armee zufolge soll bei einem der Angriffe auch Mohammed Schaaban getroffen worden sein, ein ranghoher Hamas-Funktionär. Dafür gab es von palästinensischer Seite zunächst keine Bestätigung. Der bewaffnete Arm der Hamas teilte mit, Raschid Jassin, ein Marinekommandeur der Organisation, sei bei der Bombardierung eines Trainingslagers ums Leben gekommen.

Bei einem Luftangriff sind nach Angaben palästinensischer Medien in der Nacht mindestens sechs Menschen in einem Haus in Beit Hanun getötet worden. Der Schlag habe sich gegen ein führendes Mitglied des militärischen Arms des Islamischen Dschihad gerichtet. Der Mann und fünf Familienmitglieder seien getötet worden, berichten Haaretz und die palästinensische Nachrichtenagentur Maan.

Augenzeugen melden Luftalarm und Detonationen nahe Jerusalem

Die radikalen Palästinenserorganisationen Hamas und Islamischer Dschihad setzten ihren Raketenbeschuss Israels fort. Die Angriffe wurden sogar auf die israelischen Großstädte Tel Aviv und Jerusalem ausgeweitet. Extremisten hätten mehr als 150 Raketen auf Israel abgefeuert, schreibt die Zeitung Times of Israel am frühen Mittwochmorgen.

In Jerusalem waren am Dienstagabend laute Explosionen zu hören. Zuvor war Luftalarm ausgelöst worden und mindestens vier Blitze erhellten den Himmel südwestlich der Stadt, wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichten. Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters berichten ebenfalls von einem dumpfen Knall, der von einem Raketeneinschlag stammen könnte.

Eine der aus dem Gazastreifen abgefeuerten Raketen schlug direkt in einem Haus in Jerusalem ein. Das israelische Fernsehen berichtet, dass dabei niemand verletzt worden sei. Augenzeugen bestätigen auf Twitter, dass sie nach Ertönen der Luftschutzsirenen in Jerusalem mehrere Explosionen hörten. Auch die israelische Armee berichtet via Twitter, dass in der israelischen Hauptstadt die Luftschutzsirenen ertönt seien.

In Tel Aviv ertönen Sirenen, Luftabwehrsystem fängt offenbar Rakete ab

Zuvor hatte es bereits einen Raketenangriff auf Tel Aviv gegeben. Am späten Nachmittag fing das Luftabwehrsystem Iron Dome (Eisenkuppel) nach Angaben aus Armeekreisen über der Mittelmeermetropole Tel Aviv eine Rakete ab. Es war der erste Angriff auf die neben Jerusalem wichtigste Stadt des Landes seit Beginn der jüngsten Eskalation. Zuletzt war Tel Aviv während des achttägigen Krieges von 2012 unter Feuer genommen worden. Gemäß seiner Abschreckungsstrategie reagiert die israelische Armee auf Angriffe auf Tel Aviv oder Jerusalem gewöhnlich mit massiver Vergeltung.

Reaktion der Palästinenserführung

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas kündigt ein Krisentreffen seiner Regierung an. Das berichtet der israelische Rundfunk. Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi habe Abbas am Telefon zugesichert, sein Land werde sich für einen Waffenstillstand zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas einsetzen, heißt es weiter. Die Arabische Liga fordert den UN-Sicherheitsrat in New York auf, eine Dringlichkeitssitzung wegen der Lage in Nahen Osten abzuhalten, schreiben die Haaretz und die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa.

Militante Palästinenser dringen nach Israel vor

Letzte Warnung an die Hamas

Nach Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen hat Israel zusätzliche Truppen in den Süden des Landes verlegt. Die Stimmung ist nach der Gewalt der vergangenen Wochen auf beiden Seiten aufgeheizt. Daraus könnte sich eine verhängnisvolle Dynamik entwickeln. Von Peter Münch mehr ...

Mehrere militante Palästinenser drangen am Dienstag über das Meer aus dem Gazastreifen nach Israel vor. Vier bewaffnete Palästinenser seien an einem Strandabschnitt 2,5 Kilometer nordöstlich der Grenze von israelischen Einheiten erschossen worden, sagte ein Armeesprecher. Die Essedin-al-Kassam-Brigaden, der militante Flügel der Hamas, erklärten kurz darauf, sie hätten zwei israelische Militärstützpunkte "mit zehn Katjuscha-Raketen" beschossen. Bei einem der Stützpunkte habe es sich um den Posten in Zikim gehandelt, vor dem die über das Meer vorgedrungenen Kämpfer getötet wurden. Vom israelischen Militär wurden diese Angaben zunächst nicht bestätigt.

Israels Militär bereitet mögliche Bodenoffensive vor

Als Reaktion auf den seit Tagen anhaltenden Dauerbeschuss Südisraels durch Hamas-Einheiten bereitet die israelische Armee nun auch eine Bodenoffensive vor und kündigte an, bis zu 40 000 Reservisten einzuberufen. Ein Militärsprecher sagte: "Wir stellen uns auf den möglichen Einsatz von Bodentruppen ein. Aber ich denke nicht, dass das sofort passieren wird." Die Militäroffensive habe zwei Ziele. "Wir wollen der Hamas im Gazastreifen einen Schlag versetzen und die Raketenangriffe auf Israel verringern." Man werde den Druck langsam verstärken. 1500 Reservisten seien bereits mobilisiert worden.

Streit um Kurs in der Krise bedroht israelische Regierung

In Israel wird seit Tagen heftig um den richtigen Kurs in dieser Konfrontation gestritten. Der Konflikt bedroht sogar den Zusammenhalt der Regierung. Außenminister Avigdor Lieberman kündigte das Bündnis seiner Partei mit dem Likud von Premierminister Benjamin Netanjahu auf. Er wolle aber in der von Regierungschef Netanjahu geführten Koalition bleiben.

Lieberman hatte eine massive Militäraktion gegen die Hamas einschließlich des Einsatzes von Bodentruppen gefordert. "Die wackelige Machtbasis könnte einer der Gründe dafür sein, dass der Premierminister schließlich doch auf ein härteres militärisches Vorgehen setzt", schreibt SZ-Korrespondent Peter Münch.

Deutsches Kreuzfahrtschiff angeblich von Raketenteilen getroffen

Wettlauf der Radikalen

Auf Rache folgt Vergeltung - das ist das eiserne Gesetz im Nahen Osten, wie der Tod eines jungen Palästinensers nahe Jerusalem zeigt. Höchste Zeit für die Vernünftigen, aus diesem Kreislauf auszubrechen. Ein Kommentar von Peter Münch mehr ...

Der ARD zufolge ist auch ein "deutsches" Kreuzfahrtschiff in einem israelischen Hafen von Raketenteilen getroffen worden. Auf das Deck der AIDAdiva des Reiseanbieters Aida Cruises seien im Hafen von Ashdod Raketentrümmer niedergegangen, berichtete ein Korrespondent in den Tagesthemen. Aida Cruises bzw. Aida Cruises - German Branch of Costa Crociere S.p.A. mit Sitz in Rostock ist die für den deutschsprachigen Markt ausgerichtete Marke des britisch-amerikanischen Kreuzfahrtunternehmens Carnival Corporation & plc, dem größten der Welt.

Das Rostocker Unternehmen bestätigte auf seiner Facebook-Seite, während des Auslaufens sei es "gegen 20:28 Uhr Ortszeit in Ashdod zu Explosionen" gekommen, die vom Schiff aus beobachtet worden seien. "Alle Gäste und Crewmitglieder sind wohlauf. Es wurde niemand verletzt und es entstanden keine Schäden am Schiff. Allerdings wurden Kleinstpartikel, die nach ersten Einschätzungen von Sicherheitsexperten von Abwehrraketen stammen könnten, auf dem Passagierdeck gefunden", hieß es weiter. Das Schiff habe seine Fahrt in Richtung Kreta fortgesetzt.

Wie es zu den Spannungen kam

Auslöser für die neuen Spannungen waren die Entführung und die Ermordung von drei jüdischen Teenagern sowie der mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen. In letzterem Fall hat die israelische Polizei sechs jüdische Tatverdächtige festgenommen. Die verdächtigen Israelis seien zu einer psychiatrischen Untersuchung geschickt worden, meldete die Nachrichtenseite ynet.

Drei von ihnen haben israelischen Medienberichten zufolge den Mord gestanden. Die israelische Zeitung Haaretz schrieb, die Polizei habe die Tat mit den Verdächtigen nachgestellt. "Wir versuchen herauszufinden, welche Rolle jeder von ihnen genau gespielt hat", sagte Polizeisprecher Mickey Rosenfeld.

Es handele sich um eine "Zelle von Mitgliedern des ultrarechten Lagers", berichtete der israelische Rundfunk unter Berufung auf Polizeikreise. Man gehe jedoch nicht von einer organisierten Terrorzelle aus.Tatmotive seien offenbar Hass auf Araber und Rache für den Mord an den israelischen Teenagern.