Israelische Bodenoffensive im Gazastreifen 40 000 Palästinenser suchen Schutz in UN-Gebäuden

In Gaza City versuchen Palästinenser ihre Habseligkeiten zu retten.

(Foto: AP)

Seit dem Beginn von Israels Bodenoffensive hat sich die Zahl der Flüchtlinge im Gazastreifen beinahe verdoppelt - das berichtet das Hilfswerk der Vereinten Nationen. Mehr als 30 Palästinenser kamen seit dem Einmarsch bisher ums Leben. Der UN-Sicherheitsrat trifft sich zu einer Sondersitzung.

  • Israelische Streitkräfte sind in den Gazastreifen vorgerückt und setzen Panzer, Flugzeuge und Kriegsschiffe ein - Ministerpräsident Netanjahu droht mit einer Ausweitung der Bodenoffensive.
  • Das UN-Hilfswerk im Gazastreifen spricht von 40 000 Flüchtlingen und fordert einen humanitären Korridor für die Kampfzone.
  • In der Türkei wird gegen die Bodenoffensive demonstriert - Israel zieht Personal von der Botschaft in Ankara ab.
  • Auf Seiten der Palästinenser sterben mehr als 30 Personen, darunter mehrere Kinder, auch ein israelischer Soldat soll getötet worden sein.

UN sorgen sich um humanitäre Situation vor Ort

Im Zuge der israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen hat sich die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge innerhalb von 24 Stunden fast verdoppelt. Die Zahl der Flüchtlinge in den Schutzräumen des UN-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) sei von 22 000 auf 40 000 angestiegen, sagt ein Sprecher. Sie seien in 34 Schutzorten untergebracht. Zur Finanzierung ihrer Versorgung im kommenden Monat und andere Notmaßnahmen bis Ende des Jahres würden die Vereinten Nationen um 44 Millionen Euro bitten.

Die wichtigsten israelischen Menschenrechtsorganisationen forderten die Einrichtung eines humanitären Korridors, um den Abtransport von Verletzten und die Evakuierung der Kampfzonen zu ermöglichen. In einem Brief an Verteidigungsminister Mosche Jaalon forderten sie "umgehende Maßnahmen", um sicherzustellen, dass Israel seiner "rechtlichen Verpflichtung" nachkommt, den Abtransport von Verletzten zu ermöglichen. Zudem müsse gewährleistet werden, dass die Rettungskräfte ihre Aufgaben erfüllen können, ohne ihr Leben zu riskieren.

Der UN-Sicherheitsrat will sich bei einer Sondersitzung erneut mit der Eskalation der Gewalt im Nahen Osten befassen. Das Treffen sei für 21 Uhr MESZ angesetzt, teilt die Vertretung Ruandas bei den Vereinten Nationen, die dem 15-Mitglieder-Gremium derzeit turnusgemäß vorsitzt, per Kurznachrichtendienst Twitter mit. Unter anderem werde der stellvertretende UN-Generalsekretär Jeffrey Feltman dabei das mächtigste UN-Gremium über die aktuelle Lage in Israel und im Gazastreifen informieren.

Zahlreiche Tote auf palästinensischer Seite

Die israelische Armee ist am Freitag weiter im palästinensischen Gazastreifen vorgerückt. Sie zerstörte nach eigenen Angaben mindestens 13 Tunnel, die die militant-islamische Hamas angelegt hatte, um Israel anzugreifen oder Waffen zu schmuggeln. Die groß angelegte Offensive hatte in der Nacht zuvor begonnen.

Im Zuge der Offensive wurden bis zum Abend mindestens 33 Palästinenser getötet. Unter diesen seien auch ein fünf Monate altes Baby, zwei Kinder und eine 70-jährige Frau, so die palästinensischen Behörden. Auch drei palästinensische Jugendliche seien im Norden des Gazastreifens durch israelischen Beschuss getötet worden, meldet AFP.

Auf israelischer Seite wurde der erste Soldat seit Beginn der Offensive getötet. Zwei weitere Soldaten der IDF-Truppen sind offenbar verletzt worden, wie Medien berichten. Die Zahl der Toten seit Beginn der Offensive vor elf Tagen liegt auf palästinensischer Seite bei etwa 270, bei den Israelis bei zwei. Insgesamt seien 1980 Menschen bei israelischen Bombardements verletzt worden, so die Rettungskräfte.

USA stärken Israel den Rücken

US-Präsident Barack Obama hat sich demonstrativ hinter die Regierung in Jerusalem gestellt. In einem Telefonat mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu habe er seine "Unterstützung für Israels Recht, sich selbst zu verteidigen", betont, sagt Obama am Freitag im Weißen Haus. Keine Nation müsse es hinnehmen, dass sie mit Raketen beschossen werde und Terroristen unter ihrem Territorium Tunnel bauten.

Zugleich äußert sich Obama tief besorgt über die Gefahr einer weiteren Eskalation der Gewalt. Washington hoffe, dass Israel Zivilisten schone. Erneut plädierte Obama für eine Feuerpause. Außenminister John Kerry sei bereit, für weitere Konsultationen abermals in die Region zu reisen.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte, Israel habe ein Recht auf Selbstverteidigung. Deutschland stehe in dieser Frage an der Seite Israels. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) verlangte neue Bemühungen für eine Einstellung der Kämpfe. "Das Engagement der arabischen Nachbarstaaten für eine Waffenruhe muss weitergehen", sagte Steinmeier bei einem Besuch in Mexiko.

Demonstrationen in der Türkei

In Ankara werfen Demonstranten Steine auf die israelische Botschaft.

(Foto: AFP)

Israel zieht wegen Ausschreitungen vor seinen diplomatischen Vertretungen in der Türkei Botschaftspersonal ab. Die Vertretungen würden nur noch mit dem absolut notwendigen Personal besetzt, erklärt das israelische Außenministerium. Die türkische Polizei habe die Botschaft in Ankara und das Konsulat in Istanbul nicht ausreichend geschützt. Dies sei ein eklatanter Bruch diplomatischer Vereinbarungen.

Demonstranten hatten gegen die israelische Bodenoffensive im Gazastreifen protestiert und das Konsulat in Istanbul und die Botschaft in Ankara mit Steinen angegriffen. Auch in Istanbul schwenkten Demonstranten türkische und palästinensische Fahnen, riefen Sprechchöre und warfen Fensterscheiben mit Steinen und Stöcken ein. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein.

Die Türkei, die ehemals als Verbündeter Israels galt, fordert eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats. Außenminister Ahmet Davutoğlu teilte über Twitter mit, er habe dazu mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon gesprochen. In einem weiteren Telefonat mit US-Außenminister John Kerry habe er die türkische Forderung nach einem "sofortigen Ende der israelischen Angriffe" bekräftigt. Die Türkei beantrage außerdem Dringlichkeitstreffen des UN-Menschenrechtsrats und der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC), so Davutoğlu weiter.

Netanjahu: "Bereit für bedeutende Ausweitung"

Israel hat mit einer erheblichen Ausweitung seiner Bodenoffensive gegen die Hamas im Gazastreifen gedroht. Ministerpräsident Netanjahu sagt, er habe angeordnet, dass sich die Armee entsprechend darauf vorbereite. Alle anderen Möglichkeiten seien nun ausgeschöpft, sagte er vor Journalisten. Um die Bedrohung durch das Tunnel-System der Hamas zu beenden, würden Luftschläge nicht ausreichen. "Für den Schaden an Zivilisten ist die Hamas verantwortlich - allein die Hamas, die Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt", so der Regierungschef.

Am Donnerstagabend hat Israel die Bodenoffensive begonnen

Am späten Donnerstagabend hat Israel seine Bodenoffensive begonnen. Nur wenige Stunden nach dem Ende einer kurzzeitigen Waffenruhe ordnete Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Offensive an. Mit dem Einsatz von Panzern, Artillerie und Infanterie-Einheiten gehen die israelischen Streitkräfte gegen die radikalislamische Hamas im Gazastreifen vor.

Die Armee mobilisiert für den Einsatz 18 000 weitere Reservisten - damit stehen knapp 70 000 Soldaten für die Offensive zur Verfügung. Erklärtes Ziel ist es, das Tunnel-System der Hamas zu zerstören. Die Tunnel werden auch deshalb als so große Bedrohung gesehen, weil sie dazu dienen könnten, Israelis zu entführen und Gefangene freizupressen. Nach eigener Darstellung will Israel die im Gazastreifen herrschenden Islamisten aber nicht stürzen.

Ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters twitterte eine Karte, auf der die bisherige israelische Offensive dargestellt wird:

Eine Infografik der Nachrichtenagentur AFP zeigt die Ziele, die beide Seiten im Lauf der jüngsten Kampfhandlungen getroffen haben:

Was Israel sich von dem drastischen Schritt erhofft

Als unmittelbaren Anlass für den Einmarsch in Gaza nennt Israel eine am Donnerstagmorgen vereitelte Hamas-Operation, bei der ein Terrortrupp versucht hatte, durch einen unter der Grenze gegrabenen Tunnel nach Israel zu gelangen. Überdies wird der Hamas vorgeworden, nicht einmal die am Donnerstag auf Initiative der Vereinten Nationen hin vereinbarte Waffenruhe eingehalten zu haben.

Vorausgegangen war dem Einmarsch ein Tag des Ringens um einen Waffenstillstand. In Kairo werden die Verhandlungen fortgesetzt. Offenbar jedoch liegen die jeweiligen Forderungen zu weit auseinander. Israel erwartet eine langfristige Ruhe bis hin zur Demilitarisierung des Gazastreifens. Die Hamas will durch eine Öffnung der Grenzen nach Israel und Ägypten die Lebensbedingungen der 1,8 Millionen Einwohner verbessern und fordert die Freilassung von Gefangenen.