Israel und USA Der Verlierer steht schon fest

Israels Premier Benjamin Netanjahu: auf einem diplomatischen Irrweg

(Foto: Abir Sultan/dpa)

Israels Premier Netanjahu verärgert mit den USA den wichtigsten Verbündeten seines Landes. Ein diplomatischer Irrlauf, der gefährlich werden kann.

Kommentar von Peter Münch

Israels Premier Benjamin Netanjahu kommt aus dem Nahen Osten, doch er kämpft nach den Regeln des Wilden Westens: Mann gegen Mann, Schuss um Schuss. Und egal, was alles in die Brüche geht, wichtig ist allein, wer am Ende noch steht. Doch was im Western noch das Publikum begeistern mag, ist in der Politik ein brandgefährliches Spiel. Und deshalb stellt der John Wayne aus Caesarea, der auf den allzu harmlosen Spitznamen Bibi hört, nun Israels Beziehung zum besten Freund Amerika auf eine Zerreißprobe.

Bevor am Dienstag live der Showdown beginnt, mit einer Rede des israelischen Regierungschefs vor dem US-Kongress, hier ein Rückblick auf die bisherige Handlung: Eingeladen wurde Netanjahu von seinem alten Waffenbruder John Boehner, dem republikanischen Sprecher des Repräsentantenhauses, um eine Rede über Iran und die Bombe zu halten. Die beiden stimmen überein, dass eine Einigung mit den Gesandten Teherans in den Atomverhandlungen verhindert werden müsse. Boehner erwartet Schützenhilfe von Netanjahu in seinem innenpolitischen Kampf gegen Präsident Barack Obama. Und Netanjahu ist dankbar, dass ihm Boehner zwei Wochen vor der israelischen Parlamentswahl die Gelegenheit für einen staatsmännischen Großauftritt verschafft. Der einzige Schönheitsfehler: Der Dritte im Bunde, Präsident Obama, fühlt sich zu Recht geleimt und schlägt zurück.

USA und Israel in der Beziehungskrise

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Tiefe Risse in der Fassade der Freundschaft

Sieger wird es nicht geben in diesem Drama um Bibi, Boehner und Barack. Doch ein Verlierer steht schon fest: Es ist Israel, das wegen der Verbohrtheit seines Regierungschefs Gefahr läuft, die Schutzmacht Amerika zu verprellen. Die Breitseite, die derzeit von der US-Regierung auf Netanjahu und die Seinen abgefeuert wird, ist dafür ein deutliches Alarmzeichen. Obama hat Netanjahu ein Treffen im Weißen Haus verweigert, auch Vize-Präsident Joe Biden und Außenminister John Kerry sind demonstrativ verhindert, und demokratische Abgeordnete drohen mit dem Boykott von Netanjahus Rede.

Gewiss kann, will und wird selbst ein bis aufs Blut gereizter Präsident wie Obama Israel nicht einfach den Rücken kehren. Auch aus Washingtoner Sicht ist die Beziehung zum jüdischen Staat geprägt von einer Mischung aus tiefer Verbundenheit und strategischen Interessen. Doch in der Fassade der Freundschaft sind tiefe Risse unverkennbar, und Netanjahu sollte sich nicht mehr darauf verlassen, dass ihn seine republikanischen Freunde und die viel beschworene jüdische Lobby in den USA vor Obamas Revanche bewahren. Schließlich haben sich auch schon viele europäische Verbündete abgewandt von Netanjahus Israel - und dies zum Bespiel bei allfälligen UN-Voten gezeigt. Mittlerweile wird in diplomatischen Kreisen bereits darüber diskutiert, dass der stets dem Wohle Israels dienende amerikanische Veto-Reflex im Sicherheitsrat bei nächster Gelegenheit einmal erlahmen könnte.

Netanjahus diplomatischer Irrlauf droht also ernste Konsequenzen zu haben - für sein eigenes Land. Ob er ihm dennoch selber nutzt im Wahlkampf, wird sich erst bei der Stimmenauszählung am 17. März zeigen. Zum geplanten Triumph aber kann der Auftritt vor dem Kongress keinesfalls mehr geraten, dazu war die Wut aus Washington auch in Israel zu deutlich zu spüren. So wächst der Überdruss an einem Premierminister, der seine eigenen Machtinteressen über die Interessen des Staates stellt. Wäre das ganze tatsächlich nur ein Film, dann hätte man in Hollywood wohl ein schönes Schlussbild parat: Bibi Netanjahu, wie er einsam und geschlagen in den Sonnenuntergang hineinreitet.