Israel und die Hamas Das Geständnis des grünen Prinzen

Im Auftrag des Feindes: Mussab Hassan Jussef, Sohn eines Hamas-Gründers, spionierte jahrelang für Israel - nicht für Geld, sondern aus Überzeugung.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Sie nannten ihn den "grünen Prinzen". Grün ist die Farbe des Islam, und ein Prinz war er wegen der hohen Position seines Vaters. Scheich Hassan Jussef ist einer der Gründer und Führungsfiguren der islamistischen Palästinensergruppe Hamas im Westjordanland - doch sein ältester Sohn Mussab hat sich nun als Agent der Israelis geoutet.

Unter dem Decknamen "grüner Prinz" soll er den Inlandsgeheimdienst Schin Bet zehn Jahre lang mit Informationen aus den innersten Zirkeln der Hamas versorgt, Anführer ans Messer geliefert und Dutzende Selbstmordanschläge verhindert haben. Für die Palästinenser ist das eine schmutzige Geschichte von Verrat an Volk und Familie. Für die Israelis ist es ein hochwillkommenes Heldenepos.

Das "wahre Gesicht der Hamas"

Mussab Hassan Jussef erzählt seine Geschichte in einem Buch mit dem Titel "Sohn der Hamas". Nächste Woche erscheint es in den USA, wo er seit 2007 im Exil lebt. Nun hat er vorab der israelischen Zeitung Haaretz Rede und Antwort gestanden. Es ist die Lebensbeichte eines 32-jährigen Mannes, der alle Werte und Traditionen seiner Herkunft auf den Kopf gestellt hat. Denn schon vor knapp zwei Jahren hatte Jussef Wirbel verursacht - mit dem Bekenntnis, dass er zum Christentum übergetreten sei und nun Joseph genannt werden wolle.

Die Geschichte seiner Agententätigkeit beginnt den Berichten zufolge 1996. Bis dahin war der junge Mann brav und fromm den traditionellen Spuren gefolgt, er wirkte in den Jugendorganisationen der Hamas und wurde im Alter von 18 Jahren das erste Mal von den Israelis verhaftet. Der Vater hat wohl damals seinen Beinamen Abu Mussab, Vater des Mussab, mit Stolz getragen. Während der 16 Monate Haft in Megiddo aber begann eine Veränderung, die Mussab Hassan Jussef den "Prozess des Erwachens" nennt.

Hinter Gittern habe er "das wahre Gesicht der Hamas" kennengelernt, die im Gefängnis mit aller Gewalt ein Schreckensregime über die Mitgefangenen ausgeübt habe, um sie vor jeder Kooperation mit den Israelis abzuschrecken. Bei ihm aber bewirkte dies offenbar das Gegenteil: Von der Entlassung an stand er in Diensten des Schin Bet.

Unerkannt reihte er sich ein in ein Heer von Spitzeln, die für Israel Informationen aus dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen liefern. Das ist nie ohne Risiko, denn Kollaborateure wurden schon reihenweise ermordet. Dennoch dürfte keine andere Konfliktregion der Welt für den gegnerischen Geheimdienst so transparent sein wie die seit mehr als 40 Jahren besetzten Palästinensergebiete. Sogar jüngst bei der Ermordung des Hamas-Mannes Mahmud al-Mabhuh in Dubai sollen Palästinenser dem Killer-Kommando geholfen haben.

"Nichts davon hat er für Geld getan"

Es gibt viele solche Geschichten, und nicht selten sollen neue Zuträger - zumal inhaftierte Palästinenser - mit Druck und Drohungen dienstverpflichtet worden sein. Andere werden mit Geld gelockt. Mussab Hassan Jussef aber war offenbar ein Spitzel der besonderen Art - einer aus Überzeugung, einer mit Mission.

Nach der Haftentlassung arbeitete er im Büro des Vaters, der immer mal wieder ins Gefängnis wanderte und auch heute hinter Gittern sitzt. Und er hielt die Augen und Ohren offen, wo er konnte. Für den Schin Bet soll er während der zweiten Intifada, die im Jahr 2000 begann, die wertvollste Quelle in der Hamas gewesen sein - mittendrin im Geschehen und geschützt vom Namen des Vaters.

Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht, weil sich Israels Geheimdienst nicht dazu äußert, und auch die Hamas sich niemals die Blöße geben würde, eine solche Panne im Sicherheitsnetz zuzugeben. Aber Haaretz hat den ehemaligen Führungsoffizier von Jussef im Schin Bet ausfindig gemacht, der im Buch als Captain Loai firmiert. Er bestätigt die Berichte und erhebt den Agenten, der eine Vielzahl von Selbstmordanschlägen verhindert habe, in den Heldenstatus: "So viele Leute verdanken ihm ihr Leben und wissen es nicht einmal", sagt er. "Nichts davon hat er für Geld getan, sondern weil er daran glaubte, was er tat."

Mussad Hassan Jussef also ist ein Spion ganz nach israelischem Geschmack. "Ich wünschte, ich wäre jetzt in Gaza", sagte er Haaretz von Kalifornien aus am Telefon, "dann würde ich mir eine Uniform anziehen und zusammen mit israelischen Spezialeinheiten Gilad Schalit befreien". Doch er weiß wohl selbst, dass er so bald weder nach Gaza fahren kann zur Befreiung des entführten Soldaten Schalit, noch nach Ramallah, um seine Familie wiederzusehen. Der Bruch ist vollzogen. Der Hamas-Führer Scheich Hassan Jussef, genannt Abu Mussab, hat seinen Sohn an den Feind verloren.