Ausschreitungen in Israel Schussver­letzungen in Brust und Kopf

Bei den Gaza-Protesten am Mon­tag häuften sich Schussver­letzungen in Brust und Kopf, be­rich­tet Ärzte ohne Grenzen.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Gaza

Aufmarsch am Grenzzaun: Bei den Protesten Anfang dieser Woche starben mindestens 62 Menschen.

(Foto: Spencer Platt/Getty Images)

Sind die israelischen Streitkräfte massiver als bei bisherigen militärischen Auseinandersetzungen im Gazastreifen vorgegangen? Über diese Frage wird nicht nur in Israel diskutiert. Mit mindestens 62 Toten war der Montag der blutigste Tag seit Jahren, insgesamt wurden seit Beginn der Proteste in den vergangenen sieben Wochen 117 Menschen getötet.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen leistete bereits während der Gaza-Kriege medizinische Hilfe: Die von der israelischen Armee "Gegossenes Blei" getaufte Militäroperation dauerte 23 Tage, vom 27. Dezember 2008 bis 18. Januar 2009. Die "Operation Schutzgrenze" endete nach 50 Tagen am 26. August 2014. Die Hilfskräfte können daher Vergleiche zum damaligen Vorgehen der Armee ziehen. "Wir können sagen, dass die Zahlen unglaublich hoch sind. Wir haben mehr Patienten als während der letzten beiden Militärinterventionen. Dabei sind es nur Demonstrationen", sagt Elisabeth Gross, Projektkoordinatorin in Gaza-Stadt. "Wir hatten nach vier Wochen mehr Fälle als 2014, nach sechs Wochen mehr als 2008/2009."

"Das war Fließbandarbeit, nur lebensrettende Maßnahmen. Es war einfach zu viel."

Vier chirurgische Notfallteams der Organisation seien derzeit in drei Kliniken im Gazastreifen tätig. An den vergangenen Freitagen, als die Zahl der Demonstrationsteilnehmer jeweils am höchsten war, habe jeder Chirurg jeweils mehrere Stunden Zeit für eine Operation gehabt. Am vergangenen Montag habe jeder Chirurg statt einer 15 Operationen gemacht. "Das war Fließbandarbeit, nur lebensrettende Maßnahmen. Es war einfach zu viel."

Gross, die Spezialistin für Schussverletzungen ist, beschreibt die Merkmale der Verletzungen vom vergangenen Montag: "In den vergangenen sechs Wochen war sehr, sehr deutlich der Bereich unterhalb der Hüfte betroffen, das war bei 90 Prozent der Patienten in unseren Kliniken der Fall." Am Montag seien weiter die meisten Schussverletzungen an den Beinen gewesen. "Aber wir haben einen Anstieg bei Verletzungen im Brustbereich, den oberen Extremitäten, auch mehr Schusswunden am Kopf festgestellt."

Die Erfahrung der Mitarbeiter der Organisation, die mit rund 200 Mitarbeitern im Gazastreifen aktiv ist, zeige: Wenn die Demonstranten weit genug vom Zaun weg bleiben, werde in den unteren Bereich geschossen. Wenn sie sich näherten, werde so geschossen, dass die Verletzungen mehr im oberen Bereich passieren. Die Expertin will nicht bewerten, ob die israelische Armee an diesem Montag ihre Strategie geändert habe, oder ob die höhere Zahl der Verletzten durch die größere Teilnehmerzahl zustande gekommen sei - statt 10 000 wie an Freitagen waren es 50 000. "Wir können nur sagen, dass der Waffengebrauch unverhältnismäßig ist." Gerüchte im Gazastreifen, dass die Israelis neue Waffen eingesetzt hätten, kann sie nicht bestätigen, es gebe dafür bisher keine Anzeichen. Behandlungsschwierigkeiten hätten auch nichts mit Engpässen in den Spitälern im Gazastreifen zu tun: "Auch das deutsche Gesundheitssystem wäre mit diesem Typus von Wunden und der Schwere der Verletzungen überlastet."

Die Krankenhäuser im Gazastreifen sind derart überlastet, dass selbst schwerer verletzte Patienten nach Hause geschickt wurden. Dazu kommt, dass es nur wenige Stunden Strom pro Tag gibt sowie Engpässe bei medizinischem Material und Ersatzteilen. Von den laut palästinensischem Gesundheitsministerium am Montag verletzten 2771 Menschen sind rund 100 in kritischem Zustand.

Sechs Ladungen mit Nachschub für Kliniken wurden am Mittwoch in den Gazastreifen geschickt: vier von der palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland, zwei vom Kinderhilfswerk Unicef. Zwei Ladungen vom israelischen Militär schickte die im Gazastreifen regierende Hamas zurück mit den Worten, man nehme nichts von "Mördern unseres Volkes".

Einige Schwerverletzte wurden zur Behandlung nach Ägypten gebracht. Ägypten hat den Grenzübergang Rafah geöffnet gelassen und soll der Hamas angeboten haben, künftig jeden Monat zehn Tage lang Menschen und Waren passieren zu lassen. Dafür solle die Hamas die Proteste beenden. Dem Vernehmen nach soll sich die Hamas dazu bereit erklärt haben. Außerdem gab einer ihrer führenden Funktionäre in einem Fernsehinterview bekannt, dass von den 62 am Montag Getöteten 50 Hamas-Mitglieder gewesen seien.