Israel Der verlorene Sohn

Schmulik Lamdan ist 24, als er der Welt der Ultraorthodoxen entflieht. Für ein modernes Leben riskiert er sogar den Bruch mit der Familie. Über einen Mann, der Israels Kulturkampf in seinem Inneren austrägt.

Von Peter Münch

Draußen liegt sein "kleines Paradies": ein handtuchgroßer Garten mit Hollywoodschaukel und einem Blechaschenbecher für die Zigaretten, die er hier raucht. Er klemmt den Filter immer in eine Wäscheklammer, damit die Finger nicht riechen. Das hat er sich damals angewöhnt, zur Sicherheit. Drinnen ist alles, was er sonst noch braucht zum Leben: eine Couch, ein Bett, eine Küchenzeile, Schreibtisch, Schrank und eine Bücherwand, voll mit leeren Bierflaschen. "Mindestens 300 Stück", sagt er, "und das Beste ist: Ich habe sie alle selber getrunken."

Auf 20 Quadratmetern ist das die Welt von Schmulik Lamdan. Bunt ist sie. Es ist eine Welt voller wunderbarer Versuchungen, mit einem Computer, der ans Internet angeschlossen ist, mit einem Smartphone und einem Elektro-Piano, auf dem er auch am Sabbat übt. "Ich finde das immer noch alles total spannend", sagt er, "aber ich bin ja jetzt auch erst vier Jahre alt."

Schmulik Lamdan ist 28 Jahre alt, er trägt einen Dreitagebart, er studiert, um Ingenieur zu werden, und nebenher repariert er Computer, um Geld zu verdienen. Er genießt das Treiben in Tel Aviv, trifft Freunde, geht ins Kino, hat Spaß. Er rennt durch sein Leben mit weit aufgerissenen Augen, es gibt so viel zu entdecken, zu lernen, nachzuholen. Denn bis vor vier Jahren war dieses Leben nicht bunt, sondern schwarz-weiß: schwarzer Anzug, schwarzer Hut, weißes Hemd samt Zizijot, dem Geflecht langer weißer Fäden, die alle frommen Juden tragen. Als Ultra-Orthodoxer studierte er in einer Jeschiwa, einer Religionsschule: nur die heiligen Schriften; nur so kommt man gut in die zukünftige Welt. "Für mich war das die Hölle", sagt Schmulik Lamdan.

Glaube, Zweifel und Verzweiflung: Es ist einer gefährliche Reise, dieser Ausbruch aus der alten, dieser Aufbruch in eine neue Welt. Der Weg ist weit, obwohl die beiden Welten - die der ultra-orthodoxen und die der anderen Juden - in Israel oft nur einen Steinwurf voneinander entfernt liegen.

Die Haredim, die Gottesfürchtigen, wie sie sich nennen, leben abgeschottet für sich, wollen nichts wissen vom Leben der anderen. Und falls die Welten doch einmal in Berührung kommen, dann ist das mit der Steinwurf-Entfernung manchmal wörtlich zu nehmen. Wenn die frommen Heerscharen für die Einhaltung der Sabbatruhe oder für die Geschlechtertrennung in den öffentlichen Bussen demonstrieren, kommt es regelmäßig zu Krawallen. Es sind die Schauplätze eines Kulturkampfes, der den jüdischen Staat irgendwann zerreißen könnte. Schmulik Lamdan hat diesen Kampf zwischen den zwei Kulturen in seinem Inneren ausgetragen.

Im "Krieg der Gebärmütter" kämpfen die Orthodoxen an vorderster Front

Er hat die Welt der Haredim verlassen, er lebt nun auf der Seite der Säkularen. Doch die Welt der Haredim wächst, unaufhörlich. 30 000 Ultra-Orthodoxe lebten bei der Staatsgründung 1948 in Israel. Heute sind es 800 000, das ist ein Zehntel der Bevölkerung. Dass die Demografie durchaus Sprengkraft in sich bergen kann, gehört zu den Standard-Weisheiten im konfliktbeladenen Nahen Osten. Als "Krieg der Gebärmütter" wird der Wettstreit um die höheren Geburtenzahlen zwischen den jüdischen Israelis und den Palästinensern bezeichnet. Ohne die ultra-orthodoxen Familien mit durchschnittlich 6,5 Kindern wären die Juden längst im Hintertreffen. Doch der Kinderreichtum der Haredim hat Folgen für den jüdischen Staat.

Wenn einem der Glaube anzusehen ist: Unverdrossen halten Israels Ultra-Orthodoxe fest an Regeln und Tradition. Mea Schearim ist ihre sehr eigene Welt.

(Foto: Daniel Tchetchik)

Es ist überall zu sehen: In Jerusalem erobern die Haredim immer neue Viertel, in einer Stadt wie dem nahe gelegenen Bet Schemesch wird mit harten Bandagen um die Mehrheit gekämpft, und bei den Erstklässlern in den Schulen stammt landesweit schon jedes dritte Kind aus einer ultra-orthodoxen Familie. Das löst bei säkularen Israelis zwei Sorgen aus: erstens, dass ihr Land in nicht allzu ferner Zukunft zu einem jüdischen Gottesstaat mutieren könnte, in dem sich alle den Regeln der strenggläubigen Mehrheit unterwerfen müssten. Und dass, zweitens, all jene, die sich davor fürchten, auch noch die Reise dorthin bezahlen müssen. Denn die Mehrheit der ultra-orthodoxen Männer geht keiner Arbeit nach, sie widmen den Tag allein dem Thora-Studium. Diese Haredim zahlen keine Steuern, leben von staatlicher Unterstützung und Kindergeld, Wehrdienst leisten bisher die wenigsten. Das Wohl des Staates wird zu einer vernachlässigbaren Größe, wenn es ums Heil im Jenseits geht.

Das ist die Welt, in die Schmulik Lamdan hineingeboren wurde, in der er aufwuchs und in der sein Leben in engen Bahnen vorgezeichnet war. In Netivot in der Negev-Wüste hatten die Eltern ihr Refugium gefunden in einer ultra-orthodoxen Gemeinde. Hier wurde Schmulik, siebtes von zehn Kindern, wie alle anderen Jungen mit sechs Jahren in eine Jeschiwa eingeschult. Anfangs gab es noch Mathematik, die Grundrechenarten wurden gelehrt. Aber kein Englisch, keine Naturwissenschaften. "Man erfährt nur, dass Gott die Welt vor knapp 6000 Jahren erschaffen hat", höhnt er. Manchmal hilft der Hohn.

"Seit ich elf Jahre alt war, habe ich nichts anderes als die Thora studiert", erzählt er, "du gehst von einer kleinen Jeschiwa auf eine große Jeschiwa." Die meisten dieser privaten Religionsschulen werden vom Staat finanziert. Dafür sorgen die ultra-orthodoxen Parteien, die seit Jahrzehnten in fast jeder israelischen Regierungskoalition sitzen. Lediglich 500 Schekel, umgerechnet gut hundert Euro, kostete pro Monat die Jeschiwa in Modiin, in die Schmulik Lamdan mit 16 Jahren gesteckt wurde. Im Preis enthalten war das Leben im Internat, samt Vollpension. Das ist für die Eltern billiger, als die Kinder zu Hause zu versorgen. Trotz der Finanzierung aus Steuergeldern verzichtet der Staat weitgehend darauf, Einfluss auf den Lehrplan zu nehmen - weshalb die Absolventen der Religionsschulen wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Sie lernen nicht fürs Leben, sondern für die religiöse Vervollkommnung, für den Rabbi, für Gott. In der Jeschiwa können Ultra-Orthodoxe bis zum Rentenalter studieren, und auch die besten der Studenten bleiben meist dort - sie werden Lehrer. Es ist ein Kreislauf, der wenig Raum für Fragen lässt und kaum eine Möglichkeit des Entkommens.

"Schlimm wurde es mit 17 Jahren", sagt Schmulik Lamdan. "Du betest, du lernst, aber es geht immer nur um eine Sache, um die heiligen Schriften. Ich habe mich schlecht gefühlt dabei. Und dann habe ich mich noch schlechter gefühlt, weil ich mich schlecht gefühlt habe." Zum Reden hat er niemanden gehabt. Alle um ihn herum waren schließlich beschäftigt und ausgelastet mit Beten und Lernen. "Ich dachte, dass etwas falsch ist mit mir", sagt er, "das System und die Regeln können nicht falsch sein. Das ist ja das, was Gott will."

Auf der Suche nach einer Zukunft jenseits der Enge verabschiedet sich der Aussteiger Schmulik Lamdan irgendwann von der Welt seiner Eltern.

(Foto: Daniel Tchetchik)

"Stell' dir das vor - ich habe darum gebettelt, in der Hölle zu bleiben."

Die Zweifel hat er mit mehr Lernen und noch mehr Beten bekämpft, bis ihn die Kraft verließ. Das fiel den Lehrern auf, er wurde wegen Faulheit aus der Schule geworfen. "Ich habe gebettelt, dass ich dort bleiben durfte", sagt er. "Stell' dir vor, ich habe darum gebettelt, in der Hölle zu bleiben." Nicht immer hilft der Hohn, auch im Rückblick noch ist er sich selber fremd.

18 war er, ratlos. Das System lässt keinen fallen, es lässt aber auch keinen raus. Die Eltern schickten ihn nach New York. New York klingt nach Freiheit. Doch er sollte weit weg, um näher zu Gott zu kommen. Auch in den USA gibt es Ultra-Orthodoxe und Religionsschulen. "Ich konnte kein Englisch, und drei Monate lang habe ich kein einziges Wort gesprochen", erzählt er. "Aber es war eine wunderbare Zeit."

In Amerika, dem großen Schmelztiegel, tauchte er in ein ultra-orthodoxes Leben ein, das anders war als das, was er aus Israel kannte: Als "offener und freundlicher" hat er es empfunden, dort gehen auch die meisten Frommen einer Arbeit nach. Er war froh, einen neuen Weg entdeckt zu haben: "Ich kam zurück mit einem langen Bart, meine Eltern waren glücklich, und ich war zu hundert Prozent sicher, dass ich ein ultra-orthodoxes Leben führen würde."

Der Neuanfang brachte ihn nach Jerusalem, es war der Anfang vom Ende: Die Jeschiwa "Mir" ist ein wuchtiger, fast festungsartiger Bau mitten im ultra-orthodoxen Viertel Mea Schearim. Helle Steine, kleine Fenster. Draußen stehen Grüppchen in Schwarz-Weiß zusammen, Englisch ist zu hören, Hebräisch, Jiddisch. Drinnen drängen sich im größten Studiensaal mehr als 500 Studenten, das Gemurmel aus Beten und Schwatzen weht wie ein auf- und abflauender Wind durchs Treppenhaus. Die Mir-Jeschiwa ist ein Magnet. Die Studenten strömen von allen Seiten heran, rings um den Schulbau hat sich eine Händlerkolonie angesiedelt für den frommen Bedarf: die Buchläden mit den in Leder gebundenen Schriften, die Hutmacher und die Kippa-Verkäufer, die chemische Reinigung für die schwarzen Anzüge und die verschwitzten weißen Hemden.

Schmulik Lamdan ist lange nicht mehr in Mea Schearim gewesen, er hat ja die Welten gewechselt. Doch auf der Straße erkennt ihn trotz Turnschuhen und T-Shirt ein früherer Mitstudent. "Wie geht's?" "Was machst du?" Händeschütteln. Schulterklopfen. "Der war schockiert", sagt Lamdan nach der freundlichen Begegnung. Er weiß, wie man sich in dieser Welt verstellt.

Ohne Stress und ohne Schmerz ist ein Besuch in Mea Schearim bis heute für ihn kaum möglich. Er kommt auf der Suche nach Erklärungen, vielleicht sogar Versöhnung. Doch vor allem "Wut" ist es, die er in dieser Umgebung spürt, "Wut, Wut, Wut". Dabei weiß er nicht einmal, auf wen. Auf die Eltern? "Nein." Auf sich selber auch nicht, eher Mitleid hat er mit dem, der er war. "Am Anfang war ich wütend auf Gott, er hat mich betrogen", sagt er. "Aber jetzt habe ich keinen Gott mehr."

Wut sucht einen Adressaten oder einen Anker. "Alles ist Therapie für mich", ist ein Satz, den er öfter sagt. Vier Jahre nach seinem Ausstieg ist er immer noch damit beschäftigt, die Welt der Frommen auszuloten. "Die Ultra-Orthodoxen sind selbst für mich oft ein Geheimnis", sagt er, "ich studiere sie immer noch, es hilft mir, wenn ich sie besser verstehe."

Kürzlich hat er ein Buch gekauft über die Hüte der Haredim - die einen tragen wagenradgroße Pelzkappen zu ihren Knickerbockern und Kniestrümpfen, die anderen steife schwarze Hüte zum Kaftan, die dritten eine Kippa zum Anzug. Die Kleidung inklusive der Kopfbedeckung ist der Code, der zeigt, wer wohin gehört. Die Ultra-Orthodoxen sind kein Block, es gibt Hunderte verschiedene Strömungen. Schmulik Lamdan hat nicht viel mehr kennengelernt als das Leben seiner eigenen Gemeinschaft, das Leben der Litauer, die sich dank eifriger Bibelstudien für die Elite unter den Haredim halten. Den Anzug samt Filzhut - mit breiter oder schmaler Krempe, hoch oder niedrig, mit unterschiedlichen Bändern - tragen sie mit Stolz auf ihre Bildung. Die Chassiden dagegen sind volkstümlicher, mystischer. An der Farbe ihrer Umhänge oder an Länge und Fasson ihrer Schläfenlocken kann man sehen, zu welcher chassidischen Gruppe sie gehören, welchem Rabbi sie folgen: Chabad, Bratslaw, Gur, Bels - es ist ein Sammelsurium religiöser Gemeinschaften.

In Mea Schearim mischen sich all diese Strömungen, vereint im gottesfürchtigen Leben. Jeder kennt die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln, nach denen das Zusammenleben funktioniert, und Schmulik Lamdan wechselt bis heute die Straßenseite, wenn er merkt, dass er auf jener Seite spaziert, die den Frauen vorbehalten ist. In der Öffentlichkeit sollten sich Männer und Frauen nicht einmal mit Blicken begegnen, es herrscht strikte Geschlechtertrennung, und überhaupt weist das Leben von Männern und Frauen bewusst wenig Gemeinsamkeiten auf.

Während sich die Männer in der Mir-Jeschiwa oder in einer der kleineren Religionsschulen von Mea Schearim dem Thora-Studium widmen, hetzen die Frauen mit Kinderwagen oder Einkaufstasche durch die engen Straßen. Schließlich müssen sie den Alltag organisieren und obendrein meist noch Geld verdienen. Trotz ihrer oft sechs, sieben oder zehn Kinder arbeiten mehr als 70 Prozent der ultra-orthodoxen Frauen, zumindest in Teilzeit. Weil das als gottgefällig gilt, wird den Mädchen immerhin der Vorteil gewährt, in der Schule richtig Mathe und Englisch zu lernen.

Auf koscheren Internet-Seiten werden die Frauen aus den Bildern wegretuschiert

Beim Ausflug in die eigene Vergangenheit entdeckt Schmulik Lamdan, wie er sich verändert hat und wie wenig sich wandelt in Mea Schearim. Durchs Viertel weht noch der Geist des Schtetls, des osteuropäischen jüdischen Dorfs aus dem 19. Jahrhundert. Nur die Müllberge in den Ecken, die Chipstüten und Milchbeutel und Windeln, die sind aus dem 21. Jahrhundert. An einer der überall angeschlagenen Wandzeitungen bleibt er stehen, liest Todesanzeigen, Ankündigungen frommer Zusammenkünfte, Werbung für glatt-koschere Lebensmittel. Mehr muss im Viertel der Ultra-Orthodoxen kaum einer wissen, obwohl es mittlerweile sogar koschere Webseiten gibt. Auf denen werden bei den Weltnachrichten Angela Merkel, Hillary Clinton und alle anderen Frauen aus den Fotos retuschiert. Und wer vergisst, dass das Internet Sünde ist, wird durch Schilder an mancher Hauswand daran erinnert - oder durch einen Rabbiner, der in einer Zeremonie Smartphones mit dem Hammer zertrümmert.

Retro-Gesellschaft: Die Welt der Religiösen soll sich auch im Zeitalter von Internet und Smartphone nicht wandeln.

(Foto: Daniel Tchetchik)

Schmulik Lamdan hat mit all dem gelebt, unter all dem gelitten. Er zeigt auf die ärmlichen Häuser mit Gittern vor jedem Fenster, vom Erdgeschoss bis hoch hinauf. Blätternder Putz, ein Gewirr von Kabeln, manchmal dringt von drinnen Kinderlachen hinaus. Draußen ist es trotz Enge und Geschäftigkeit eher still. "Hinter jeder Tür lebt eine Familie", sagt er, "das Leben ist arm, aber erfüllt."

Aus seinem Mund klingt das wie ein Echo aus jener Zeit, als er verzweifelt darum kämpfte, sich in ein solches Leben einzufügen. Wer dazugehört, lebt mit dem Segen der Rechtschaffenheit. "Ich war ein Außenseiter", sagt er. Aber für andere, das weiß er, ist es die Treppe zum Himmel. Das Leben kann so einfach sein, wenn man nur den Regeln folgt, wenn man weiß, was "avera" ist, also Sünde, und was "mitzwa", ein Gebot. Wie man sich die Hände wäscht nach der Toilette und welches Gebet man dabei zu sprechen hat. Wie vor dem Essen gedankt wird und wie der Tag zu ordnen ist - alles ist vorgegeben. Wer will, schaltet sein Leben auf Autopilot. "Dieses Dasein hier auf der Erde bedeutet nichts", erklärt Schmulik Lamdan, "die Belohnung kommt hinterher, da wartet das Glück."

Mit diesem Glauben kam er an in Mea Schearim. Und in diesen Gassen, auf diesem Pflaster, ist er am eigenen Anspruch gescheitert. "Zwei Jahre habe ich hier verbracht, ich habe nichts gelernt, und keiner hat mich wahrgenommen", sagt er. Dann legt er die Hände an die Schläfen und senkt den Kopf: "Ich bin ja selber so durch die Straßen gelaufen, jeder ist hier in seiner Welt. Wenn keiner schaut, dann gibt es auch keine Begierde und keine Sünde."

Langeweile ist das Wort, mit dem er seine Jahre in der Mir-Jeschiwa beschreibt, "immer nur Langeweile". Die Eltern dachten, er studiere. Doch er hatte zu lange geschlafen, zu rauchen angefangen, war nie in den Leseraum gegangen und in der Jeschiwa nur zum Mittagessen geblieben. Er schlug Zeit tot, kaufte sich einen Zauberwürfel, drehte und wendete das Spielzeug, brachte die Farben zur Deckung. "Ich wollte schneller im Kopf werden", sagt er, "56 Sekunden, nur 16 Bewegungen, das war mein Rekord."

Zum Zeitvertreib - und weil es an der Zeit war mit Anfang 20 - hatte er sich an einen "Schadchan" gewandt, einen Hochzeitsvermittler. Wenn die Eltern nicht schon längst eine passende Braut ausgewählt haben, ist dies für einen Orthodoxen der einzige Weg, ein Mädchen kennenzulernen. Die Verabredungen finden stets an öffentlichen Orten statt, in einem Café, in einer Hotellobby. Beim dritten Treffen muss man sich entscheiden. "Aber ich wollte ja gar nicht heiraten. Ich habe Liebe gesucht. Und Sex." Nichts davon war zu finden in Mea Schearim. Aber mit mehr als 30 Frauen hat er so gesprochen, immerhin.

Über dem Jerusalemer Stadtviertel Mea Schearim liegt die Atmosphäre des Schtetl, des osteuropäischen jüdischen Dorfs früherer Jahrhunderte.

(Foto: Daniel Tchetchik)

Stundenweise hat er in einem Fast-Food-Laden direkt neben der Jeschiwa gearbeitet. Das Geld trug er sofort hinaus aus dem Viertel, in ein Internet-Café auf der Jaffa-Straße. Dort schaute er Filme, Youtube-Videos, den Discovery Channel von BBC. Wissen über die Welt hat er gesucht. Seine Welt ging dabei in die Brüche. Er war einsam, aber allein war er nicht. "Die Hälfte der Besucher im Internet-Café waren Haredim", erinnert er sich. Und auch in dem Wohnheim, in dem er lebte, ließen sich noch andere treiben so wie er. Aber keiner durfte davon wissen, "wir haben es nicht einmal vor uns selber zugegeben."

Es war ein ständiges Versteckspiel. Die Zigaretten, die er aus Langeweile rauchte, wurden zur Sucht. Sogar am Sabbat hat er geraucht, dem Tag, an dem niemals ein Feuer entzündet werden darf. Das Zähneputzen hinterher gehörte zum Rauchritual, er kam auf Idee mit der Wäscheklammer - um den Geruch von den Fingern fernzuhalten. Viel schlimmer noch als die Angst, entdeckt zu werden, war die innere Pein. "Rauchen am Sabbat, das ist wie jemanden umzubringen in den Augen Gottes, die schlimmste Sünde", meinte er. "Nach jeder Zigarette habe ich um Vergebung gebetet."

Rauchen, vertuschen, beten - die Gottesfurcht führte in den Teufelskreis: "Ich habe mich schwach gefühlt und wurde immer schwächer." Er bekam Panik-Attacken, wurde depressiv, war zerrissen in zwei Hälften. Dann hat er zu sich selbst gesprochen: "Schmulik, du weißt, wir wissen es beide, dass es besser wäre, nicht mehr zu leben." Am Ende hat er eine Telefonnummer gewählt, die er schon länger in der Tasche trug: 02 - 6 22 13 59.

"Das ist der Beginn meiner neuen Geschichte", sagt Schmulik Lamdan. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine Mitarbeiterin von Hillel. Die Organisation hilft ultra-orthodoxen Aussteigern. Als Erstes hat er in einem Hillel-Zentrum neue Kleider bekommen, eine Jeans und ein T-Shirt. "Ich habe meine Kippa abgelegt und mir im Spiegel mein neues Ich angeschaut. Das hat mir Mut gemacht", sagt er.

Schritt für Schritt hat er sich hineingetastet in das neue Leben. Hillel hat ihm geholfen, einen Plan zu machen, eine Ausbildung zu beginnen, ein Stipendium zu bekommen. "Ich habe sehr viel Unterstützung gebraucht", sagt er, "aber vor allem brauchte ich Leute zum Reden." Bei Hillel hat er andere getroffen, die aus der gleichen Welt kamen, auf dem gleichen Weg waren. "Ich habe gesehen, dass ich nicht verrückt bin, und dass ich nicht allein bin", sagt er. "Hillel hat mir eine neue Legitimation zum Leben gegeben."

Ein Huhn, das die Sünde auf sich nimmt: Bei der Kapparot-Zeremonie vor Jom Kippur bereuen die Frommen. Das Tier wird geschlachtet, sein Fleisch verschenkt.

(Foto: Daniel Tchetchik)

Yair Hass kennt die Geschichte von Schmulik Lamdan. Er kennt sie aus eigener Erfahrung, auch er ist einst ausgebrochen aus dem Lebenskreis der Haredim. Heute ist er Direktor von Hillel, ein rundlicher Mann von 38 Jahren, mit funkelnden grünen Augen und großen Plänen. Nachdem Hillel fast 20 Jahre lang weitgehend im Verborgenen gearbeitet hat, will die Organisation nun sichtbarer werden und an die Öffentlichkeit gehen. In Tel Aviv ist Hillel gerade in ein neues Haus gezogen, an einer großen Straße, mit einem Schild an der Tür. Yair Hass erwartet viel Arbeit in nächster Zeit für sich und seine Mitarbeiter an der Telefon-Hotline, in der Kleiderkammer, bei der Betreuung der Aussteiger. Er vertraut dem Trend, auch wenn er nicht von einer Welle spricht: 1500 Aussteiger zählt die Statistik fürs 2014, zwei Drittel Männer, ein Drittel Frauen, zusammen weniger als 0,2 Prozent der Haredim-Bevölkerung. "Aber die Zahlen steigen", sagt Yair Hass.

Die Zahlen sagen allerdings auch, dass das Plus beim Geburtenüberschuss um ein Vielfaches höher ist als das Minus durch die Aussteiger. "Wir von Hillel werden nicht die israelische Gesellschaft verändern", räumt er ein, "wir werden dieses Land nicht vor den Ultra-Orthodoxen retten." Der Wandel, glaubt er, müsse "von innen kommen", und er habe bereits begonnen. Die Mauer, mit der die Haredim sich abschotteten, bekomme Risse.

Die Öffnung der einen provoziert die Abschottung der anderen. Die Radikalisierung nimmt zu

Als Verbündeten sieht Yair Hass das Internet - verboten und verteufelt von den meisten ultra-orthodoxen Rabbinern, aber attraktiv. Das Schtetl lässt sich nicht mehr so leicht verteidigen gegen die Moderne, wenn die Gegner ihr unsichtbares Netz auswerfen. "Viele Ultra-Orthodoxe, die sich das leisten können, haben zwei Handys - eines zum Vorzeigen, und ein Smartphone zum Benutzen", sagt er. So können sie der Welt da draußen demonstrativ den Rücken zukehren, doch zugleich via Bildschirm Kontakt suchen.

Yair Hass sieht noch eine zweite Entwicklung: die Verelendung. Fast zwei Drittel der Ultra-Orthodoxen leben unterhalb der Armutsgrenze. Selbst mit den bescheidensten Ansprüchen kommen viele Großfamilien kaum über die Runden. Die Männer werden auf den Arbeitsmarkt gedrängt, "sie müssen sich öffnen, weil es nicht mehr anders geht", erklärt Yair Hass. Mittlerweile gibt es zahlreiche staatliche und private Programme, um die Haredim in Lohn und Brot zu bringen. Dabei lernen sie eine Welt kennen, die mehr als nur Verderbnis bietet.

Demografie ist immer auch Politik: Aus Israel könnte irgendwann ein Orthodoxen-Staat werden. Denn die Strenggläubigen haben mehr Kinder als die säkularen Juden.

(Foto: Daniel Tchetchik)

Doch zu jeder Bewegung gehört eine Gegenbewegung. Die Rabbiner ziehen die Zügel an, die Öffnung provoziert eine noch stärkere Abschottung und in Teilen der Gemeinschaft eine Radikalisierung. In Jerusalem haben sie das in diesem Sommer erlebt - als die Eröffnung eines neuen Multiplex-Kinos am Sabbat eine Straßenschlacht auslöste, und dann, als bei der jährlichen Schwulenparade ein Sittenwächter das Messer zückte. Eine 16-Jährige wurde getötet, fünf weitere Teilnehmer verletzt. Auch Hillel, die Aussteiger-Hilfe, bekommt die Wut zu spüren, zumindest verbal: In den Jeschiwot warnen die Rabbiner vor der "Sekte", in der die Frauen in die Prostitution gedrängt und jedermann gezwungen werde, Schweinefleisch zu essen.

"Furcht ist das Mittel, die Menschen bei der Stange zu halten", sagt Yair Hass. Und wenn die Furcht nicht mehr fruchtet, folgt Strafe. "Die meisten Aussteiger werden von ihren Familien verstoßen", erklärt er, "manche Eltern sitzen sogar Schiwa und zerreißen sich das Hemd." Das Zerreißen der Kleidung symbolisiert die Trauer bei der Todesnachricht, und "Schiwa" ist im Judentum das siebentägige Totengedenken, bei dem die engsten Angehörigen zusammensitzen und Gäste empfangen.

Die Eltern haben sich nicht getraut zu fragen, und der Sohn hat sich nicht getraut zu reden

Es ist eine Warnung: Wer aussteigt, ist tot. Nicht physisch, aber sozial. Der Druck ist gewaltig, und oft ist es die Furcht vor der Isolation, verbunden mit Schuld- und Schamgefühl, welche den Ausstieg verhindern. Schmulik Lamdan kennt das. Als er nach seinen ersten Treffen bei Hillel zu seinen Eltern ging zum Sabbat-Essen, hat er die Kippa aufgesetzt und den schwarzen Anzug angezogen samt weißem Hemd. Natürlich haben sie gemerkt, dass etwas nicht stimmt, dass ihr Sohn anders ist. Aber die Eltern haben sich nicht getraut zu fragen, und der Sohn hat nicht gewagt zu reden.

Eines Tages brachte Schmulik Lamdan dann doch den Mut auf, zu sagen: "Ich halte die Mitzwot nicht mehr länger ein, ich gehe nicht mehr euren Weg." Und die Eltern zeigten den Mut, ihren Sohn nicht zu verstoßen. Auch das kostet Kraft, immer wieder. "Ihr Hauptproblem ist, dass sie glauben, ihr geliebter Sohn Schmulik lebt sein Leben mit einer Lüge, in Sünde", meint er. "Für sie bin ich verloren, sie denken, es geht mir elend, auch wenn ich der glücklichste Mensch bin."

In streng getrennten Sphären: Weil sie jede Begegnung vermeiden wollen, gehen in Mea Schearim Frauen und Männer nur sehr ungern auf derselben Straßenseite.

(Foto: Daniel Tchetchik)

Eli und Ziva Lamdan leben in Bnei Brak, einer ultra-orthodoxen Hochburg nordöstlich von Tel Aviv. 150 000 Einwohner, bei Wahlen stimmen 80 Prozent für die streng-religiösen Parteien. Von Schmulik Lamdans Apartment aus ist es nicht weit zu den Eltern, er schaut oft vorbei, so wie an diesem Sabbat, zum Essen und zum Reden. Den Motorroller hat er ein paar Straßen entfernt geparkt, die Nachbarn sollen nicht sehen, dass er am Sabbat fährt.

Im Wohnzimmer, unter dem Bild eines gütig blickenden Rabbis, wird laut, hart und herzlich diskutiert. Eli Lamdan ist ein kleiner Mann mit einem langen, weißen Bart. In seiner Jugend hat er sich für Yoga begeistert und solche Sachen, "er war ein Hippie, als wir uns kennenlernten", sagt seine Frau. Erst durch sie ist er religiös geworden, irgendwann hat er seine Bücher verbrannt und sein altes Leben hinter sich gelassen. Das Ehepaar hatte sich vor 30 Jahren in die ultra-orthodoxe Gemeinde von Netivot im Negev zurückgezogen, mitten in der Wüste. Sie arbeitete als Lehrerin, bekam zehn Kinder, arbeitete weiter. Er widmete sich in den ersten Jahren ganz dem Thora-Studium, später war er Gefängnis-Rabbi in Beerschewa, heute steht er als Therapeut ultra-orthodoxen Paaren bei. "Ich weiß, wie es ist, ein Fanatiker zu sein", sagt er, "es ist ein wunderbares Gefühl, wenn alles nur schwarz oder weiß ist."

Für Ziva Lamdan, die Lehrerin, stand nie außer Frage, dass ihre sechs Söhne in der Jeschiwa fast ausschließlich in den heiligen Schriften unterrichtet wurden. "Der Verstand wird durch den Talmud entwickelt", meint sie. Für Eli Lamdan, den Vater, war klar, "dass die Kinder Haredim bleiben ihr Leben lang. Das ist die einzige Option." Doch dann stieg Daniel aus, der älteste der Söhne, Schmulik war der zweite. Heute leben von den zehn Kindern nur fünf ein ultra-orthodoxes Leben. "Es ist eine Serie von Enttäuschungen", sagt Eli Lamdan.

Rat gesucht haben sie bei ihrem Rabbi in Netivot, jenem Rabbi, dessen Bild im Wohnzimmer hängt. Der sagte: "So wie die zehn Finger eurer Hände, so werden auch immer alle eure Kinder zu euch gehören." Sie hielten also ihre Tür offen. Von Freunden und Bekannten hörten sie: Ihr tut uns so leid. "Am Ende sind wir nach Bnei Brak gezogen, um dem Druck der Gemeinschaft zu entkommen", sagt Eli Lamdan. "Wir mussten unsere sozialen Kontakte aufgeben, um als Familie intakt zu bleiben."

Die Blicke der Nachbarn haben sie hinter sich gelassen, eine drängende Frage aber haben sie mitgenommen: Was haben wir falsch gemacht? "Waren wir nicht streng genug?", fragt die Mutter. "Vielleicht bin ich mitschuldig, weil ich immer säkulare Bücher gelesen habe?" Der Vater sagt: "Es bleibt ein Gefühl von Schuld." Schmulik Lamdan hat das oft gehört. "Wir haben immer offen geredet, vielleicht war das der Fehler", sagt der Vater. "Nein, es war nicht offen, wir haben zum Beispiel nie über Sex geredet", erwidert der Sohn.

Wer so diskutiert, kommt sich näher. Sie ringen um Verständnis, auf beiden Seiten. Eli und Ziva Lamdan geben die Hoffnung nicht auf, dass Schmulik und die anderen ihrer Kinder sich besinnen. "Es liegen noch viele Wendungen in deinem Leben vor dir", sagt der Vater. "Ich glaube nicht, dass ich noch einmal religiös werde, damit bin ich fertig", antwortet Schmulik, und die Freude an der Provokation ist ihm anzusehen.

Ein paar Wochen sind vergangen seit der Diskussion im Wohnzimmer. In der Hügellandschaft rund um die Siedlung Nokdim weht ein sanfter Wind, Schmulik Lamdan eilt umher, heute ist sein großer Tag. Er trägt ein weißes Hemd und eine Kippa auf dem Kopf. Wieder beginnt für ihn ein neues Leben. Es ist der Tag seiner Hochzeit. Geheiratet wird nach traditionellem Ritus. "Das bin ich meinen Eltern schuldig, sie haben viel gelitten", sagt er. "Als freier Mann kann ich jetzt zu einer solchen Zeremonie zurückkehren." Er nimmt Cheli in den Arm, seine Braut, sie trägt ein weißes Kleid mit kurzen Ärmeln. Die beiden haben sich bei der Organisation Hillel kennengelernt, auch sie ist eine Aussteigerin. "Ich fand sie sofort attraktiv", sagt er. "Sie hat mir viel geholfen."

180 Gäste sind gekommen, die Tische unter freiem Himmel sind geschmückt mit Kerzen und Herzen, Kinder springen herum. "Masel tov", Glückwunsch, sagt in der alten jiddischen Form jeder zu jedem zu Ehren des Brautpaars. Verwandte sind da und Freunde, Männer mit großen, schwarzen Hüten aus Jerusalem, und Männer mit Hipster-Hütchen aus Tel Aviv. Frauen keusch bedeckt, Frauen mit tiefen Dekolletés. Jeder zeigt sich, wie er ist und lässt den anderen anders sein. "Genauso habe ich mir das gewünscht", sagt Schmulik Lamdan, "hier bringe ich die beiden Teile meines Lebens zusammen."

Vor Sonnenuntergang ruft der Rabbiner zur Zeremonie. Golden leuchten die Hügel im Licht, Schmulik Lamdan wartet unter der Chuppa, dem weißen Traubaldachin, lächelnd auf seine Braut. Von ihrer Mutter wird sie herangeführt, sieben Mal umkreist sie den Bräutigam. Einmal für jeden Tag der Schöpfung, weil sie nun als Ehepaar ihre eigene Welt erschaffen. Es wird gebetet und Musik gespielt, der Segen über einem Glas Wein gesprochen. Er steckt ihr den Ring an den Zeigefinger der Rechten, so wie es vorgeschrieben ist. Er legt sich den Gebetsschal um, so wie es sein soll. Und dann zieht er Cheli an sich heran, zusammen stecken ihre Köpfe nun unter dem Tuch. Es ist ein Verstoß gegen die Tradition, eine Sünde, die ihm Freude macht.

Am Ende der Zeremonie zertritt Schmulik Lamdan ein Glas, auch das gehört zu jeder Hochzeit. Er muss zwei Mal zutreten, was soll's. Dann wird getanzt. Zuerst tanzen nur die Männer mit den Männern. Dann tanzen die Frauen mit den Kindern, die Frauen mit den Frauen. Und irgendwann am Ende tanzen sie alle zusammen.