Israel Blutig und ungesteuert

In diesem Jerusalemer Linienbus töten palästinensische Attentäter zwei Menschen, zahlreiche weitere werden verletzt.

(Foto: Thomas Coex/AFP)

Bei Terrorattacken sterben in Jerusalem mehrere Menschen. Die Sicherheitskräfte können den Aufruhr der Palästinenser bisher nicht stoppen.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die Welle der Gewalt in Israel hat einen neuen Höhepunkt erreicht: Bei zwei Anschlägen von Palästinensern wurden in Jerusalem drei jüdische Israelis getötet und fast 20 verletzt. Die Gewalt greift weiterhin auch auf andere Regionen über. In der Kleinstadt Raanana nahe Tel Aviv kam es zu zwei Messer-Attacken mit insgesamt fünf Verletzten. Auch wenn die israelischen Sicherheitskräfte mit eiserner Faust agieren und die Politiker von einer Krisensitzung in die nächste stürmen, ist derzeit noch kein Ende der meist von jugendlichen Einzeltätern verübten Angriffe in Sicht. Seit Beginn der jüngsten Auseinandersetzungen kamen bereits acht Israelis und 27 Palästinenser ums Leben.

Der bislang blutigste Vorfall ereignete sich am Dienstagmorgen in einem Linienbus in Jerusalem. Ein Attentäter eröffnete das Feuer auf die Fahrgäste, ein zweiter traktierte sie mit einem Messer. Zwei Menschen starben, zahlreiche andere wurden verletzt. Augenzeugen zufolge könnte auch eine Entführung des Busses geplant gewesen sein, einer der Angreifer hatte demnach bereits den Fahrersitz übernommen und alle Türen verriegelt. Ein Attentäter wurde schließlich von der Polizei erschossen, der andere verletzt.

Fast zeitgleich raste ein junger Palästinenser mit einem Auto seines Arbeitgebers, der israelischen Telekommunikationsfirma Bezeq, in einem anderen Teil der Stadt in eine Menschengruppe an einer Bushaltestelle. Anschließend stieg er aus und stach auf Passanten ein, bis er überwältigt werden konnte. Ein Todesopfer war bei diesem Angriff zu beklagen.

Auslöser der Unruhen war ein Streit um die Nutzung der heiligen Stätten auf dem Tempelberg alias Haram al-Scharif, doch der Konflikt hat sich schnell in alle Richtungen ausgebreitet - von Jerusalem aus in die israelische Provinz und in die Wohngebiete der israelischen Araber, die 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen. In der Vergangenheit war es hier bei Unruhen in den Palästinenser-Gebieten zumeist ruhig geblieben. Nun aber wurde dort als Zeichen des Protests am Dienstag ein Generalstreik ausgerufen. Fast täglich kommt es zudem im Westjordanland und an der Grenze zum Gazastreifen zu Unruhen. Ein Muster ist kaum zu erkennen, alles wirkt zufällig und ungesteuert.

Zwar versucht die im Gazastreifen herrschende Hamas, sich mit flammenden Aufrufen an die Spitze der Bewegung zu setzen. Auch am Dienstag lobte sie die Attentäter von Jerusalem und Raanana und rief auf zur "Fortsetzung der Intifada, die unsere Antwort auf das Schweigen der Welt ist". Doch israelische Sicherheitsexperten glauben, dass weder die Hamas noch die in Ramallah regierende Fatah von Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas einen entscheidenden Einfluss auf den Aufruhr haben.

Angesichts der unübersichtlichen Lage ist auch bislang den Gegenmaßnahmen der israelischen Sicherheitskräfte wenig Erfolg beschieden. Es scheint nicht einmal einen Abschreckungseffekt zu haben, dass fast die Hälfte der Angreifer noch an Ort und Stelle getötet wurde. Nun wird von zahlreichen Regierungsmitgliedern und auch von Oppositionsführer Isaak Herzog gefordert, arabische Wohnviertel in Jerusalem komplett abzuriegeln, um die Ruhe wiederherzustellen.

Premierminister Benjamin Netanjahu verspricht den Bürgern eine Politik der harten Hand. Er hat Tausende zusätzliche Sicherheitskräfte nach Jerusalem und ins Westjordanland beordert, und sein Sicherheitskabinett trifft sich fast schon wieder so häufig wie im vergangenen Sommer während des Gazakriegs. Doch er kann nicht verhindern, dass nun nach ungefähr 20 Attacken seit Monatsbeginn Unsicherheit und Angst um sich greifen.

Der israelische Rettungsdienst hat aus aktuellem Anlass einen Kurzfilm veröffentlicht, in dem es um Erste-Hilfe-Maßnahmen nach Messerattacken geht; im Fernsehen werden Anleitungen zur Selbstverteidigung gezeigt. Und Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat rief die Bewohner mit Waffenschein dazu auf, zur Selbstverteidigung oder zur Überwältigung von Angreifern ab jetzt immer ihre Schusswaffe mit sich zu tragen.