Islamkonferenz "Die muslimischen Völker haben die gleichen Sehnsüchte wie die Osteuropäer vor dem Fall des Eisernen Vorhangs"

Überhaupt scheint die Bundesrepublik ein angespanntes Verhältnis zu den deutschen Muslimen zu haben, wie man an der Islamkonferenz sieht, die seit einiger Zeit auf der Stelle stehenbleibt. Während wir eine Zeitenwende in der islamischen Welt erleben und dabei sehen, dass Islam und Demokratie miteinander einhergehen können, ja sogar müssen, bediente der neue Innenminister Hans-Peter Friedrich zum wiederholten Male die Klischees erzkonservativer Kreise: Er behauptete, der Islam gehöre nicht zu Deutschland.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) begegnet auf der Deutschen Islamkonferenz der Theologin Hamideh Mohaghedghi.

(Foto: dapd)

Dabei sind die über vier Millionen Muslime im Lande eine nicht mehr wegzudenkende gesellschaftliche Gruppe. Die eigentliche Frage ist doch: Ist Deutschland bereit, seinen Muslimen eine Chance zu geben, oder setzt es sie - ähnlich wie die kruden Sarrazin-Thesen es tun - direkt auf die Anklagebank? Aber so geht man einem konstruktiven Dialog ausgerechnet mit jenen aus dem Wege, die man stets zum Dialog auffordert.

Es bleibt also abzuwarten, ob die Islamkonferenz sich auf lange Sicht wirklich mit der Integration des Islam in das deutsche Staatswesen auseinandersetzt oder am Ende doch nur eine verkappte Sicherheitskonferenz ist, um die Muslime an der langen Leine zu halten.

Allen hiesigen Unkenrufen zum Trotz haben religiöse Fanatiker oder die al-Qaida bei den Volksaufständen in der arabischen Welt keine Rolle gespielt. Auch muslimische Vertreter hierzulande haben stets betont, dass der Einfluss Radikaler marginal ist. Geglaubt hat man ihnen nicht. Geglaubt hat man den Diktatoren, die ihre Gewaltherrschaft mit der angeblichen islamistischen Gefahr begründeten. Geglaubt hat man den sogenannten Islamkritikern, die gläubigen Muslimen grundsätzlich die Fähigkeit zur Zivilgesellschaft absprechen.

Nun stellt sich heraus, wie wirkungsmächtig diese Phrasen sind - aber auch wie falsch. Die Angst vor dem bösen Muslim bleibt dennoch allgegenwärtig. Es hätte genügt, die Plakate der Demonstranten zu lesen und ihre Slogans zu hören, um zu erkennen, was diese Menschen millionenfach auf die Straße getrieben hat: nicht religiöser Fanatismus, sondern die Sehnsucht nach Freiheit, Bürgerrechten, fairen Wahlen und einem Leben in Würde. Aber hiesige "Experten" und "Islamkritiker" konnten die Plakate nicht lesen und die Slogans nicht verstehen, weil sie im doppelten Sinne der Bedeutung die Sprache der muslimischen Völker nicht verstehen. Sie wollten nicht einsehen, dass diese die gleichen Sehnsüchte hatten wie die Osteuropäer vor dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Religiöse Gruppierungen in Arabien wie die Muslimbrüder werden sich dem demokratischen Wettbewerb stellen müssen. Man wird von ihnen seriöse Antworten auf die gewaltigen wirtschaftlichen und sozialen Probleme ihrer Länder erwarten. Die Zeiten der Ideologisierung der Religion sind - das hat die Revolution eindrucksvoll gezeigt - endgültig vorbei.

Aber will das die deutsche Politik überhaupt wissen? Sie sollte es nicht bei leeren Versprechungen wie bei der Islamkonferenz belassen, sondern die Muslime als gleichberechtigte Religionsgemeinschaften anerkennen. Nach 1989 hat der Westen den Osteuropäern geholfen. Nun muss er im ureigensten Interesse den arabischen Ländern helfen.