Islamistischer Terror in Afrika Gottes Quittung

Die Große Moschee von Djenné in Zentralmali, gebaut 1907, das größte Lehmgebäude der Welt. Seit 1988 Weltkulturerbe.

(Foto: imago stock&people)

Wie werden aus Muslimen Islamisten? Wie konnten in Afrika zwei der gefährlichsten Terrormilizen der Welt Fuß fassen: Boko Haram und al-Schabaab? Eine Spurensuche.

Von Jonathan Fischer und Tobias Zick

Drei Wochen bevor Islamisten letzten Samstag fünf Menschen in der Bar "La Terrasse" in Bamako erschießen, der Hauptstadt Malis, dient die Ausgehmeile der Rue Princesse noch als Beispiel für friedliche Koexistenz. "Hören Sie", sagt Souleymane Traoré, ein Sufi-Scheich, während er an einer Cola nippt, "wie die verschiedenen Melodien miteinander tanzen?" Ein Lächeln erhellt sein von Rasta-Zotteln und einem roten Turban gerahmtes Gesicht. Salsaklänge mischen sich mit Reggae-Bässen, den Rufen des Muezzins und jahrhundertealten Kalebassen-Rhythmen, die aus den Transistorradios der Händler plärren.

"Gott selbst hat die Vielfalt geschaffen", sagt der Scheich. Er stammt aus Timbuktu in Zentralmali, der Wiege des Islam in Zentralafrika. Er ist nach Bamako gereist, um neue PR-Strategien zu entwickeln, denn lange galten die traditionellen Sufi-Brüderschaften als politik- und medienscheu. Doch nun erhält ihr toleranter Islam in ganz Westafrika Konkurrenz von radikaleren importierten Strömungen: Islamisten, die die Sufis als Ungläubige bezeichnen, ihre Bilder, Heiligengräber und alten Manuskripte als "Fetische" diskreditieren - oder wie zuletzt in Nordmali gar zerstören.

"Kann Gott so etwas anordnen?", fragt Scheich Traoré. "Nein, denn der Gott Moses' und Jesus' und Mohammeds ist ein Gott, der uns Mitgefühl und Gemeinschaft lehrt, nicht die Zerstörung."

"Gott selbst hat die Vielfalt geschaffen": Scheich Souleymane Traoré.

(Foto: Fischer)