Islamismus Was müssen wir tun? "Cool bleiben."

Und wie sollte man darauf reagieren?

Man müsste genau das tun, was den eigenen Gefühlen am allerschwersten fällt: cool bleiben. Sie müssen sich vorstellen, diese Jugendlichen stellen jetzt alles infrage, und zwar rigide. Sie werten das Leben der Eltern ab. Sie lehnen Abläufe ab, sie lehnen Feste wie Geburtstagsfeiern oder Weihnachten ab, weil diese nach den strengen Regeln nicht sein dürfen. Was bedeutet das für die Eltern? Für die sind die Geburtstage ihrer Kinder mit das Allerwichtigste. Und trotzdem wäre es am besten, nicht sauer, nicht enttäuscht, erst recht nicht zornig, aggressiv zu reagieren, sondern sanft. Nach dem Motto: Überleg es dir doch noch mal, wir würden uns freuen, wenn du trotzdem dabei bist. Du fehlst doch allen hier. Wenn man sauer reagiert, gar mit Strafen, dann wird die Distanz immer größer, dann wird es immer schwerer, an die Jugendlichen ranzukommen.

Sie schildern Veränderungen, die man eigentlich erkennen müsste.

Schon richtig. Nur: Stellen Sie sich mal vor, diese Kinder kommen aus einer konservativen islamischen Familie. Da entsteht zunächst ein ganz anderer Eindruck. Zunächst denken die Eltern: Mensch, da tut sich ja doch noch was. Unser Junge, der bislang so chaotisch war, gekifft hat, auf der Straße rumhing, entdeckt einen Sinn fürs Leben. Endlich. Plötzlich ruht der in sich. Er wirkt stärker, stabil, er strahlt erst mal was Positives aus. Das tut den Eltern gut. Sie hoffen, dass sie eine Sorge los sind und merken nicht, wie weitreichend die Veränderung ist. Der entgegengesetzte Fall bedeutet, dass die bislang durchaus geliebte Mama, wenn sie einigermaßen weltlich gelebt hat, mit einem Mal sehr hart angegriffen wird. Sie wird in ihrem Leben, in ihrem Sein infrage gestellt, abgewertet. Das wird nicht gelassen aufgenommen, sondern als Verletzung - und verschärft die Konflikte. Da richtig zu reagieren ist wahnsinnig schwer.

"Die Jugendlichen unterwerfen sich einer sehr wirkungsvollen Angstpädagogik", sagt Islamismus-Expertin Claudia Dantschke.

(Foto: Aypa)

Und was raten Sie den Eltern dann?

Am wichtigsten ist es, offene Fragen zu stellen und zuzuhören, sich ernsthaft darum zu bemühen, den Wandel zu verstehen und zwar aus der Perspektive des Sohnes oder der Tochter. Und ich sage ihnen, dass sie die Freunde ihrer Söhne nicht gleich als Radikale, als Terroristen beschimpfen sollen.

Wer meldet sich bei Ihnen? Und wann?

Es sind meistens die Mütter. Zu siebzig Prozent. Es kommen zwar auch immer mehr Väter, aber die Mütter haben das beste Sensorium. Außerdem Schwestern, Brüder, auch Sozialarbeiter und Lehrer. Wenn sie sich melden, sind sie erst mal extrem leidend. Vor allem die Eltern sind emotional zutiefst erschüttert. Die ersten Gespräche dauern ein bis zwei Stunden. Das ist wie bei Seelsorgetelefonen. Und es geht erst mal darum zuzuhören. Wir machen keine aufsuchende Arbeit. Sie müssen wollen, dass wir helfen. Wir müssen ja auch, wenn sie bei uns sind, ganz tief in die Familien schauen, um herauszufinden, welche Probleme, welche Verletzungen bei dem Sohn dazu geführt haben könnten. Wir müssen wissen, wie das Leben bis dahin war. Und wir müssen wissen, wie er argumentiert, wie er sich verhält, in welche Moschee er geht oder welchen Prediger er gut findet. Wer seine Vorbilder sind. Dann erst können wir einigermaßen einschätzen, ob und wie bedrohlich die Lage ist.

Und was kommt dann?

Dann rate ich den Angehörigen: Versuchen Sie, diesen unentwegten verbalen Boxkampf zu stoppen. Geben Sie die Geburtstagsgeschenke eben ein paar Tage vorher oder nachher, laden Sie zu Weihnachten zwar ein, aber wenn die Tochter oder der Sohn nicht kommt, feiern Sie allein und treffen sich in lockerer Familienrunde zu einem anderen Zeitpunkt. Lassen Sie die Tür immer offen. Aus Liebe dableiben, würde ich das nennen. Sonst wird die Abgrenzung immer schärfer. Man muss sich klarmachen: Wenn diese Jugendlichen richtig in den Fängen radikaler Salafisten sind, wird das bisher engste Umfeld, Familie, Freunde, Geschwister, zu den am schärfsten Kritisierten, weil sie das "neue Zuhause" am stärksten infrage stellen.

Machen die Jugendlichen das wirklich alles freiwillig?

Die Jugendlichen würden sagen: Ja. Aber tatsächlich unterwerfen sie sich einer sehr wirkungsvollen Angstpädagogik. Den Jugendlichen wird jetzt gesagt: Früher wusstest du es nicht besser, also hast du viele Sünden begangen. Aber wenn du jetzt sofort alles richtig machst und keine Sünden mehr begehst, wirst du garantiert ins Paradies kommen. Anders ausgedrückt: Dein Buch der schlechten Taten ist jetzt leer (weiß), aber nur wenn da auch wirklich kein einziger Sündeneintrag reinkommt, geht alles gut. Deshalb werden sie so beflissen, so dramatisch ehrgeizig, wollen alles, alles richtig machen. Sie glauben nicht, wie sehr das diese Jugendlichen diszipliniert.

Eine der größten Sorgen der deutschen Sicherheitsbehörden sind die Kriegs-Rückkehrer. Kommen da nach Ihren Erfahrungen Kampfmaschinen zurück?

Viele Eltern und Familien melden sich bei uns, wenn sie konkrete Angst haben, dass ihre Kinder in den Krieg ziehen oder wenn diese schon weg sind. Dann sind die Eltern furchtbar in Sorge und sehr offen. Aber wenn ihre Kinder zurückkommen, melden sie sich viel zu oft nicht mehr, weil sie angesichts der Debatten hierzulande fürchten, dass ihre Kinder im Gefängnis landen. Das ist aus unserer Sicht ein Problem, weil nach unseren Erfahrungen die wenigsten ohne massives Trauma zurückkehren. Eigentlich bräuchten diese jungen Menschen dringend psychologische Betreuung. Wenn dieses Trauma nicht behandelt wird, kann sich daraus eine Gefährlichkeit entwickeln, da sich das Unverarbeitete aufstaut. Sicher, es kommen natürlich auch Ideologisierte zurück, die es zu erkennen gilt, aber auch Desillusionierte. Und bei letzteren könnten Programme zur Reintegration in die Gesellschaft greifen.