Islamismus Aus Deutschland zieht es nur noch wenige zum IS

Ein junger Soldat steht allein in einem Sandsturm. Er bewacht die Zufahrtstraße eines temporären Flüchtlingscamps in Ain Issa im Norden Syriens. Die Bewohner sind aus Angst vor IS-Anschlägen in die Nähe der türkischen Grenze geflohen.

(Foto: AFP)
  • Es gibt kaum noch Kämpfer, die zum IS nach Syrien und in den Irak ausreisen.
  • In der Spitze machten sich fast 100 Personen im Monat auf den Weg in die Region.
  • Der IS ruft allerdings dazu auf, vermehrt Anschläge in den Heimatländern zu verüben.
Von Georg Mascolo, Berlin

Nur noch wenige deutsche Islamisten reisen in die Kampfgebiete der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und dem Irak. Die Reisen der IS-Unterstützer seien "nahezu zum Erliegen gekommen" heißt es nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR in einer gemeinsamen Studie von Verfassungsschutz und Polizei, die Ende des Monats auf der Innenministerkonferenz im Saarland vorgelegt werden soll. Es ist die bisher umfassendste Untersuchung der deutschen Dschihad-Szene, an der sich Behörden aus Bund und Ländern beteiligten.

Insgesamt wurde die Radikalisierung von 784 Personen untersucht, die in den vergangenen viereinhalb Jahren nach Syrien oder in den Irak ausreisten. Bei rund einem Viertel der aufgeklärten Fälle gibt es einen Zusammenhang mit organisierten Koran-Verteilungen. Der Verein "Die wahre Religion", der solche Verteilungen organisiert, wurde vom Bundesinnenministerium am Dienstag verboten.

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Die Ausrufung eines Kalifats durch den IS im Juni 2014 habe Islamisten weltweit "in bisher nicht da gewesenem Maß emotionalisiert und mobilisiert", heißt es in dem Papier. Allein aus Deutschland hätten sich "zu Hochzeiten" fast 100 Personen im Monat auf den Weg in die Region gemacht. Bereits ein Jahr später habe es einen "drastischen" Rückgang gegeben: Zwischen Juli 2015 und Juni 2016 hätten "durchschnittlich weniger als fünf Ausreisen pro Monat" stattgefunden.

Rückkehrer kooperieren zunehmend mit Sicherheitsbehörden

Die Experten kommen zu dem Schluss, dass das Kalifat "kaum mehr eine Sogwirkung" entfalte. "Wenn angesichts der geringen Ausreisezahlen überhaupt noch von einer Attraktivität des IS gesprochen werden kann, so kann der IS allenfalls Anziehungskraft unter jüngeren Männern entfalten, die weniger sozial integriert sind und sich durch eine höhere kriminelle Energie auszeichnen", heißt es.

Über die Gründe für das Ende der Ausreisen findet die als Verschlusssache eingestufte Expertise kein abschließendes Urteil. Die Autoren argumentieren einerseits, dass der wachsende militärische Druck auf den IS eine Rolle spiele, auch die von "Gewalt und Brutalität gekennzeichneten Lebensbedingungen" beim IS hätten zu Ernüchterung geführt. Auch sei festzustellen, dass es unter den zurückkehrenden IS-Anhängern mehr Bereitschaft zur Kooperation mit den Sicherheitsbehörden gebe - inzwischen liege diese bei 20 Prozent. Auch verstärkte Ausreisekontrollen und der Entzug von Pässen spielten eine Rolle.

In Deutschland ist die Gefahr eines Anschlags hoch

Andererseits weist die Studie darauf hin, dass der IS seine Anhänger dazu auffordere, "nicht mehr in das Kalifat auszureisen, sondern in ihren Heimatländern Anschläge zu begehen". Ob dies mit den rückläufigen Ausreisezahlen zusammenhänge, könne nicht beantwortet werden. Die Sicherheitslage für Deutschland habe sich dennoch verschärft, die Ideologie des IS finde immer noch viele Anhänger, wie die Anschläge in Deutschland bewiesen, so die Studie. Es bestehe eine Bedrohung durch die Rückkehrer und "eine schwer einzuschätzende Zahl von hiergebliebenen radikalisierten Personen".

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