"Islamischer Staat" IS-Terrormiliz geht das Öl aus

Die Ölfelder des "Islamischen Staates" sind groß - aber nicht so groß wie angenommen.

(Foto: SZ-Grafik, SZ-Recherche)
  • Die Terrormiliz "Islamischer Staat" gilt als reich - doch sie verdient weit weniger durch Erdöl-Verkauf als bisher angenommen.
  • Dem BND zufolge sind bisherige Einnahmeschätzungen "wenig realistisch" und "weit übertrieben".
  • Mehr als 50 Prozent der IS-Ölverarbeitungskapazitäten könnten demnach durch die US-Luftangriffe zerstört worden sein. Zudem fehlen allerorten ausländische Experten, die für die Ölproduktion nötig sind.
Von Hans Leyendecker und Georg Mascolo

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verdient weit weniger durch den Verkauf von Erdöl als bislang angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR der Bundesnachrichtendienst (BND) in einer vertraulichen Analyse für die Bundesregierung.

Der IS gilt als die reichste Terrorbande aller Zeiten. Ihr Vermögen wird von einigen Nachrichtendiensten auf weit mehr als eine Milliarde Dollar geschätzt. IS finanziert sich weitgehend selbst. Das Geld stammt vor allem aus Erpressung, Kunstraub, Entführungen und Schmuggelgeschäften. Früher war angeblich Erdöl die Haupteinnahmequelle, heute sollen es die Steuern sein. Im Irak soll ein Großteil des Weizenhandels in Hand des IS sein.

Die Schätzungen seien "nicht plausibel"

Das Ölgeschäft hingegen bricht ab: In der Vergangenheit war, teilweise mit Verweis auf Angaben des amerikanischen United States Central Command (Centcom), von Öleinnahmen des IS in Höhe von einer Milliarde Dollar berichtet worden. Manche Experten gingen sogar von Jahreserlösen in Höhe von zwei bis drei Milliarden Euro aus.

Der BND kam jetzt zu dem Ergebnis, dass sich die diversen Einnahmeschätzungen vor allem auf Angaben der Nichtregierungsorganisation Iraq Energy Institute stützen, auf die sich offenbar auch das Centcom beziehe. Die Schätzungen des Instituts seien, in Teilen zumindest, "wenig realistisch" und " nicht plausibel".

"Bei genauerer Betrachtung" jedenfalls erwiesen sich die "Spekulationen über derart hohe Einnahmen als weit übertrieben". Der BND geht davon aus, dass die IS-Ölgeschäfte derzeit weniger als hundert Millionen Dollar im Jahr bringen. Diese Schätzung sei vermutlich immer noch zu hoch. "Perspektivisch" betrachtet dürften die Erlöse sogar "erheblich niedriger liegen".

Den größten Teil des Öls verbraucht der IS mittlerweile selbst

Die Terrormiliz kontrolliert seit etlichen Monaten Ölfelder in Ostsyrien und im Nordirak, und Öl war von Anfang ein Kernstück der ökonomischen IS-Strategie, die es auch gibt. Aber das Ölgeschäft kennt immer Konjunkturen und im Fall IS gilt das offenbar ganz besonders.

Die frühere Produktion aller zumindest zeitweise unter IS-Kontrolle stehenden Anlagen lag laut Angaben des BND bei 172 000 Barrel pro Tag. Im August dieses Jahres seien es schätzungsweise noch 64 000 Barrel gewesen. Wichtige Ölgebiete im Irak stünden seitdem aber nicht mehr unter der Kontrolle des IS. Die aktuelle Produktion wird in der im vorigen Monat erstellten BND-Analyse auf 28 000 Barrel geschätzt. Allenfalls 10 000 Barrel gelangten in den Export.

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Den größten Teil der "noch vorhandenen Erdölförderung" verbrauche der IS mittlerweile selbst. Die Berechnung des "Eigenverbrauchs" des IS werde aber "in vielen Schätzungen gänzlich vernachlässigt". So bräuchten Gewerbebetriebe in den vom IS kontrollierten Gebieten den Brennstoff. Eine "ausreichende Versorgung der Zivilbevölkerung" mit Öl könne die Terrormiliz "derzeit nicht gewährleisten". Wegen einer Verknappung von Treib-und Kraftstoffen sei es sogar zu erheblichen Preisaufschlägen vor allem für Diesel gekommen. Es gebe Hinweise, dass sich die Preise mehr als verdoppelt hätten.