Islamischer Staat Alltag im "Kalifat"

Ein Archivbild aus dem Jahr 2014 zeigt Angehörige der Terrormiliz Islamischer Staat in der irakischen Stadt Mossul

(Foto: AP)
  • Vor einem Jahr hat die Terrormiliz Isis die Stadt Mossul erobert. Danach rief ihr selbsternannter Kalif den "Islamischen Staat" aus.
  • Seitdem müssen sich die Menschen dort nach den strengen Regeln der Fundamentalisten richten.
  • Wie das Leben in Mossul aussieht, zeigt nun eine Reihe von Videos der BBC.

Sie enthaupten oder verbrennen Gefangene, ermorden schiitische Muslime, stürzen Ehebrecher von Hausdächern in den Tod oder steinigen sie, amputieren Dieben Hände und verkaufen jesidische Frauen als Sex-Sklavinnen auf einem öffentlichen Basar. Was die Fundamentalisten im "Islamischen Staat" anrichten, ist an Barbarei kaum zu überbieten.

Seit etwa einem Jahr - seit der Eroberung Mossuls, der zweitgrößten Stadt des Irak, am 10. Juni - können sie ihre Schreckensherrschaft ausüben. Bald darauf waren die nordirakischen Provinzen Anbar, Niniveh und Salahaddin mit den Städten Falludscha, Ramadi und Tikrit weitgehend in ihren Händen.

Für den Anführer der sunnitischen Extremisten, Abu Bakr al-Baghdadi, war damit der Zeitpunkt gekommen, sich zum Kalifen eines "Islamischen Staates" auszurufen - einem Gebilde, das sich inzwischen über große Teile des Irak und Syriens erstreckt. Selbstgesetztes Ziel ist es, die gesamte sunnitische Welt unter der Kontrolle des neuen "Kalifen" zu vereinen.

Seitdem sind die von den Terroristen und ihren lokalen sunnitischen Verbündeten kontrollierten Gebiete von der übrigen Welt abgeschottet, Informationen über die Zustände im sogenannten "Kalifat" dringen selten nach Außen.

Was aber geht vor in dieser Gesellschaft, in der etliche Menschen die Islamisten unterstützen, andere sich arrangieren, und weitere sich aus Furcht dem strikten Reglement der Fundamentalisten unterwerfen?

Neue Informationen über den "Islamischen Staat" bestätigen zum Teil frühere Berichte, werfen aber auch Licht auf Facetten im Alltag der Menschen im "Kalifat", die weniger wahrgenommen werden.

Frauen werden versklavt und verkauft

So hat das US-Militär kürzlich neue Informationen darüber gewonnen, wie die Führung des "Kalifats" organisiert ist. Wie die New York Times berichtet, stammen sie von Computern, Festplatten und Mobiltelefonen des IS-Führers Abu Sayyaf, der bei der Aktion einer US-Spezialeinheit in der syrischen Stadt al-Amr getötet wurde. Erkenntnisse konnte das US-Militär offenbar auch durch die "Befragung" von Sayyafs Frau gewinnen, die bei der Aktion festgenommen wurde.

Der US-Zeitung zufolge trifft sich al-Baghdadi demnach regelmäßig mit IS-Anführern, sogenannten Emiren, in der syrischen Stadt Raqqa. Die Kommunikation zwischen einzelnen IS-Kommandeuren läuft offenbar zum Teil über deren Frauen, die vom US-Militär und den Geheimdiensten nicht so intensiv überwacht werden wie ihre Männer.

Ein erschütternder Bericht über das Schicksal Gefangener kommt von der Sonderbeauftragten des UN-Generalsekretärs für sexuelle Gewalt in Konflikten, Zainab Hawa Bangura. Die Diplomatin aus Sierra Leone hat Lager mit Flüchtlingen aus den vom IS eroberten Gebieten befragt und will dabei erfahren haben, wie die Terrormilizen mit jesidischen Frauen umgehen, die ihnen in die Hände fallen. Wie Bangura dem US-Sender CNN sagte, werden junge Frauen demnach nach Raqqa geschafft und auf einem öffentlichen Basar nackt als Sklavinnen angeboten. Sie kenne einen Fall, in dem eine Frau "für eine Schachtel Zigaretten" verkauft worden sei, sagte Bangura.

Das Leben in der Stadt Mossul hat der Journalist Ghadi Sary von der BBC mit einer Reihe Videos dokumentiert, die im vergangenen Jahr über mehrere Monate aufgenommen wurden.

Gesprengte Moscheen, geschlossene Schulen

Die Videos aus Mossul zeigen gesprengte Moscheen und zerstörte Schreine - alles, was nicht in die Vorstellung der IS-Extremisten vom einzig wahren Islam passt, muss verschwinden. Gebäude, in denen Angehörige der religiösen und ethnischen Minderheiten der Stadt wohnten, stehen leer, manche von ihnen wurden mit einem "N" für "Nasrani" (Christen) markiert.

Die Imame der Moscheen wurden durch fundamentalistische Prediger ersetzt, die Kinder in den Schulen, die nicht geschlossen sind, werden durch IS-Anhänger indoktriniert. Freizeitaktivitäten sind extrem eingeschränkt, selbst harmlose Picknicks sind einem Bewohner Mossuls zufolge verboten.

Die Gesetze im "Kalifat" sehen drastische Strafen vor, die öffentlich vollzogen werden: Schon Rauchen oder Alkoholkonsum wird mit Peitschenhieben bestraft, Dieben wird die Hand amputiert. Für einen Seitensprung werden Männer von Häusern in den Tod geworfen, Frauen gesteinigt. Angehörige von Verdächtigen werden gefoltert.

Frauen ist es nur vollständig verschleiert erlaubt, das Haus zu verlassen. Selbst wer lediglich den Gesichtsschleier, den Niqab, weglässt, muss mit Schlägen rechnen. Es gebe sogar Geschichten von Männern, die ausgepeitscht wurden, weil ihre Frauen in der Öffentlichkeit keine Handschuhe getragen hätten, erzählt eine Einwohnerin Mossuls.

Viele Menschen haben ihre Jobs verloren, wer Arbeit hat, muss für den Wiederaufbau der Stadt ein Viertel seines Einkommens an den IS zahlen. Treibstoff ist knapp. Wie aus den Unterlagen und Daten Abu Sayyafs hervorgeht, steckt das Kalifat die Hälfte der Einkünfte aus dem Ölgeschäft in die Kriegsführung. Die andere Hälfte werde benötigt, um die Ölproduktion am Laufen zu halten und die Ölarbeiter zu bezahlen. Diese werden vom US-Militär nun als "Angestellte" des IS betrachtet und stellen somit legitime Angriffsziele der Amerikaner dar.

Die Bemühungen der irakischen Regierung und der Machthaber in Syrien, ihre verlorenen Gebiete zurückzuerobern, waren bislang nur mäßig erfolgreich. Etliche Vertreter sunnitischer Stämme in der irakischen Provinz Anbar haben sich dem Spiegel zufolge jüngst sogar dem Kalifen angeschlossen. Sie sehen ihren wichtigsten Gegner nicht in den Dschihadisten, sondern in der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad, die von Iran unterstützt wird.

Im Bund mit dem Terror

Von wegen "Islamischer Staat": In Wahrheit können die Terroristen ihre Schreckensherrschaft nur mit Hilfe sunnitischer Scheichs ausüben. Der Erfolg der irakischen Regierung im Kampf gegen den IS hängt davon ab, ob sie die Clans zu Verbündeten machen kann. Eine Analyse von Markus C. Schulte von Drach mehr ... Analyse