Wie ein muslimisch-christlich-staatliches Dialogforum die Scharia deutet: Für Muslime schließen sich Glaube und Missachtung des demokratischen Rechtsstaats aus.

Die Scharia. In der Debatte, ob Islam und demokratischer Staat vereinbar sind, steht das islamische Rechtssystem im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen: Wie ist es auszulegen, und wie verbindlich sind seine im Mittelalter entstandenen Regeln? Das Deutsche Islamforum, ein Dialogkreis von Vertretern islamischer Verbände und des Staates, von Wissenschaftlern und Kirchenvertretern, hat zur Islamkonferenz von Innenminister Wolfgang Schäuble deutlich gemacht: Für Muslime schließen sich Glaube und Missachtung des demokratischen Rechtsstaats aus.

Die Sehitlik-Moschee in Berlin. Islamisches Leben gehört zur Realität in Deutschland - doch das Verhältnis von Scharia und westlicher Demokratie ist noch längst nicht geklärt. (© Foto: dpa)

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In der deutschen Öffentlichkeit gibt es viele Vorurteile zur Scharia. Von manchen wird behauptet, Muslime wollten in Deutschland die Scharia einführen, die dann oft noch als verfassungsfeindlich bezeichnet wird. Für die meisten Muslime ist die Einführung der Scharia kein Thema. Es ist für sie befremdlich, dass Nichtmuslime sagen, Muslime wollten die Scharia hier einführen. (. . .)

Die Scharia beschreibt das richtige Verhalten des Menschen in Bezug auf Gott sowie in Bezug auf andere Menschen und die Schöpfung allgemein. Zur Scharia gehören zum Beispiel das Glaubensbekenntnis, das tägliche Gebet, die Armensteuer, das Fasten im Monat Ramadan, die Pilgerfahrt nach Mekka sowie zwischenmenschliche Verhaltensregeln. In einigen islamisch geprägten Ländern gehören auch die Regelungen zwischen dem Staat und der islamischen Religion, die allerdings in vielen muslimischen Ländern und in Deutschland keine Gültigkeit haben. (. . .)

"In der Vielfalt liegt die Gnade."

Der Koran gilt im Islam als Quelle der Scharia. An zweiter Stelle steht die "Sunna", die Lebenspraxis des Propheten. (. . .) Auf der Grundlage von Koran und Hadithen schufen dann islamische Gelehrte Rechtssammlungen. Für neu auftauchende Fragen, auf die man im Koran keine explizite Antwort finden konnte, traten für die islamischen Gelehrten zwei weitere Quellen hinzu: "Idschma" als Konsens der islamischen Umma beziehungsweise Gelehrten und "qiyas", der Analogieschluss. Dadurch wird die Anpassung islamischen Rechts an sich verändernde oder ganz neue Gegebenheiten gewährleistet. (. . .) Häufig wird auf den islamischen Grundsatz hingewiesen: "In der Vielfalt liegt die Gnade." In einzelnen Fragen sind unterschiedliche Antworten möglich. Daraus ergibt sich eine Dynamik, die auch für Diskussionen in Deutschland von Bedeutung ist. (. . .)

Muslime in Deutschland kommen aus verschiedenen islamisch geprägten Ländern. Für sie alle gelten die Glaubensartikel und ethischen Regeln entsprechend den fünf Säulen des Islam. Bei Einzelfragen gibt es jedoch Unterschiede, die auch in Deutschland fortbestehen. Durch die zunehmende Zusammenarbeit der Muslime entwickeln sich Verhaltensweisen, die von den meisten Muslimen geteilt werden. So gibt es hier zum Beispiel eine intensive Diskussion über die Menschenrechte, die im Sinne des Islams und mit ihm vereinbar sind. Daher lehnen sie Praktiken ab, die in manchen Herkunftsländern Geltung haben und gegen Menschenrechte wie die Religionsfreiheit, die körperliche Unversehrtheit oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau verstoßen. "Ehrenmorde" oder "Zwangsheiraten", die in manchen Ländern praktiziert werden, sind mit dem Islam unvereinbar und werden verurteilt.

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