Der Dialog zwischen Islam und deutschen Regierungsstellen soll endlich in Gang kommen - das wünschen beide Seiten. Dissens gibt es jedoch in der Frage, wer zur Islam-Konferenz eingeladen wurde.
Bund, Länder und Kommunen suchen seit Jahren nach anerkannten muslimischen Ansprechpartnern, und die islamischen Verbände in Deutschland wollen als solche Gesprächspartner akzeptiert werden. Am Mittwoch sollen beide Seiten auf Einladung von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) erstmals an einem Tisch sitzen.
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Allerdings gibt es Streit darüber, wer die Muslime bei der "Deutschen Islam-Konferenz" in Berlin vertreten darf. Die größten islamischen Dachverbände kritisierten scharf, dass sie zusammen nur vier von 15 Vertretern auf muslimischer Seite stellen.
Vorbehalte gegen "staatlich sanktionierten Debattierclub"
Der Generalsekretär des Zentralrats, Aiman Mazyek, sagte der Frankfurter Rundschau: "Die Zusammensetzung der Islam-Konferenz stellt nicht den richtigen Proporz dar.".Er forderte, dass die vier großen muslimischen Dachverbände, zu denen auch der Zentralrat zählt, die Hauptansprechpartner sein müssten. Dem laufe zuwider, dass zehn Einzelpersönlichkeiten eingeladen seien, die einen eher säkularen Islam repräsentieren. Momentan habe er den Eindruck, die Regierung wolle "einen staatlich sanktionierten Debattierclub aufmachen".
In der Netzeitung war Mazyek Schäuble vor, die muslimischen Verbände gegen einzelne Vertreter auszuspielen. "Es kann nicht angehen, dass der Staat das Guter-Muslim-Böser-Muslim-Spiel mitspielt. Hier die konservativen Verbände, dort die aufgeklärten Einzelpersonen." Trotzdem wollen die Verbände laut gemeinsamer Erklärung am Auftakt der Konferenz teilnehmen. Dahinter steckt allerdings die Mahnung, dass sie ihre Teilnahme später überdenken könnten.
Der Vorsitzende des Islamrates in Deutschland, Ali Kizilkaya, kritisierte in der Neuen Osnabrücker Zeitung, dass die muslimischen Verbände nur unzureichend über die Inhalte der Konferenz informiert worden seien. "Das meiste, was in der Konferenz angeblich stattfinden soll, haben wir aus den Medien erfahren", sagte er. Man begrüße jedoch, "dass so etwas endlich stattfindet, wenn auch spät". Vom Gipfel erwarte er endlich eine Gleichstellung des Islam mit anderen Religionsgemeinschaften. Bisher seien den Verbänden viele öffentliche Möglichkeiten nicht zugänglich, etwa die Vertretung in Rundfunkräten.
Innenministerium setzt auf "modernen Islam"
Das Innenministerium betonte dagegen, dass der Teilnehmerkreis für die nächsten Jahre nicht fest sei. Es seien mehrere Arbeitsgruppen geplant, so dass sich die Zahl der Vertreter auf muslimischer Seite noch verändern könne.
Um ein möglichst breites Spektrum unterschiedlicher Stimmen zu hören, hat Schäuble zehn muslimische Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur eingeladen. Sie sollen laut Innenministerium einen "modernen Islam" vertreten. Dazu gehören die Soziologin Necla Kelek und die Berliner Frauenrechtsaktivistin Seyran Ates, von denen eine scharfe Kritik an der Benachteiligung von Frauen in traditionell geprägten Kreisen zu erwarten ist.
Auch die Schriftsteller Navid Kermani und Feridun Zaimoglu und der Vorsitzende der nicht-religiösen Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, werden mit am Tisch sitzen. Sie alle dürften dafür sorgen, dass der angestrebte Dialog nicht nur zwischen Muslimen und Regierungsvertretern stattfindet, sondern auch unter den muslimischen Vertretern selbst.
Aleviten wollen eigenen Religionsunterricht
Keine Probleme mit der Zusammensetzung der Konferenzteilnehmer hat nach eigenen Angaben die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF). Sie ist einer von fünf geladenen Dachverbänden. Allerdings möchte die Alevitische Gemeinde nicht als Teil des Islam, sondern als unabhängige Glaubensgemeinschaft wahrgenommen werden. "Wir werden immer als liberale Muslime bezeichnet, aber wir sind eine eigenständige Religionsgemeinschaft", betont AABF-Generalsekretär Ali Ertan Toprak. Außerdem möchten die Aleviten einen eigenen Religionsunterricht erteilen.Schätzung zufolge leben in Deutschland rund 500.000 Aleviten.
Die Themenliste für die Auftaktkonferenz am Mittwoch und die Folgetreffen ist lang. Die Regierungsseite will mit dem auf zwei bis drei Jahre angelegten Gesprächsprozess das Verhältnis von Muslimen und Nicht-Muslimen "auf eine tragfähige Grundlage" stellen.
Dazu gehören laut Innenministerium neben einer verbesserten Integration der Muslime und dem Kampf gegen islamistischen Extremismus vor allem Regelungen für einen islamischen Religionsunterricht und die Ausbildung von Imamen in Deutschland.
Islam in Deutschland vor rechtlicher Anerkennung
Eine Integration des Islam in die deutsche Staatsordnung wünschen sich auch die eingeladenen Verbände Türkisch-Islamische Union (DITIB), Islamrat, Zentralrat der Muslime und Verband der Islamischen Kulturzentren.
Auch der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet sprach sich für die rechtliche Anerkennung des Islams in Deutschland aus. Eine ähnliche staatsrechtliche Vereinbarung wie mit den Kirchen wäre wünschenswert, sagte der CDU-Politiker der Berliner Zeitung.
Der Minister stellte aber klar, dass mit einer solchen Vereinbarung der Islam nicht mit den christlichen Kirchen gleichgestellt werde. "Dazu wäre die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts nötig", wurde Laschet zitiert. Dafür müssten die Muslime selbst ihre Organisationsform als Religionsgemeinschaft finden. Das sei aber in drei Jahren nicht zu erreichen.
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(sueddeutsche.de)
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