Islam in Deutschland Zwölf Jahre Streit über einen einzigen Satz

Der Islam gehört für ihn nicht zu Deutschland: Horst Seehofer.

(Foto: AFP)

Seehofer sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Er bringt damit einen Satz wieder in die Schlagzeilen, der 2006 seinen ersten Auftritt hatte - und fälschlicherweise Christian Wulff zugeschrieben wird. Ein Rückblick.

Von Anna Reuß

Erst kurz im Amt und schon hat es Innenminister Horst Seehofer geschafft, die Diskussion über den Islam in Deutschland neu zu befeuern. Der CSU-Politiker sagt in einem Interview, er halte die Aussage "der Islam gehört zu Deutschland" für falsch. Damit zitiert er einen Satz, dessen Geschichte weit zurück reicht: so weit, dass Seehofer damals noch nicht einmal Ministerpräsident Bayerns war. Ein Rückblick.

Wolfgang Schäuble, 28.09.2006

"Der Islam ist Teil Deutschlands und Europas. Der Islam ist Teil unserer Gegenwart und unserer Zukunft."

Die Aussage, dass der Islam zu Deutschland gehöre, wird fälschlicherweise Christian Wulff zugeschrieben. In Wahrheit ruft im Jahr 2006 jedoch Wolfgang Schäuble, zu dieser Zeit Bundesinnenminister, erstmals die Islamkonferenz zusammen und sagt den Satz in seiner Eröffnungsrede. Mit ihm stellt er das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland auf eine neue Grundlage.

Seehofer: Der Islam gehört nicht zu Deutschland

Das sagt der neue Bundesinnenminister von der CSU in einem Interview - und widerspricht damit der Kanzlerin. Die hat bei mehreren Gelegenheiten das Gegenteil beteuert. mehr ...

Christian Wulff, 03.10.2010

"Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland."

Vier Jahre später greift Bundespräsident Christian Wulff (CDU) die Aussage in seiner Ansprache zum Tag der Deutschen Einheit auf - angeblich auf Anraten eines afghanisch-stämmigen Fernsehproduzenten. Das Bekenntnis Wulffs zum Islam als Teil von Deutschland erzeugt deutlich mehr Echo, als es 2006 bei Schäuble der Fall war. Wenige Monate zuvor ist das Buch Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin mit umstrittenen Thesen zur Zuwanderung aus islamisch-geprägten Ländern erschienen. Dass er sich in der Kontroverse klar gegen Sarrazin positioniert, bringt Wulff Kritik ein.

Hans-Peter Friedrich, 03.03.2011

"Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgendwo belegen lässt."

So widerspricht ihm etwa sein Unionskollege Hans-Peter Friedrich (CSU), kurz nachdem er das Amt des Bundesinnenministers übernommen hat. Er betont jedoch, dass er der Islamkonferenz einen hohen Stellenwert beimessen wolle.

Volker Kauder, 19.04.2012

"Der Islam ist nicht Teil unserer Tradition und Identität in Deutschland und gehört somit nicht zu Deutschland."

Auch Volker Kauder (CDU) , der damalige Unionsfraktionschef, betont am Rande der Islamkonferenz 2012, dass der Islam aus seiner Sicht nicht zu Deutschland gehöre und begründet dies mit unterschiedlichen Traditionen. Er fügt hinzu, dass die Muslime im Land jedoch zu Deutschland gehörten: "Sie genießen selbstverständlich als Staatsbürger die vollen Rechte."

Joachim Gauck, 03.05.2012

"Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland."

In einem Interview mit der Zeit gibt sich Joachim Gauck, Wulffs Nachfolger als Bundespräsident, diplomatisch. Auf die Frage, wie er den Satz anstelle Wulffs denn formuliert hätte, sagt er, er hätte einfach gesagt, die Muslime gehörten zu Deutschland. "Ein-Satz-Formulierungen über Zugehörigkeit" seien immer problematisch.

Markus Söder, 2012

"Der Islam ist ein Bestandteil Bayerns."

Als er noch Finanzminister Bayerns ist, sagt Markus Söder (CSU) bei einem Kulturfest der türkischen Ditib-Gemeinde Nürnberg, dass er den Islam für einen Teil des Freistaats halte. Von den circa 1000 Zuhörern erhält er dafür großen Applaus, wie ein Vertreter des Islamverbands später schildern wird. Wenige Tage vor dieser Rede war Söder noch auf einer Dienstreise in der Türkei. Mit dieser Äußerung positioniert sich Söder zum Teil gegen Äußerungen aus der CSU zum Thema Islam.

Nach Seehofers Aussagen mehr als fünf Jahre später wird Söder im ZDF sagen: Muslime, die in Deutschland lebten, Steuern zahlten, arbeiteten, sich einbrächten und sich auf der deutschen Wertebasis bewegten, seien fester Bestandteil der Gesellschaft. "Aber der Islam gehört kulturgeschichtlich nicht zu Deutschland."

Angela Merkel, 12.01.2015

"Der Islam gehört zu Deutschland - und das ist so, dieser Meinung bin ich auch."

Merkels Reaktion auf Seehofer bekräftigt die Haltung, die sie seit 2015 vertritt. Damals entfachen die Terroranschläge in Paris erneut die Diskussion um den Platz des Islams in Europa. Bei einem Besuch des damaligen türkischen Außenministers Ahmet Davutoğlu beteuert Merkel, dass Wulffs Satz für sie nach wie vor richtig sei. Trotzdem spricht sie sich 2015 für die "Notwendigkeit" aus, den Dialog zwischen den Religionen noch zu verstärken: "Es gibt viel Unkenntnis."

Thomas de Maizière, 25.01.2015

"Was die Rolle des Islam angeht, so müssen wir darauf bestehen, dass Religionen versöhnen und nicht spalten, dass Religionsfreiheit Rücksichtnahme heißt - und dann gehören die Muslime und auch der Islam zu Deutschland."

Rückenwind dafür erhält Merkel aus dem eigenen Kabinett, etwa von Thomas de Maizière (CDU), dem damaligen Bundesinnenminister. Für ihn gehören Muslime und der Islam ebenfalls zu Deutschland. Ein Jahr später wird er zum zehnjährigen Bestehen der Islamkonferenz deren Erfolg hervorheben.

Norbert Lammert, 28.02.2015

"Der Islam gehört inzwischen zu den Religionen, die in Deutschland erhebliche Verbreitung finden."

Etwas zurückhaltender formuliert es 2015 Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Er spricht von einer "erheblichen Verbreitung" des Islam, sagt jedoch nicht, ob er aus seiner Sicht ein Teil von Deutschland ist.

Stanislaw Tillich, 21.05.2015

"Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört."

In der Debatte gibt Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) seiner Parteifreundin Merkel Konter. Er teile diese Auffassung nicht, sagt er der Welt am Sonntag. Muslime seien in Deutschland willkommen und könnten ihre Religion ausüben. Zu Deutschland gehöre der Islam deswegen jedoch nicht.

Christian Lindner, 29.07.2016

"Der Islam gehört zu Deutschland - das ist mir zu pauschal."

FDP-Chef Christian Lindner will sich 2016 in einem Interview mit der WAZ weder zu der Aussage verleiten lassen, dass für ihn der Islam zu Deutschland gehöre, noch dass er nicht dazugehöre - "zu pauschal" sei das. Den Islam als Teil von Deutschland zu benennen könne als "kritikloses Nebeneinander missverstanden" werden.

Horst Seehofer, 16.03.2018

"Der Islam gehört nicht zu Deutschland."

"Muslime müssen mit uns leben, nicht neben oder gegen uns." So lautet die Botschaft des neuen Bundesinnenministers Seehofer (CSU), die er kürzlich in der Bild-Zeitung verlauten ließ. "Um das zu erreichen, brauchen wir gegenseitiges Verständnis und Rücksichtnahme. Das erreicht man nur, wenn man miteinander spricht." Der Islam gehört für Seehofer nicht zu Deutschland, macht er unmissverständlich klar. Das Land sei durch das Christentum geprägt. "Dazu gehören der freie Sonntag, kirchliche Feiertage und Rituale wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten."

Merkel widerspricht ihrem neuen Innenminister

"Diese Muslime gehören auch zu Deutschland und genauso gehört ihre Religion damit zu Deutschland", sagt die Kanzlerin. Weitere Politiker von links und rechts reagieren auf Seehofers Islam-Äußerungen. Dieser wehrt sich gegen die Kritik. mehr...