Von Elmar Jung

Die Moschee: Brutstätte von Hass und Zwietracht? Die gläubigen Muslime: allesamt potentielle Gotteskrieger? Ein unangekündigter Besucher in einer Berliner Moschee erlebte Offenheit und Toleranz.

Die Gruppe sieht aus, als hätte sie einen Geist gesehen. Mit weit aufgerissenen Augen sitzen fünf Männer auf einer Holzbank und starren zur Tür. Einer muss husten. Gerade waren sie noch in rege Gespräche vertieft, jetzt herrscht Stille.

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Die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Berlin (© Foto: dpa)

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Dann fangen sich die Herren mit den schwarzen Bärten und weißen Häkelmützen wieder. "Mitbeten?", fragt einer: "Kein Problem. Einfach nur die Schuhe ausziehen und den anderen hinterher." Das war einfach, aber noch ist Zeit bis zum Gebett.

In Hamids Kiosk auf dem Gelände der Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln ist es mollig warm. Es gibt starken Schwarztee. Auf einem riesigen Flachbildschirm in der Ecke läuft Turk Max, ein türkischer Kabelkanal, der sich eigentlich auf seichte Unterhaltung aus Nahost spezialisiert hat - jetzt aber laufen Nachrichten.

Auch das Gespräch, das die fünf Männer auf der Holzbank inzwischen wieder aufgenommen haben, dreht sich um Politik. "Die hat in den Gebeten nichts zu suchen. Also sprechen wir vorher darüber", sagt Hamid, 34, kahlrasierter Schädel, grauer Pullover, schwarze Jeans.

Die Gespräche sind leidenschaftlich. Wild wird gestikuliert. Der Lärmpegel ist manchmal so hoch, dass die blonde Nachrichtensprecherin im Fernsehen kaum mehr zu hören ist. Sie essen Sesamkekse.

Fast vergessen die Männer die Zeit - dabei ist es 17.55 Uhr. Also nur noch drei Minuten bis zum Abendgebet. "Mensch, wir müssen los", ruft einer. Zum Glück sind es bis zur Moschee nur einige Meter.

Draußen ist es so dunkel, dass die Nacht selbst die strahlend weißen, 37 Meter hohen Minarette verschluckt. Nur zwei rote Signallampen an den Turmspitzen blinken regelmäßig und verraten dem Luftverkehr deren Position. Die osmanischen Kurven des Bauwerks zeichnen sich als Silhouette ab. Aus dem Inneren ist bereits der Gesang des Imams, des Vorbeters, zu hören.

Die Gebetszeiten im Islam werden nach dem Stand der Sonne berechnet, sie ändern sich also jeden Tag um ein paar Minuten. "Wir versuchen schon, die Zeiten genau einzuhalten", sagt Selim, ein kräftig gebauter Mann: "Aber eine Minute hin oder her: Wir sind halt auch nur Menschen."

Drinnen haben sich nur 16 Gläubige eingefunden. Sie verteilen sich gleichmäßig über die riesige Gebetshalle. Heute beten die Männer im Erdgeschoss, weil es nur so wenige sind und sie sich im noch größeren Gewölbe des ersten Stockwerks noch mehr verlieren würden. Aber auch, weil heute weit und breit keine Frauen zu sehen sind, für die eigentlich das Erdgeschoss reserviert ist. "Ich weiß auch nicht, was los ist", sagt Selim.

Es herrscht absolute Ruhe. Nur der Gesang des Imams hallt durch den Raum. Und obwohl man nichts versteht, erfüllt es einen mit Ehrfurcht. Immer wieder knien die Gläubigen auf dem flauschigen Teppich nieder, stehen wieder auf. Das Knacken von Gelenken ist zu hören. Manchmal reißt einen dieses typische Handy-Störgeräusch über die Lautsprecher aus den Träumen von Tausendundeiner  Nacht.

Das Gebet scheint weit weniger streng abzulaufen, als es sich ein Außenstehender vorstellt. Nach den ersten Lobpreisungen Allahs hat jeder sein eigenes Tempo. Manche sind eher fertig, andere stoßen erst später hinzu. Die Weltreligion des Islam lässt beim Gebet viel Individualismus zu - und Toleranz.

Niemanden stört sich hier an dem Christen, der hier zusieht, wie sich Moslems ihrem Gott offenbaren und ihr Innerstes nach außen kehren. Auch nach dem Gebet: kein Misstrauen, keine argwöhnischen Blicke. Sondern vielmehr freundliche Gesichter, in denen man den Wunsch zu erkennen glaubt, dass sich doch bitte mehr Andersgläubige ein Bild vor Ort machen mögen.

Nach 25 Minuten ist das Gebet vorbei. Der Imam verschwindet ebenso schnell, wie er aufgetaucht ist. Er wolle jetzt nichts sagen, sagt er.

"So sehr unterscheiden sich unsere Religionen gar nicht"

Yussuf ist enttäuscht, dass nur so wenige gekommen sind. Früher seien es mehr gewesen. Der 26-Jährige trägt ein weißes Gewandt, eine randlose Brille und einen schwarzen, buschigen Vollbart. Yussuf kennt den Koran gut, er kommt zu allen fünf Tagesgebeten in die Moschee. Auch wenn es nicht immer ganz einfach ist, den modernen Alltag mit den traditionellen Ritualen zu vereinbaren, sagt er.

"Die meisten Moslems haben mit dem Islam nicht mehr viel am Hut", ärgert sich Yussuf. Sie würden sich lieber in Kneipen rumtreiben und rauchen und trinken. Dabei könnten sie jederzeit wieder auf den Weg der Tugend zurückkehren. Sie müssten Allah nur um Vergebung bitten, und er würde sie ihnen gewähren. Das klingt nach der Beichte im Christentum. "Ganz genau", sagt Yussuf, "so sehr unterscheiden sich unsere Religionen gar nicht."

Bei den Gebeten gehe es nie um Politik, sagt der Gläubige noch: "Wir trennen das strikt." Und schon gar nicht werde Hass oder Zwietracht gepredigt - "oder zum Heiligen Krieg aufgerufen", so Yussuf weiter. Das sei "völliger Quatsch". Islam und Allah seien friedliebend und gütig. "Und jeder, der das nicht verstanden hat, ist kein guter Moslem."

Inzwischen hat sich das kleine Grüppchen Gläubiger wieder in Hamids Kiosk eingefunden. Sie haben nicht lange gebraucht, um sich an den Fremden zu gewöhnen. "Zum Abendgebet bekommen wir hier nicht oft Besuch", sagt Selim. Natürlich denke er erst einmal: Der kommt doch nur, weil er seine Vorurteile gegenüber dem Islam bestätigen will. Weil er nur Schlechtes sehen will.

Man hat das Gefühl, hier sitzen Menschen, die schon zu viele schlechte Erfahrungen gemacht haben. Die deshalb vorsichtig sind.

Hamid stellt noch ein Glas Tee auf den Tisch. Er zieht seine eigene Bilanz: "Wir sind nicht so schlecht, wie alle immer denken."

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(sueddeutsche.de/jja)