IS-Terrormiliz Wie der instabile Irak dem Westen gefährlich wird

Ein Peschmerga-Kämpfer der irakischen Kurden posiert für die Kamera.

(Foto: AFP)

Luftangriffe ja, aber "begrenzt". Und humanitäre Hilfe. Mehr will US-Präsident Barack Obama nicht tun gegen die IS-Terrormiliz im Irak. Doch deren Herrschaft bedroht auch den Rest der Welt. Wer das als Übertreibung abtut, der erinnere sich an die Taliban.

Kommentar von Tomas Avenarius

Der Präsident, wie immer entspannt, kündigt entschlossenes Handeln an. Zur selben Stunde harren in den Bergen des Nordirak Tausende Jesiden hungernd aus, ihre Angehörigen und Nachbarn werden unten in den Dörfern von den Militanten des Islamischen Staats (IS) abgeschlachtet oder lebendig begraben. Eigentlich müsste Präsident Barack Obama spätestens in diesem Moment seine Kampfjets fliegen lassen und seine Soldaten in Marsch setzen. Aber das kann und will er nicht: Amerika hat sich schon einmal verhoben im Irak. Also kündigt Obama begrenzte, aber anhaltende Luftangriffe auf die Radikal-Islamisten an, ohne den Einsatz von Bodentruppen natürlich. Und dazu humanitäre Hilfe, auch Care-Pakete für die Jesiden werden aus der Luft abgeworfen.

Das alles mag beruhigend klingen. Ehrlich war Obama aber nur in einem Punkt: "Wir werden dieses Problem nicht in ein paar Wochen lösen. Es wird dauern." Alles andere, was der Präsident signalisierte, diente der Beschwichtigung. Die USA und andere Staaten werden über kurz oder lang weit mehr unternehmen müssen gegen den Islamischen Staat, wahrscheinlich nicht nur aus der Luft.

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Die IS-Kämpfer übertreffen sogar die Brutalität der Taliban

Der sogenannte Kalifats-Staat im Irak und Syrien ist die bisher radikalste Kampfansage des Dschihadi-Islams überhaupt. Sie richtet sich nicht nur gegen die Muslim-Staaten, sondern eigentlich gegen den Rest der Welt. "Wir kennen keine Grenzen, wir kennen nur Fronten", sagen die Kämpfer des Kalifen Ibrahim. Das sind keine leeren Worte. Die Idee eines sunnitischen Gottesstaats, gepaart mit der Ideologie eines aggressiven, auf Ausdehnung angelegten Islams lebt von der Dynamik der Attacke und der Mission mit dem Schwert.

Und der selbsternannte Kalif Ibrahim hat alle Wahlfreiheit. Er kann jetzt die irakischen Kurden angreifen oder sich gegen Bagdad wenden. Vielleicht entscheidet er sich für den Libanon, Jordanien oder Saudi-Arabien. Der selbst ernannte Stellvertreter des Propheten mit seiner schon heute riesigen Basis im Irak und in Syrien kann das Staatensystem des Nahen Ostens aus den Angeln heben, wenn er Zeit und Raum gewinnt für Krieg, Terror, Propaganda, Mission.

Ein Volk auf der Flucht

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Aufgetaucht aus dem Nichts

Noch mehr Instabilität in Nahost, das betrifft auch den Rest der Welt - politisch, wirtschaftlich, militärisch. Wer dies als Übertreibung abtut, sollte sich erinnern: Die Taliban sind 1994 mehr oder weniger aus dem Nichts aufgetaucht. Sie haben erst Afghanistan erobert, dann in Kabul Ernst gemacht mit ihrem Staat. Der einäugige Taliban-Chef Mullah Omar ließ einen Umhang, der dem Propheten Mohammed gehört haben soll, aus dem Museum holen, hängte sich den fadenscheinigen Stoff um und nannte sich "Führer der Gläubigen". Nur in einem Punkt waren die afghanischen Fundamentalisten bescheidener: Ihr Staat hieß Emirat, nicht Kalifat.

Das sind Feinheiten, die Islamismus-Experten oder Dschihad-Fetischisten interessieren. Entscheidend ist, dass die Taliban Osama bin Laden Gastrecht gewährten. Der al-Qaida-Chef heckte dort den Plan für das folgenreichste Attentat der jüngsten Geschichte aus: Der 11. September war Konsequenz der Taliban-Staatswerdung. Und eine westliche Allianz kämpft deswegen am Hindukusch bis heute einen Krieg, der Ende 2014 mit dem Abzug der letzten Truppen enden soll und ein grandioser Misserfolg war.

Die neue Terror-Fakultät

Es gibt keinen wichtigen Unterschied zwischen dem Taliban-Staat und dem Kalifat ohne Grenzen. Allerdings stellen die IS-Kämpfer sogar die Brutalität afghanischer Dschihadis in den Schatten. Ganz sicher wird das Gebiet des Islamischen Staats neuen, noch raffinierteren Attentatsstrategen als Terror-Fakultät dienen. Die USA oder Europa, Saudi-Arabien sind mögliche Ziele. Und natürlich Israel.

Schon Taliban-Land war ein Magnet für junge Muslime aus aller Welt. Sie lernten das Kämpfen, bevor sie ausschwärmten in den Nahen Osten, den Kaukasus, nach Zentralasien. Die Folgen sind bekannt. In den Reihen des Islamischen Staats finden sich heute mehr Muslime mit europäischen Pässen, als je in Afghanistan waren. Sie werden heimkehren.

So bedeutet der Staat des selbsternannten Kalifen Ibrahim einen zivilisatorischen Rückschritt für die islamische Welt. Die brutal durchgesetzte Vision vom "reinen" Islam der Altvorderen im 7. Jahrhundert zerstört die kulturelle, ethnische und religiöse Vielfalt des Nahen Ostens. Auch der Islam selbst verliert. Sein Referenzsystem aus strengeren und moderateren Spielarten und Glaubensschulen zerbricht. Aus einer Weltreligion wird eine Ideologie für gewaltlüsterne Fanatiker. Wie viel und welches Unheil der Kalif in den USA oder Europa anrichtet, wird sich zeigen. Es empfiehlt sich, dem Schlimmsten rechtzeitig vorzubeugen.

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