Irland Keine Abtreibungen - nicht mal bei Vergewaltigungen

Protest vor der Universitätsklinik in Galway, 2012. Hier starb eine indische Patientin, der man zuvor einen Schwangerschaftsabbruch verweigert hatte.

(Foto: Cathal McNaughton/Reuters)

Nirgendwo in Europa sind die Abtreibungsgesetze so scharf wie in Irland. Jetzt wächst der Widerstand. Zu Besuch bei Aktivisten.

Von Ruth Eisenreich, Dublin

Tara Flynn lebt vom Witzigsein. Sie schreibt Kolumnen und Bücher, spielt in Comedyserien mit, wird in Radioshows eingeladen. Aber bei ihrem wichtigsten Auftritt der vergangenen Monate, in einem kleinen Park in Irlands Hauptstadt Dublin, da lachte niemand, und Flynn brach die Stimme weg. "Ich habe abgetrieben", sagte sie zum Auftakt des March for Choice, einer Demonstration für das Recht auf Abtreibung. "Ich bin keine Mörderin, ich bin keine Kriminelle." Sie stellte sich mit ihrem Auftritt an die Spitze eines Kampfs, der im Großteil Europas längst entschieden ist und in Irland gerade erst beginnt.

Irland führte 2015 als erster Staat weltweit per Volksabstimmung die Ehe für alle ein, stand plötzlich als liberales Musterland da. Doch dasselbe Land hat mit Malta die strengsten Abtreibungsgesetze der EU. 14 Jahre Haft drohen einer Frau, die in Irland abtreibt - selbst dann, wenn das Kind durch Vergewaltigung gezeugt wurde oder so schwer behindert ist, dass es bald nach der Geburt sterben würde. Einzige Ausnahme: akute Lebensgefahr für die Mutter.

Im Jahr 1971 erschien in Deutschland der Stern mit der berühmten Zeile "Wir haben abgetrieben". 45 Jahre später läuft in Irland eine ähnliche Kampagne. Tara Flynn machte den Anfang, ihr folgte eine Woche später die Irish Times-Journalistin Róisín Ingle, dann ging die Website "x-ile project" online, mit Fotos von Frauen, die abgetrieben haben. Mit liberalen Politikerinnen und Ärztinnen kämpfen sie für eine Abschaffung des achten Zusatzartikels der irischen Verfassung, der "unter Beachtung des gleichwertigen Lebensrechts der Mutter" das "Lebensrecht des Ungeborenen" schützt. Das Verbot bedeutet nicht, dass Irinnen nicht abtreiben. Allein in England und Wales haben 2014 mindestens 3735 irische Frauen abgetrieben; 76 000 waren es seit der Jahrtausendwende. Doch sie müssen dazu das Land verlassen.

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Zwei Stunden vor ihrem nächsten Comedy-Auftritt sitzt Tara Flynn in einer Dubliner Bar. Noch immer fällt es ihr schwer, über ihre Reise in die Niederlande vor zehn Jahren zu sprechen. 37 war sie damals, in der Klinik in Utrecht war sie die einzige Patientin ohne Begleitung. Einsam und verängstigt habe sie sich gefühlt: "Du sitzt im Flugzeug und weißt nicht, ob alles gutgegangen ist", sagt sie, "und du kannst nicht einmal deiner Hausärztin davon erzählen."

Immerhin konnte sich Flynn den Flug ins Ausland leisten. Jenen Frauen, denen das Geld dafür fehlt, bleiben nur Abtreibungspillen aus dem Internet - die aber oft der Zoll beschlagnahmt. Hat eine Frau nach der Einnahme über das normale Maß hinaus Schmerzen oder Blutungen, traue sie sich aus Angst vor Strafverfolgung oft nicht zum Arzt, sagt Evelyn Geraghty, Chefin des Beratungsteams der Irish Family Planning Association. Wie viele Frauen auf diese Art abtreiben, ist unklar; bekannt ist nur die Zahl der Abtreibungspillen, die der Zoll aus dem Verkehr gezogen hat: 1017 Packungen waren es 2014.

Der Beratungsraum, in dem Evelyn Geraghty arbeitet, liegt in einem Keller am Rande der Dubliner Innenstadt. Lamellenvorhänge an den Fenstern, Sicherheitstüren, Überwachungskamera. Vor zehn Jahren überfielen und besetzten radikale Lebensschützer die Klinik, die Beratung zu Verhütung anbietet, aber eben auch zu ungewollten Schwangerschaften; auch heute, sagt Geraghty, gebe es samstags Proteste vor der Klinik.

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